Darwinfinken und die Krise der Vielfalt

Vielfalt bedeutet Lebensqualität. Vielfalt der Kultur, der Sprachen und Dialekte, der Nahrungsmittel. Vielfalt der Berufe, der Ideen und der Geschmäcker. Vielfalt der Farben, der Gerüche und Aromen, der handwerklichen Fertigkeiten. Vielfalt der Arten in den Biotopen der Welt, vom heimischen Gemüsebeet bis hin zum tropischen Regenwald. Schon meine Großmutter mahnte, ich solle mich abwechslungsreich ernähren – ein Vorsatz, der zu Zeiten der Industrialisierung der Lebensmittelproduktion und des Gentechnisierung von Saatgut und Zuchttieren zunehmend schwieriger wird. Mit der Vielfalt berauben wir uns eines unserer wichtigsten Gemeingüter. Viele empfinden diesen Verlust als Bedrohung, aber wenige sehen wirkungsvolle Strategien diesen Trend einzudämmen oder gar umzukehren. Neue Anstösse hierzu könnten  aus der Betrachtung biologischer Prozess kommen, auch wenn wir uns (schon aus historischen Gründen) vor einer Biologisierung gesellschaftlicher Prozesse hüten sollten.

Camarhynchus_crassirostris1Jeder Vergleich hinkt. Ich werde trotzdem einen solchen wagen und versuchen, das Entstehen oder Verschwinden kultureller und ökonomischer Vielfalt mit den Mechanismen der Evolution zu illustrieren.

Der junge Charles Darwin erkundete 1835 einige der Galapagos-Inseln, wobei er unter anderem einige Dutzend Vögel schoss, die er später der Zoologischen Gesellschaft in London schenkte. John Gould, der Kurator des Museum dieser Gesellschaft, untersuchte die Vögel und erkannte ihre Eigenständigkeit als neue Gruppe im System der Tiere. Die 14 Arten der auf Galapagos lebenden „Finken“ sind nah verwandt und doch so verschieden, dass sie untereinander nicht in Nahrungskonkurrenz leben.

Man erklärt sich die Entstehung dieser ungewöhnlichen Artenvielfalt auf so engem Raum durch einen rekursiven Prozess: Zunächst wanderte vermutlich nur ein einziges Brutpaar vom Festland auf eine Insel der Galapagos-Gruppe ein. Dieses vermehrte sich dort im Lauf der Jahre sehr stark, da weder Räuber noch Konkurrenten einer solchen Propagation entgegen wirkten. Die Nahrungsressourcen der Tiere waren aber begrenzt, so dass nach einiger Zeit intra-spezifische Konkurrenz (d.h. Konkurrenz zwischen den Mitgliedern derselben Art) einige Mitglieder der Population dazu zwang, auf Nachbarinseln auszuweichen. Dort wiederholte sich derselbe Prozess. Da die Lebensbedingungen auf den verschiedenen Inseln aber unterschiedlich waren, entwickelten sich die ausgewanderten Exemplare selbstständig weiter und bildeten eigene, charakteristische Merkmale aus, bevor sie schliesslich – getrieben von ihrer eigenen intra-spezifischen Konkurrenz – wieder zurück auf die Ausgangsinsel gelangten. Inzwischen unterschieden sich beide Arten aber so stark voneinander, dass sie problemlos nebeneinander in ihren eigenen ökologischen Nischen koexistieren konnten. Da sie aufgrund der langen geografischen Trennung (man muss sich einen solchen Evolutionsprozess über sehr viele Generationszyklen denken) nicht mehr paarungsfähig untereinander waren, hatten sich unterschiedliche Arten entwickelt.

Können wir aus solchen Evolutionsprozessen Erkenntnisse zur Bewahrung und Regenerierung kultureller und ökonomischer Vielfältigkeiten gewinnen? Kann man den Erfolg von Pizzerien, italienischen Eisdielen und Dönerbuden mit dem Entstehen der Darwinfinken vergleichen und daraus systematische Strategien zur Stärkung der Produktvielfalt ableiten? Ist die Globalisierung des Hamburgers mit dem Einfall der Hauskatzen und Füchse in Australien vergleichbar, die dem dort ursprünglich ansässigen Kaninchennasenbeutler (Macrotis lagotis) schwer zu schaffen machen? Können wir Nischen schaffen, ökonomische Reservate, die das Entstehen neuer Produktvielfalt erleichtern? Könnte vielleicht schon eine systematische Differenzierung von Auswahlkriterien (Kundengeschmack?) neue Produkte, Berufe, vielleicht sogar ganzen Wirtschaftszweige induzieren, ähnlich wie die Variation der Lebensbedingungen zwischen verschiedenen Inseln zur Entstehung von Arten führte?

