Das Geheimnis der Commons

oder: Wissenschaftscommons: Jenseits von Open Access

Das Netz funktioniere für Pornos, den Kauf von Schuhen und Büchern, nicht aber für die Wissenschaft, sagt der us-amerikanische Jurist James Boyle.

In diesem Video beschreibt James Boyle Sciene Commons als einen Versuch, ein enormes Gemeingut an wissenschaftlichem Wissen zu schaffen. Und zwar durch ein semantisches Netz„, in dem der Computer Daten, Informationen und Fakten zusammen trägt, …selbst dann, wenn in den ungeheuren Textmassen zum gleichen Fachgebiet verschiedene Begriffe verwendet werden. Es geht um Software, die eine effiziente Suche nach wissenschaftlichen Forschungsergebnissen ermöglicht, die Kausalzusammenhänge ebenso wie Subjekt-Verb-Objekt Relationen versteht, die Informationen aus Abertausenden wissenschaftlichen Texten bündelt – wie ein Rosettenschlußstein.
„Freier Zugang zu wissenschaftlichen Texten reicht nicht“, sagt Boyle. Und tatsächlich scheint die „Open Access Debatte“ nach diesem Video geradezu bescheiden. Schließlich ist es inzwischen unmöglich geworden, die existierenden Informationen zu einem Fachgebiet auch nur zu sichten, geschweige denn zu analysieren. Man brauche mehr als hundert Jahre, um die Papiere eines spezifischen Themas der Biologie zu überfliegen. Daten gibt es mehr als genug. Sie öffentlich zugänglich zu machen, ist deshalb ein wichtiger Schritt, aber nur der erste. Im Grunde fehlt digitale Verarbeitungskapazität, die auf eine entsprechende Verlinkungsstruktur aufbauen muss, denn der größte Teil der Arbeit von Wissenschaftlern besteht darin, zunächst einmal 99% der Information auszusortieren. Das muss in Zukunft der Computer tun, meinen die Vordenker von Science Commons.

Zudem brauchen wir eine „bessere Forschung„. Gemeint ist Forschungsdesign und -politik. Wer forscht warum, zu welchem Zweck und in wessen Interesse? Wer kümmert sich beispielsweise um die Huntington Krankheit (eine der „verwaisten Krankheiten“), wer um die Krankheiten der Armen (die so genannten vernachlässigten Krankheiten)? Die Leute sterben, entweder weil sie arm sind oder weil sie an Krankheiten leiden, die sehr wenige Menschen betreffen. In beiden Fällen entsteht kein hinreichend lukrativer Markt, das Versagen der Marktmechanismen ist daher vorprogrammiert.

„Effizienz in der Forschung ist ein moralischer Imperativ“, so Boyle. Stattdessen bringen schon geringste Reibungen Forschungsprojekte, die oft auf tönernen Füßen stehen, zum kippen. Zeitpläne sind zu knapp gemessen, es gibt jede Menge rechtliche Probleme, Fördermittel laufen aus und so weiter.

„Heutzutage Material zwischen den Laboren hin und her zu bewegen ist nicht etwa so wie das Web 0.5 oder wie ein Buch in der Vor-Amazonzeit zu kaufen. Es ist etwa so, als würde man an der Westküste leben, etwas im Katalog von der Ostküste bestellen und die Dinge würden mit der Kutsche angeliefert.“ (frei übersetzt)

Die zentrale Idee von Science Commons entspricht zunächst einmal der von Creative Commons: „Die Nutzungserlaubnis ist vorab zu erteilen. Wenn man das Material braucht, ist die Erlaubnis schon da.“ Dafür sind entsprechende, der Wissenschaft angepasste Lizenzen zu schaffen, als ein Versuch, Transaktionskosten zu reduzieren. Normalerweise werden durch einzelne Wissenschaftler und Teams nicht mehr zu bewältigende Datenmengen und Papiere bewegt. Und Anwälte beschäftigt. Science Commons wird deshalb bestimmten Berufsgruppen weniger gefallen.

Darüber hinaus diagnostiziert Boyle den unseligen Trend, dass sich immer mehr Wissenschaftler weigern, ihre Forschungsergebnisse zu teilen. Der Grund: „the credit economy favours secrecy.“ Man wartet auf eine Exklusivveröffentlichung, auf eine besondere Würdigung, auf sonstwas. Man ist daran gewöhnt, dass „Geheimhaltung“ belohnt wird.

Die Lösung: spezielle Lizenzen für wissenschaftliche Arbeitsergebnisse, dh. zum Beispiel Vorablizenzierung der Zelllinien in den Laboratorien, die ihre Zelllinien damit zu einem Gemeingut machen. Die Zelllinien (o.a. Materialien) werden mit Metadaten veröffentlicht. Jede Nutzung wird elektronisch aufgezeichnet, so dass Rückverfolgung möglich wird. Dadurch wird die öffentliche  Anerkennung eben jenes Labors ermöglicht, welches das Material zur Verfügung stellt (durch Listen, Nennungen, Rankings). „Zahlen sind wichtig in unserem Denken, wir müssen sie nur auf die Idee des Teilens übertragen und das Teilen muss sehr leicht gemacht werden.“ Wer teilt, muss dafür etwas zurück kriegen. Mechanismen, die dazu führen, dass das Teilen anerkannt wird, bewirken, dass mehr Leute teilen. „Das wird ein sehr dynamischer Prozess sein“, glaubt Boyle.

Zudem erscheint im Textmaterial ein hyperlink zum entsprechenden Material und mit der entsprechenden Lizenz. Dh. ein Text führt automatisch zur stofflich vorhandenen Zelllinie in einem Labor, was zeitraubende Suchprozesse nach dem, was sich materiell hinter dem Text verbirgt, überflüssig macht. Es geht darum, den Kreis zu schließen: zwischen dem Text/ der Fachzeitschrift – den Repositorien – dem Anerkennungsmechanismus.
„Eigentlich trivial“, sagt Boyle, aber das gibt es in der Wissenschaft nicht. „Wir sind in der Wissenschaft noch nicht mal im Web 0.5 angekommen.“

Das größte Problem dabei ist ein kulturelles, denn die Technik ist vorhanden.

„Wir haben Suchmaschinen, Metadatenkonzepte, Software zur Verfügung – da draußen in der Welt, um nach Videos von Britney Spears zu suchen. Wir müssen das jetzt auf die Wissenschaft übertragen.“

Das Konzept steht. „Was wir nun brauchen ist eine Kombination von offenen Menschen + offenen (frei zugänglichen) Inhalten + freier Software. Sowie etwas Geld, mehr Experimentierfreude und einen konzeptionellen Wechsel, der es uns ermöglicht, das Funktionieren von Netzwerken, die Suche in Netzwerken und die Logik des Beitragens in Netzwerken anzusehen und – wenn nützlich – auf die Welt der Wissenschaft zu übertragen.
Es geht darum, aus der Wissenschaft ein Gemeingut zu machen, denn „das ist das Großartige an den Commons: dass immer jemand da ist, der mit Deinem Inhalt etwas noch Intelligenteres tun kann. Das ist das Geheimnis der Commons.“

Video nach dem Klick.

Gesamtlänge des Vortrags 37.30 Minuten.

4 Gedanken zu „Das Geheimnis der Commons

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