„Häng ’ne Null dran“: Von der Entdeckung der Peer-Ökonomie

commoners crottorfIch habe noch nichts über das bemerkenswerteste Treffen geschrieben, an dem ich seit langem teilgenommen habe. Unser erstes internationales Strategietreffen für insgesamt 21 „commoners“ fand Ende Juni statt, an einem einzigartigen Ort und mit inspirierenden Menschen.

„Es war ein unwahrscheinliches Treffen,“, sagte mein Kollege David Bollier. Und doch hat es stattgefunden. Warum hab ich dann noch nichts geschrieben? Es gab viel Stoff. Sehr viel! … und es war Sommer. Vor allem aber sind aus diesem Treffen neue Ideen entstanden, an denen wir arbeiten (müssen).

Heute gibt es einen Input zur Debatte über eine neue Produktionsweise: Peer-Economy/ Commons based Peer Production.  Den Aufschlag macht Michel Bauwens (Teil 5 der soeben verlinkten Audiofiles). Ich bringe ein  leicht gekürztes deutsches Transkript, weil in unserer Sprache wenig über das Thema geschrieben wird.

Bauwens arbeitete als Berater für eine Firma … sein Boss schaut ihm über die Schulter und sagt. „Häng noch eine Null dran“. Zwei Wochen später das Gleiche. Häng‘ noch eine Null dran! So wurden aus 100.000 USD für ein Projekt im Handumdrehen 10.000.000 USD. Ein kleiner Unterschied, der für Bauwens zum Symbol wurde.

Michel Bauwens: Mir wurde klar: „Enron ist die Regel, nicht die Ausnahme.“ Die Zahlen der sowjetischen Planwirtschaft sind vermutlich verlässlicher als das, was wir gerade tun.“ „Es ist ein Spiel, ein politisches Spiel, denn sie können immaterielle Werte nicht mehr angemessen bewerten. Also wird das zum Politikum.

Bauwens beschloss auszusteigen und sich wieder seinen Idealen zuzuwenden, schlicht die Dinge nicht zu akzeptieren, die er für inakzeptabel hielt… und nach dem Neuen zu suchen. 

Bauwens: Alles Neue, was ich sah, basierte auf diesem Prinzip: Peer-to-Peer, etwa: „eigenständige Ergänzung in horizontalen Strukturen“ (SH, horizonatal self aggregation) Ein Beispiel: Im April 2000 hatten wir einen Internetcrash. Viele haben gesagt: „Das ist das vorläufige Ende der technologischen Entwicklung im Netz Das Kapital wird abgezogen und wir müssen lange warten, bis es einen neuen Innovationsschub gibt. War sowieso alles übertrieben.“ Das ist aber nicht passiert. Was wirklich passiert ist, ist das Web 2.0.

In anderen Worten: In dem Moment, als das Kapital abgezogen wurde (das diese Blase geschaffen hat), hat sich die Entwicklung des Internets nicht verlangsamt, sondern beschleunigt.

Noch ein Beispiel: Bit-torrent wurde von einer Person entwickelt, er hatte irgend eine Form von Autismus und kein Geld. Ohne Kapital, ohne Ausrüstung, ohne irgendwas hat er allein die wichtigste Plattform zum Austausch von Filmdateien geschaffen. Das hat heutzutage – in der Wissensökonomie – enormen Wert, ist also etwas ziemlich Bedeutsames. …

Was passiert also? Indem dramatisch die Transaktionskosten für Koordination und Organisation gesenkt werden, hat die Menschheit eine ganz neue Möglichkeit bekommen: und das ist „free permissionless self aggregation around common projects“ (freiwillig und ohne jemandes Erlaubnis erbitten zu müssen zu einem gemeinsamen Projekt/Ziel beitragen), also:

Wenn Du etwas sehr Komplexes produzieren willst, wie GNU/Linux, die Wikipedia oder selbst eine Rakete zum Mond, dann brauchst Du niemanden mehr, der das durchfinanziert, keinen Investor, keinen Staat, sondern wir haben ein anderes Werkzeug: Menschen, die etwas hinzufügen, die mit uns zusammen arbeiten,. Wir müssen Partner finden, die einzelne Teile des Projekts realisieren, die kooperative Designs entwickeln und so weiter.

