Sitzbänke in Stadtzentren: Commons gegen Kommerz?

IMG_0310Gerade komme ich von einem erschöpfenden Rundgang durch das Stadtzentrum von Florenz. Erschöpfend nicht etwa deshalb, weil ich hier zwischen Tausenden von Touristen arbeiten darf, sondern weil ich auf meinem Rundgang keine einzige Sitzbank fand, auf der ich mich mal hätte ausruhen können. Auf der Piazza bei den Uffizien scheint es keine einzige Sitzgelegenheit zu geben, die nicht in Form eines Cafés oder Restaurants in irgend einer Form kommerzialisiert ist. Einzige Ausnahme sind Sitzbank-ähnliche Strukturen, die man beim besten Willen nicht entfernen könnte, ohne das Stadtbild empfindlich zu stören – so zum Beispiel die Stufen zum Eingang des Doms. Egal, ob man müde ist und ein bißchen ausruhen möchte oder ob man einem der Strassenkünstler bei der Arbeit zusehen will – man ist erbarmungslos zum Stehen verdammt. Ob die Polizei käme, wenn man sich einfach auf den Boden setzt? Ich weiss es nicht, denn das Pflaster war mir für einen solchen Versuch zu dreckig.

IMG_0315Natürlich kamen mir sofort ganz andere Bilder in den Sinn, so der Jardin del Centenario von Coyoacán, einem Stadtteil von Mexico City. Dort waren so viele gußeiserne Sitzbänke aufgestellt, dass selbst sonntags, mit Live-Konzert und Akrobatikvorstellungen, mit Familienausflügen und politischen Demonstrationen immer ein Platz im Schatten zu bekommen war. Ich habe mich dort in den Schatten riesiger Platanen gesetzt und gefrühstückt, mit einem Baguet aus dem einen Laden und einem heissen Mokka aus dem anderen Café. Man hatte hier die Möglichkeit zu verweilen, sind in Ruhe zu überlegen wo man gleich ein Eis essen geht oder auch nicht, zu schwatzen, zu Menschen zu beobachten und die Sonne zu geniessen.

Die Restaurateure schien dies nicht weiter zu beunruhigen. Im Gegenteil. Ich hatte eher das Gefühl, dass Commons und Kommerz hier einträchtig koexistieren – oder ist das zu einfach gedacht? Jedenfalls hatte der Platz eine enorme Anziehungskraft – nicht nur für die Hand voll Touristen, sondern eben gerade auch für die Bewohner des Stadtteils (und zwar in allen Altersgruppen). Und von dieser Anziehungskraft profitierte ganz offensichtlich auch der Kommerz.

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PS: Silke findet, dass die Bänke so leer aussehen. Das liegt aber nur an meiner Angst, Menschen zu fotografieren. Ich finde es schrecklich schwierig einfach hinzustehen und „CLICK!“ ein paar Menschen in den Kasten zu sperren. Ich fotografiere deshalb lieber leere Bänke. In Wirklichkeit war hier immer was los.

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5 Gedanken zu „Sitzbänke in Stadtzentren: Commons gegen Kommerz?

  1. Ein italienischer Kollege hat heute die Frage geklärt. Es gibt nicht nur keine Sitzbänke, es ist auch verboten sich hinzusetzen – wegen der Abnutzung des Steins. Wenn die Polizei kommt und einen herumsitzend erwischt, dann ist zumindest theoretisch ein Bußgeld fällig. Ob es praktisch je verhängt wird, weiss ich nicht.

  2. Zufällig gibt es sogar einen Spiegel-Artikel zum Thema:
    http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,263118,00.html
    25 Sitzbänke auf dem Domplatz? Wo sollen die stehen? Im Dom? Ein solcher Unfug lässt einem ja den Mund offen stehen. Als gäbe es keine andere Art, die Kosten der Nutzung einer Stadt durch Millionen von Besucher zu finanzieren, als Hinsetzer mit einem Bußgeld zu belegen. Es ist derart offensichtlich, dass hier die Gemeingüter dem Zwang zum Kommerz geopfert wurden – die Verschmutzung zur Begründung für das Sitzverbot spottet doch jedem Menschenverstand.

  3. übrigens: im Dom von Florenz (solche Orte sind ja mitunter auch beliebter Fluchtpunkt für müde Füße und erhitzte Gemüter) steht keine einzige Bank! Ich konnte mich kürzlich davon überzeugen und habe mich dann einfach auf die Treppe gesetzt.
    Auf der Heimfahrt sagt der Taxifahrer reichlich empört: „Diese Stadt bietet den Touristen gar nichts. Keine Sitzbank, kein Trinkwasser. Sie kassiert nur.“ Dazu passt nun diese Meldung von heute: Staat und Stadt Florenz streiten um die Frage, wem der Michelangelo gehört.
    http://diepresse.com/home/kultur/kunst/587864/index.do?_vl_backlink=/home/kultur/kunst/index.do

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