Auch eine Krise des Wassers

Der Einhegung von Commons begegnet man gelegentlich in höchst unangenehmer Weise – der Einhegung der modernen Stadtentwässerung zum Beispiel, die zurecht als eines der wichtigsten Gemeingüter überhaupt betrachtet werden kann.

Manchen Historikern zufolge ist das Römische Reich ja nicht an der militärischen Stärke seiner Feinde zugrunde gegangen, sondern an der fehlenden Technologie um den täglichen Dung seiner Einwohnermillionen zu entsorgen. Man habe Brot in Roms Strassen verbrannt, um die üblen Gerüche zu übertünchen, so schrieb der französische Historiker Braudel. Sei’s drum – wir haben uns inzwischen daran gewöhnt unsere Notdurft per Knopfdruck mit ein paar Eimern Trinkwasser in einem kleinen Loch verschwinden zu lassen und kaum einer von uns kennt noch die Nutzung eines mittelalterlichen Abtrittserkers aus eigener Erfahrung. Von diesen aus schiss man früher durch ein Loch in schmale Gassen, in denen heute Touristen die Speisekarten gemütlicher Gasthöfe studieren. Der alltägliche und ererbte Luxus unserer modernen Notdurftentsorgung wird uns in der Regel erst bewusst, wenn die Klospülung wegen eines Rohrbruchs nicht mehr funktioniert, oder wenn  eine unachtsam entsorgte Windel den Abfluss verstopft.

Zugangsrechte zum Wassern

Noch einen Grund kann’s geben, dass einem das Wasser quasi bis zum Halse steht: Wer in der Öffentlichkeit, weit weg vom eigenen Abort, plötzlich dringend mal Wasser oder Schlimmeres lassen muss, dem passiert es immer häufiger, dass ihm der Eintritt zum rettenden Urinal verwehrt oder ein herzhafter Obulus für den Zutritt zu selbigem abgeknöpft wird. Preise von 80 Cents und mehr sind keine Seltenheit. Wehe dem, der kein Kleingeld parat hat, denn das Urinieren am nächsten Baum (ohnehin nur eine für Männer denkbare Lösung) ist nicht nur manchem peinlich, sondern vielerorts sogar strafbar. Gefängnis oder Resorption? Eine Rückbesinnung aufs Gemeinwohl (auch wenn man über diesen Aspekt nicht so gerne spricht) wäre (gelinde gesagt) nett und erschiene mir unserer hochentwickelten Zivilisation angemessen.

Empfohlene Literatur zum Thema: Von der Schîssgruob zur modernen Stadtentwässerung von Martin Illi und Hansruedi Steiner (NZZ-Verlag, 1992). Ein grandioses Buch!

6 Gedanken zu „Auch eine Krise des Wassers

  1. Die öffentlichen WC-Anlagen werden ja heutzutage auch mehr und mehr abgeschafft oder unnötig mit Gebühren belastet. Obwohl ja dies eine Aufgabe der Gemeinden für das Gemeinwohl ist. Und aus Steuern finanziert wird… Aber eben, lieber weniger Steuern für mehr Verdienende und dafür weniger WC-Anlagen für den Normalbürger.

  2. Ja. Wetten, dass die Toiletten in Rathäusern und Landtagen kostenfrei genutzt werden können? Aber das ist natürlich etwas ganz anderes …

  3. Eine Form der Einhegung ist wohl auch die Versiegelung des Bodnes durch Siedlung und Straßenbau, so daß das Wasser nicht mehr in den Commons Grundwasser versickern kann. Die Folgen holen die Leute dann dadurch ein, daß ihnen auf einmal das Wasser im Keller steht, weil die Flüsse und Bächer das Wasser nicht mehr fassen können.
    Was mit dem Grundwasser geschieht, wäre sicherlich einer Darstellung wert.

  4. Stalltüren
    Zwei dicke Elefanten Wollten inkognito heim wandern, doch alle Passanten erkannten die Elefanten als Flüchtlinge aus dem Zoo. Und wenn sich auch niemand getraute, sie anzufassen, ward ihnen doch klar, dass man ihre Absicht durchschaute und dass nun bald etwas im Gange war. Verfolgt von einem grossen Heer von Schauvolk und Soldaten und Autos, Mob und Feuerwehr schwenkten sie links und betraten zwei Eingänge einer Bedürfnisanstalt – für Herren und für Damen – und äpfelten. Schutzleute kamen und haben sie niedergeknallt.
    Joachim Ringelnatz (1883-1934)

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