Warum finde ich es wichtig, den Begriff Peer-to-Peer zu verwenden (oder auch commons based peer production)?:

  1. Wir brauchen eine neue Sprache. Es ist politisch nicht fruchtbar, die Sprache des (Neo-)Marxismus zu verwenden. Das schafft zu viele Missverständnisse

  2. Wenn ich über Peer-to-Peer rede, sind die Studenten ganz Ohr, denn es ist genau das, was sie schon tun. Sie wissen etwas damit anzufangen. Wenn man ihnen nun noch erklärt, dass das, was sie tun, eine Revolution im Wertesystem und eine Revolution in der Art, die Welt zu sehen beinhaltet, sind sie sehr aufmerksam.

  3. Der Begriff assoziert nicht ein „zurück zur Vergangenheit oder zu vormodernen communities, was wir tun ist vielmehr: Relationalität („we are relationally enhancing ourselves“) – darum geht es in der Peer-to-Peer Produktion. Die Moderne hat uns individualisiert und atomisiert, sie hat einige der traditionellen Strukturen hinweggefegt, wir werden jetzt nicht zurück gehen zu diesen Strutkuren, denn das bedeutete, zurück zu abgeschlossenen, vormodernen Gemeinschaften mit festgeschriebenen sozialen Regeln. Wir müssen uns in und durch unsere Beziehungen entfalten und auf diese Art die Dinge produzieren, die wir brauchen – in einer endlichen Welt.

Es geht also um erfolgreiche Muster, die jetzt schon in der Welt sind. Wir müssen analysieren was da passiert und die erfolgreichen Muster, die unseren Werten nahe kommen, fördern und miteinander in Kontakt bringen.

Was ich also in der immateriellen Produktion sehe ist, dass sich Menschen, ohne jemanden um Erlaubnis zu bitten, auf ein Ziel verständigen und Netzwerke schaffen, um dieses Ziel zu erreichen. Sie sind zielorientiert. Dieses gemeinsame Ziel bringt die Leute zusammen.

Sie brauchen zudem eine minimale Verständigung darüber, wie man dahin kommt (z.B. OS– Definition, Freie Software Definition, die Debian-Verfassung – Chartas, die sich die Projekte geben)

Was wir zunehmend sehen – und das nenne ich „commons based peer production“ – ist ein dreigliedriges Phänomen:

Die erste Ebene ist die community/Gemeinschaft.

Meist beginnt das mit freiwilliger Arbeit, das bleibt aber nicht so. Wenn man sich erfolgreiche Peer-to-Peer Projekte anschaut, sieht man, dass dort viele Leute bezahlt werden. 75 % der Programmierer von Linux werden heutzutage bezahlt. Aber sie werden oft bedingungslos bezahlt. Da wird z.B. gesagt: „Entwickle Linux nach den Prinzipien der community.“ Oder „Passe Linux an dies oder jenes an.“ Es gibt aber keine Details, keine Zeitbindung, auch keine direkte Kontrolle durch die zahlende Company. Die Programmierer wissen, was der je andere macht. Kontrolle ist da nicht wirklich nötig. Obwohl die Leute bezahlt werden, arbeiten viele noch genauso wie sie gearbeitet haben, als sie nicht bezahlt wurden. Das ist fast wie ein Grundeinkommen. Es wird also weiter in der Logik der communities und nicht in der Logik der Marke gearbeitet.

Die zweite Ebene ist das, was ich die „for benefit association“ – die gemeinnützigen Organisationen nenne. Zum Beispiel Stiftungen. Fast jedes erfolgreiche Peer-Project hat so ein Arrangement. Wenn Du stattdessen wie üblich eine NGO hast, hast Du immer noch Ressourcenknappheit und zudem sagt Dir jemand, was Du tun sollst. Das ist noch immer die klassische Form der (korporativen) Kontrolle. NGOs sind im Grunde „knappheitsverwaltende Strukturen“.

Das Problem ist ja: Alles was um Überfluß da ist, kann frei alloziert (zugeteilt) werden. Alles was endlich ist, nicht.

