Gemeingüter: Zentrale Kategorie des Kapitalismus

Hier gibt es einen lesenswerten Artikel von Michael Hardt (mit Toni Negri Empire„, „Multitude„) über die Rolle, die Gemeingüter fortan in der politischen Diskussion spielen werden.

Commons (Gemeingüter) haben verschiedene Gewänder, meint Hardt, aber die gleiche Logik. Die gilt es freizulegen.

Die theoretische Diskussion müsse mit der Zentralität der Commons beginnen. Dieser Gedanke sei im ökologischen Denken besser verankert als in anderen Sphären – etwa der kulturellen oder der sozialen (ob er da recht hat?). Der Grund ist einfach: 

„Wir sind nicht nur gemeinsam Nutznießer unserer Interaktion mit der Erde, der Sonne, den Ozeanen, sondern wir sind auch alle von deren Zerstörung betroffen.  Luft- und Wasserverschmutzung sind nicht an die Grenzen gebunden, innerhalb derer sie produziert wurden und natürlich auch nicht an nationale Grenzen…“

„Die Commons sind also das Fundament ökologischen Denkens, aus der die Eigenheiten des je spezifischen Ortes erst hervor treten.“

Die Argumentation entwickelt er so:

  • Wir erleben einen epochalen Wandel von der Industrieproduktion zu biopolitischer Produktion (verstanden als Produktion von Sozialbeziehungen und Lebensformen) und als  immaterielle Produktion (Ideen, Kultur, Software…)

  • Dominanz der Industrieproduktion bedeutet nicht Allgegenwärtigkeit derselben, wohl aber Übertragung ihrer Logik (Zentralität, Arbeitszeiten, Lohnbeziehungen, Disziplinierungsformen, Qualitätsanforderungen usw.) auf alle Lebensbereiche. (Anm.: Stimmt auffallend. Mittlerweile soll auch eine Uni geführt werden wie ein Industriebetrieb und das erste neudeutsche Wort, das ich lernte als ich nach 8 Jahren Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurück kam war: Arbeitskraftunternehmerin (sic!) – Das bin ich wohl jetzt :-()

  • Die Sonderstellung der industriellen Produktion gehört der Vergangenheit an. Vielmehr sind es nun „die kognitiven und affektiven Instrumente der immateriellen Produktion (die dazu tendieren, die Strukturen eines Arbeitstages und die traditionelle Einteilung in Arbeitszeit und Nicht-Arbeitszeit zu verwischen), sowie andere Charakteristiken immaterieller Produktion, die sich fortan verallgemeinern.“

  • Dieser Wandel ist auch in den Eigentumsverhältnissen sichtbar. Es gibt historische Verschiebungen in der Hierarchie des Eigentums. In der Industrieggesellschaft überwiegt das Eigentum an beweglichen Sachen, aber auch an unbeweglichen (z.B. Boden). Inzwischen erleben wir eine Dominanz des Eigentums an Immateriellem.

  • Die Gemeingüter werden zunehmend zu einer zentralen Kategorie des Kapitalismus, denn einerseits sind sie wichtige produktive Ressource, andererseits entfalten einige Gemeingüter (digitale, kulturelle, soziale) ihr produktives Potential nur, sofern sie geteilt werden – was ein Anreiz ist, neue Produktions- und Managementformen zu akzeptieren bzw. fortzuentwickeln.Das Paradox: „Capital paradoxically increasingly relies on the common.“

  • Dabei tut sich ein fundamentaler Konflikt auf: zwischen dem Bedarf an Gemeingütern aus Produktivitätsgründen einerseits und dem privaten Interesse an Akkumulation andererseits.

„the increasingly common nature of production clashes with the private nature of capitalist accumulation and that private accumulation, in turn, clashes with the common, social nature of its detrimental effects.“

  • Daher sei die Aufgabe, alternative Formen und Organisationsformen für Gemeingütermanagement zu entwickeln und zu fördern essentiell und dringend, sagt Hardt. Sonst verschärft sich der Konflikt.

  • Er weißt zu Recht darauf hin, dass die unterschiedlichen Sphären der Gemeingüter (natürliche, endliche Ressourcen einerseits und immaterielle, kulturelle und soziale Ressourcen andererseits) mehr trennt als verbindet. Beide Kategorien fordern das klassische Verständnis von Eigentum heraus. Beide durchkreuzen klassische Formen, „Wert“ zu bestimmen und zuzumessen (Was kostet die Biodiversität, was ist die Funktionalität der Sprache wert? Welchen Preis hat die Nutzbarkeit freier Software – und die Tatsache, dass sie frei ist? Wie genau bestimmt man den Wert der Wikipedia? Unmöglich!) „Das Leben geht weit über die Grenzen solcher Maßstäbe hinaus.“
  • Die Unterschiede zwischen den beiden Sphären sind bekannt: Endlichkeit auf der einen und nahezu unbegrenzte Kopierbarkeit auf der anderen Seite. Zwar sind mehr Ideen nicht unbedingt besser, aber zumindest gibt es keinen guten Grund, sie künstlicher Knappheit zu unterwerfen. Gerade im Bereich des Kulturellen und Sozialen entstehen also Reproduktionsmöglichkeiten für Leben, Beziehungen und Ideen, die grenzenlos sind. Da sich die Produktion im Zuge des Epochenwandels aber immer mehr in den immateriellen Bereich verlagert, liegt darin erhebliches Potential.
  • Zudem ist auch materielle Produktion immer zugleich immateriell – das Verhältnis der beiden Commonsbereich ist also nicht als ein oppositionelles, sondern als ein Komplementäres zu verstehen.
  • Es geht in der Commonsdebatte und in der Frage um die angemessene Produktionsweise um eine durchaus auf die Interessen der Menschen fokussierte Sichtweise … während klassische Umweltkämpfe die Interessen anderer Lebewesen als an sich Schützenswertes in das Zentrum stellen. Das sei ein wichtiger Unterschied – doch die zentralen Fragen der Gemeingüterdebatte nach der Überwindung von Hierarchien, Ausschluß, Klassen und Herrschaftseigentum (dominium), nach Überwindung sozialer Spaltungen aufgrund von Geschlecht und Sexualität, Herkunft und Ethnizität sind auch für klassische Umweltthemen relevant. Auch hier ist das Verhältnis ein Komplementäres.

„Der Kampf um die Gemeingüter“, schließt Hardt, “ und die Entwicklung von Alternativen zum Umgang mit ihnen muss sind grundlegend für jedes gesellschaftsverändernde Projekt.“ Daher steht zunächst mal auf der Tagesordnung, die Auseinandersetzungen um die unterschiedlichen Commons miteinander zu verknüpfen, die Akteure an einen Tisch zu bringen.
Genau dieser Idee widmet sich auch dieses Blog.

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