Es wäre sträflicher Unfug, derartige Vergleiche überzustrapazieren. Natur ist nicht a priori gut. Phalloidin, ein Gift des Knollenblätterpilzes, ist völlig natürlich und tödlich giftig. Lungenkrebs ist ein biologischer Prozess und trotzdem höchst ungesund. Allerdings spricht nichts dagegen, wenn wir die Strategien der Natur zur Entstehung und Erhaltung biologischer Vielfalt analysieren und daraus möglichst viele eigene Ideen schöpfen. Ich werde  der adaptiven Radiation des menschlichen Intellekts freien Raum zu lassen und freue mich über jeden fortführenden Gedanken … .

9 Gedanken zu „Darwinfinken und die Krise der Vielfalt

  1. Einen fortführenden Gedanken habe ich nicht, allerdings den Standardeinwand bei Vergleichen Mensch-Tier😉

    Menschen schaffen ihre Lebensbedingungen selbst. Wir müssen nicht nur reagieren bzw. uns der Umwelt anpassen, sondern haben vielmehr die Möglichkeit die Bedingungen unserer Existenz selbst zu verändern.
    Wir schaffen zum einen Lebensverhältnisse, zum anderen leben wir unter diesen selbst geschaffenen Lebensverhältnissen. Diese Doppelbeziehung wird oft vergessen oder gerät aus dem Blick.

    Von daher wäre hinsichtlich der Commons eher zu fragen wie müssen die gesellschaftlichen Faktoren/Prozesse gestaltet sein, dass Vielfalt erhalten bleibt oder welche Bedingungen dies verhindern. Die Darwinfinken konnten die Lebensbedingungen ihre natürlichen Umwelt nicht ändern, wir können sehr wohl unsere gesellschaftlichen Lebensbedingungen ändern.

    • Hallo Michael. Ein wichtiger Einwand. Allerdings hat auch die Fähigkeit des Menschen seine Lebensverhältnisse zu verändern Grenzen. Wir können ja nicht einfach Bildung und globalen Wohlstand beschliessen. Wir können nur versuchen, die zugrunde Parameter zu ändern und auch dies nur in langwieriger Abstimmung mit den Vorstellungen anderer, die sich kultuerell teilweise erheblich unterscheiden. Was bei gravierenden Veränderungen dieser Parameter aus den Lebensverhältnissen wird, bleibt oft schwer vorhersehbar. Aber im Grunde wollte ich auch nicht den Menschen mit den Finken vergleichen, sondern die Frage aufwerfen, ob es in der Natur Vielfalt-fördernde Prozesse gibt, deren Prinzipien man vielleicht nutzen könnte, um gesellschaftliche Vielfalt zu fördern. Als Ideenressource sozusagen. Es gibt ja nicht nur das Beispiel der Darwinfinken und die Evolution hatte viel Geduld, die Wirksamkeit von Bedingungen auszuprobieren.

  2. > Können wir Nischen schaffen, ökonomische Reservate,
    > die das Entstehen neuer Produktvielfalt erleichtern?

    Mh, ich denke der Begriff der Gemeinwesenökonomie (wie er u.a. von Susanne Elsen geprägt wird) zielt genau darauf ab. Jeder Stadtteil kann Nische sein oder Nischen enthalten, deren BewohnerInnen nach ihren Vorstellungen leben und wirtschaften. Meiner Ansicht nach machen aber soziale Dilemmata die Schaffung und Erhaltung solcher Nischen manchmal nicht ganz einfach.
    Ich kann auch einen Zusammenhang zwischen dem was Peter Linebaugh als „commoning“ bezeichnet und der Gemeinwesenökonomie erkennen: Ich vermute, dass in Gegenden in denen commoning noch üblich ist, auch Aspekte einer funktionierenden Gemeinwesenökonmie (z.B. die Entwicklung lokaler Regeln, Strukturen … ) vorhanden sind.