Wir brauchen also eine Infrastruktur der Kooperation, so das Leute miteinander interagieren können – und die kommt aus diesen Stiftungen, aber sie mischen sich nicht in den Projektzweck ein und sie entscheiden nicht über die Arbeit.

Die dritte Ebene nenne ich Unternehmensökologie. Hier geht es um Unternehmen, die von den Commons profitieren. Sie haben einen strategischen oder taktischen Vorteil daraus. Sie werden zum Beispiel Leute anstellen, 100% Vollzeit-leaders, Leute die Projekte voranbringen, die  integrieren, Reden halten, netzwerken und so weiter. Oft sind das jene,  die ursprünglich die Idee hatten – Jimmy Wales, Richard Stallman und so weiter. Ein Großteil der Arbeit wird von solchen Leuten gemacht. Ein anderer Weg wäre, ganz einfach Infrastruktur zu finanzieren – IBM beispielsweise gibt Geld für die Linux-Stiftung …

Peer Production Projekte brauchen das um nachhaltig zu sein. Peer Produktion ist also kollektiv gesehen nachhaltig aber nicht auf individueller Ebene. Niemand kann ständig freiwillige Arbeit ohne Einkommen leisten, aber dadurch, dass viele es tun, können P2P Projekte bestehen. Solange der Einzelne ersetzt wird, kann das Projekt fortgeführt werden.

Ich habe drei Gesetze formuliert, die etwas provokant sind, aber wir können sie belegen.

1. Wenn in irgend einem Gebiet immaterieller Produktion eine Initiative gestartet wird, die die genannten drei Ebenen kombiniert, wird sie dem im geschlossenen System agierenden, proprietären Konkurrenten überlegen sein. (auskooperieren)

Das haben wir in vielen Bereichen schon gesehen. Es gibt zum Beispiel fast kein Software-Anwendungsgebiet mehr, in dem es keine Open-Source Alternative gibt.

2. Wenn zwei Unternehmen miteinander in der Welt des Immateriellen in Konkurrenz treten, wird jenes, welches sich mehr öffnet und mehr für communities tut, jenem überlegen sein, welches das nicht tut.

3. Wenn zwei communities gegeneinander antreten, wird jene überlegen sein, die Ebene 2 und 3 integriert. Der Grund ist die Nachhaltigkeit des Projekts.

Wer mit ein paar freiwilligen Programmierern allein bleibt, wird auf Dauer keine Chance habe. Man braucht dafür eine Lösung.

Sollten wir nun über diese ganze Entwicklung glücklich sein?

Ich bin davon begeistert, denn Menschen tun die Dinge, für die sie sich engagieren freiwillig – und das sind Dinge, an die sie glauben. Wenn Menschen auf dieser Grundlage etwas miteinander tun, dann ist Hierarchie überflüssig. Man wird für das, was man tut, nicht bezahlt, also entfällt die Grundlage der Hierarchie. Die Beteiligten müssen andere Formen finden, sich aufeinander zu beziehen und da tauchen nun drei Dinge auf:

  • peer production als Prozess der Wertschöpfung
  • peer governance als eine Praxis, die aus der Notwendigkeit entsteht, mit Konflikten umzugehen, sich gegen Angriffe zu schützen, Regeln zu haben und so weiter
  • peer Eigentum als eine Reihe von rechtlichen und vertraglichen Innovationen, die die Gemeingüter vor Privatisierung schützen.

Die Frage ist ja: Wie kannst Du mit privaten Unternehmen kooperieren, ohne dass Du vereinnahmt wirst? Ohne, dass sie aus den Commons schöpfen und nichts zurück geben? Dafür brauchst Du Instrumente.

Der Kapitalismus wird immer nur expandieren. Er wird immer Neues in das System/den Markt integrieren, das wird uns aber immer weiter in die Krise führen. Die Krisen, inbesondere die ökologische Krise, setzen dieser Dynamik eine Grenze. Der zweite Weg der Ausweitung des Kapitalismus war die Privatisierung der Ideen und des Wissens. Aber im Bereich der immateriellen Güter, die im Gebrauch nicht rival sind, funktioniert der Markt nicht, da gibt es wirklich Überfluss.

