La Provence: Einkommensparadies?

Nein. Ich habe nicht den Eindruck, die 2000-Seelen-Gemeinde Buis-les-Baronnies, in die es mich nach Jahren zufällig wieder einmal verschlagen hat, sei ein expliziter Rückzugsort für Einkommensmillionäre. Im Gegenteil. Ich habe eher den Eindruck, als komme der Ort gerade eben so über die Runden. Was mich eher anspringt, ist dieses flüchtige Gefühl, Buis-les-Baronnies sei zwar kein Einkommensparadies, aber vielleicht Ein Commonsparadies … So ein ganz kleines zumindest?

BuisAug2009-2

Die Idee kam mir beim Frühstück im Café Les Cigales. Eigentlich hatte ich ja geglaubt, für die Romantik dieser Lavendelduft-schwangeren Region schon seit Jahrzehnten nicht mehr empfänglich zu sein (auch wegen der Myriaden von Sonnenöl-fettigen Touristenleibern, die hier alljährlich durch die Gassen flutschen). Aber ich muss zugeben, so nach und nach hat sie mich dann doch wieder eingefangen: „Gefällt Ihnen unsere Region?“, fragt mich der Apotheker. Unsere Region? Was für ein wunderschöner Ausdruck! Ja, sie gefällt mir noch immer, Eure Region. Mit den vielen Sitzbänken im Schatten der Platanen überall; mit den Brunnen, aus denen das Wasser sprudelt; mit den Cafés, in denen man sich Croissants oder ein Brioche mitbringen kann zu seinem Café au Laît, ohne dass der Wirt etwas daran zu bemängeln hätte; mit dem kostenlosen WLAN-Anschluss; mit dem preisgünstigen Camping Municipal, dem städtischen Campingplatz, der für zwei Personen, ein Auto und ein Zelt gerade eben mal 10 Euro pro Tag (Schwimmbad und warme Duschen inklusive) und nicht 36 Euro kostet, wie der letztes Jahr im nordspanischen Asturien; mit der Vielfalt ihrer Produkte – Olivenöl, Lindenblütensiroup, Lavendelhonig, Steinpilz- und Wildschweinsalami, Käse, Pfirsiche und Wein. Abends beobachte ich die heterogenen Gäste des Les Cigales. Ein gut gekleideter Mann mit traditionell camarguesischen Hemd über der behaarten Brust ist offensichtlich gut situiert. Ein Freak mit Schlapphut schnorrt sich den Tabak für eine selbstgerollte Zigarette zusammen und fragt den Mann im Hemd, ob er ihm einen Rosé spendiert. Der Angesprochene nickt gönnerhaft. Konsumzwang scheint es hier aber nicht zu geben. Der Wirt bedient jene, die etwas bestellen und das sind längst nicht alle. Viele sitzen oder stehen einfach nur so rum und reden mit, auch kleine Kinder. Hier treffen sich Jung und Alt, Stammgäste und Touristen, Handwerker und Aussteiger im Lavendel-farbenen selbstgenähten Hemd. Südeuropäisches Sozialleben auf der Straße halt. Und trotzdem (seufz!): Die Brunnen versiegen. Der Bouleplatz unter den Platanen, wo noch vor 30 Jahren ältere Herren mit einer Gitanes Maïs im Mundwinkel eine Petanque spielten, ist verschwunden. Viele Läden unter den Arkaden lohnen sich wohl nicht mehr und sind zu verkaufen – für Hunderttausende von Euros. An diesem Schwund ändert auch eine Gruppe von Straßenhändlern von der Elfenbeinküste nichts, die neben uns auf dem Camping wohnen und abends entweder auf ihrem Laptop im Internet surfen oder ihre Zeltnachbarn zu einem wohlriechenden und laut brutzelnden Abendessen einladen.

Auch in Buis-les-Baronnies versiegen öffentliche Brunnen mehr und mehr.

Wo gehen sie hin, die Commons in diesem meinem Urlaubsschrein? Flöten? Neunundvierzig Millionen Deutsche sind letztes Jahr im Urlaub ins Ausland gereist und haben dort 53 Milliarden Euros ausgegeben, so schrieb die Süddeutsche Zeitung diese Tage. Ist dies auch Ausdruck einer Sehnsucht nach bei uns verloren gegangenen oder unsichtbar gewordenen Commons? Ich spare mir die Antwort, denn ich kenne sie natürlich nicht. Ein interessanter Gedanke ist dies für mich aber allemal, auch wenn sich am Ende herausstellt, dass es auch im Süden Frankreichs kein Schlaraffenland gibt. Letzten Endes muss man sich halt um alles selbst kümmern … .

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