    • Hallo Torsten. Mich würden auch Strategien interessieren, wie solche noch funktionierenden Gemeinwesenökonomien geschützt werden können. Der Vormarsch von Internetversandhäusern und Hamburgerketten wird ja letztlich auch vor den hintersten Nischen des Universums freiwillig nicht halt machen. Das ist ja ein Prinzip der globalisierten Ökonomie. Andererseits haben merkantile Grenzen auch ausgedient, da sie nichts Vernünftiges zu Wege bringen … . Ich bin bei der Frage etwas ratlos, da die lokalen Regeln und Strukturen ja durch globale Einflüsse bedroht bleiben, die sich einen feuchten Kehricht um diese Regeln kümmern.

    • Apropos Deiner Tipps zum Weiterlesen: Sind dies geeignete Lektüren der betreffenden Autoren?
      Susanne Elsen, Die Ökonomie des Gemeinwesens: Sozialpolitik und soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung
      und
      Peter Linebaugh, Die vielköpfige Hydra: Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks?

  3. Hallo Jakob,

    das sind gute Fragen. Ich habe den Eindruck, dass es bisher sehr wenig empirische Literatur über Gemeinwesenökonomie gibt. Die Bücher von Susanne Elsen sind m.E. alle sehr, wie soll ich sagen, von dem Wunsch geprägt, (mit Hilfe der Sozialen Arbeit) eine Gemeinwesenökonomie einzuführen. Dabei übersieht sie aber m.E. oft die bereits existierenden Beispiele von selbstorganisierten Gemeinwesen der Vergangenheit und der Gegenwart. Ich werde nochmmal nachschauen, welches Ihrer Bücher ich Dir empfehlen möchte.

    An der vielköpfigen Hydra von Linebaugh sitze ich selber gerade. Den Begriff des Commoning hat er aber in seinem „Magna Charta Manifesto“ (ist glaub ich von 2008) erwähnt. Allerdings geht er nicht sehr tief darauf ein. Er deutet m.E. nur an, dass er unter Commoning das Wissen, die Fähigkeiten oder die Praktiken versteht, die zum Schaffen und Erhalten von Gemeingütern angewendet werden. Hier steht noch etwas dazu: http://p2pfoundation.net/Commoning

    Der Begriff ist m.E. wissenschaftlich noch recht schwach „unterfüttert“. Vielleicht ist er in etwa vergleichbar mit dem was Elinor Ostrom als „Common Property Regime“ bezeichnet. Von dieser Autorin würde ich übrigens sehr „Die Verfassung der Allmende“ empfehlen.

    Ich bin gerade dabei mich ein wenig mit Kibbutzim zu beschäftigen, die ich auch als Beispiel einer Gemeinwesenökonomie oder als Nische betrachte in der etwas Eigenes, von der „großen Wirtschaft“ Unabhängiges enstehen kann. Über Kibbutzim gibt es einen ganz guten Forschungsstand und ich bin mal gespannt, was die Autoren zu den Faktoren ihres Entstehens, Bestandes und Niederganges zu sagen zu haben.

    Okay, ich muss erstmal Schluss machen, die öffentliche Bibliothek, in der ich gerade sitze, schließt heute schon um 16 Uhr.

    Ach so: empfehlen würde ich (auch wenn ich es selber geschrieben habe) etwas über den Zusammenhang zwischen Allmenden/Gemeingütern und sozialen Problemen: http://www.freemusicwiki.net/weblog/index.php/?p=60

  4. Hallo Jakob,

    nochmal kurz zu Deiner Frage ob „Die Ökonomie des Gemeinwesens“ von Susanne Elsen ein Lesetip von mir wäre: Ich habe das Buch gerade ausgeliehen, das Inhaltsverzeichnis und das Literaturverzeichnis liest sich okay (es kommen sowohl Mancur Olson vor, wie die Raiffeisenbank und die Suche nach alternativen Ökonomien der sozialen Bewegungen Lateinamerikas) und ich komme in den nächsten Tagen hoffentlich dazu eine kleine Rezension zu schreiben; ich melde mich dann wieder.

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