Der Punkt des Ganzen ist nun, dass der wichtigste Teil der Produktion auf den Peer-to-Peer Modus umschaltet (peer to peer self aggregating logic) und der Markt muss da eher am Rande operieren. Die Schlüsselinnovationen finden nicht in der Welt des Business statt, sondern in den communities.

Zum Schluß noch ein paar Worte zur materiellen Produktion. Es ist ja klar, dass Peer-Produktion noch nicht wirklich eine Antwort hat auf die Probleme der materiellen Produktion. Sie operiert in einer Art gegenseitiger Symbiose mit dem Kapitalismus. Die Marktakteure profitieren von den in den Commons geschaffenen Werten und umgekehrt existieren einige Commons nur, weil sich Unternehmen auch um sie kümmern, da sie sie für die Produktion brauchen. Die Frage ist natürlich: Muss es so sein? Das können wir diskutieren.

Die zweite Frage: Was bedeutet das für die materielle Produktion?

Von Wissen und Software, bewegen wir uns derzeit zu offenem Design, denn alles, was hergestellt wird, egal ob ein Sofa, ein Kühlschrank oder ein Solardach, muss erst entwickelt und designed werden. Also geht es auch hier um Leute, die etwas beitragen, zusammen machen und teilen. Viele Leute tun das.

Wir haben zum Beispiel Arduino, nur eine Firma unter Hunderten. Die produzieren offene Schaltkreise. Dh. jeder kann das Ergebnis (den Bauplan) runterladen und auf sein Gebiet anwenden. Jeder hat das Recht dazu, denn es liegt kein Marken- oder Copyright drauf.

Chinesische Firmen kopieren das und sie produzieren auf Grundlage dieses Designs, sie nutzen Arduino .. aber sie sind nicht so gut. Und das ist ein Unterschied zu Software. Menschen, die tatsächlich ein Design praktisch entwickeln, machen das einfach besser als Leute, die einfach kopieren und versuchen, damit Geld zu machen.

Wenn also die Leute billige chinesische Arduinos kaufen, kommen sie immer zurück zu den originalen. Es geht um Exzellenz

In den 70er hatten wir einen aufstrebenden Sektor für Erneuerbare Energien in Kalifornien. Die Firma, bei der ich in den 80er gearbeitet habe, hat kleine Unternehmen aufgekauft und beschlossen, das sei unökonomisch und sie haben den Bereich dicht gemacht. Dann lagen die Investitionen tatsächlich brach.

Und warum konnten sie das machen? Weil die Designs proprietär waren. Nur sie konnten sie nutzen, niemand anders. Das war/ist eine große Katastrophe für die Menschheit.

Techniker – egal in welchem Feld, verstehen das. Wenn Du eine neue Generation Auto haben willst, einen Boom erneuerbarer Energien und so weiter, dann brauchst Du open designs.

Ich sage voraus – Linux hat 15 Jahre gebraucht, um so anwendbar zu sein wie heute. Ich denke, das nächste erfolgreiche Muster ist dies: Wir werden sehen, wie sich Unternehmen in den nächsten Jahren im Bereich open design engagieren.

Das Problem zu erkennen, ist nicht so schwer. Wir leben in einer Gesellschaft, die offenbar davon ausgeht, Natur sei im Überfluss da. So produzieren wir und so entsorgen wir. Aber das ist ein Pseudo-Überfluss. Es gibt ihn nicht.  Während in der immateriellen Welt tatsächlich Überfluss herrscht, doch der wird künstlich eingezäunt.

Wir müssen einfach diese Logik umkehren. Die natürliche Fülle des  Immateriellen öffnen und in der materiellen Welt Grenzen der Nachhaltigkeit ziehen. Das mag noch nicht genug sein, wir brauchen auch soziale Gerechtigkeit, aber es ist ein unerläßlicher Schritt

Foto: by Prashant Iyengar, Lizenz: Copyright, Non Commercial, Share AlikeAlle Rechte vorbehalten

Michel Bauwens: dritte Reihe, weißes Hemd.

4 Gedanken zu „„Häng ’ne Null dran“: Von der Entdeckung der Peer-Ökonomie

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