Der große Tisch: ein „eminent politischer Gegenstand“

„Bindung ist die innere Konsequenz der Freiheit.“ oder: Von den Gemeinschaften, die wir wollen:

Als in Berlin unser Gemeingüterbuch vorgestellt wurde, habe ich den Begriff der Bindung in den Mittelpunkt gestellt. Das hat – wie üblich – eine heftige Reaktion ausgelöst. Reinhard Bütikofer quittierte den Gedanken mit dem Satz: „Wenn Bindung der Zentralbegriff ist, dann ist das kein grünes Projekt.“ Warum, hab ich nicht wirklich verstanden. Eine diffuse Diskussion über „früher“ und schwäbische Dörfer brachte ein ebenso diffuses Unbehagen zum Ausdruck … über Gemeinschaften, die man nicht will. Nicht geschenkt und nicht mit schwäbischer Idylle drumrum.

Dabei ist viel wichtiger zu fragen, welche Art von „mittleren Strukturen“, welche Gemeinschaften wir wollen. Welche Idee von community wird einem zukunftsweisenden Gemeingüterbegriff gerecht?

Gerald Held hat in der Welt online zu diesem Thema Lesenswertes geschrieben. Was ist das „lebensweltliche Rückrat einer funktionierenden Gemeinschaft“, fragt Held. Der große Tisch zum Beispiel. Der sei ein kleines Gemeingut, „eine Maschine der Lebenswelt …

Die Themen und Generationen wechseln, der Tisch bleibt. Er bildet die Kontinuität in einer schnelllebigen Zeit. “ Der große Tisch ist ein kleines Gemeingut – ganz ohne diktatorische Planwirtschaft. Und doch ist er auch anspruchsvoll. Er verlangt zivilisiertes Benehmen. Er erzwingt, in seinen kleinen Grenzen, Frieden. Seine Größe lockert die intimen Zwänge der Kleinfamilie, zugleich schafft er mehr soziale Bindung als ein Straßenbahnwagen. Man muss sich auf entfernte Verwandte, auf Freunde von Freunden oder auf Nachbarn einlassen, also auf Menschen, die man sich nicht frei nach Gusto aussuchen konnte. Das macht den großen Tisch zu einem eminent politischen Gegenstand.

Da ist alles Wichtige angesprochen: Die Größe, die Struktur, die direkte Bezogenheit auf- und Kommunikation miteinander, die Notwendigkeit von Regeln, die Grenzen. Indirekt auch: das nicht auf andere Strukturen – wie den Staat – verzichten müssen, aber darauf verzichten KÖNNEN. Und schließlich die Frage der Genese von Gemeinschaften, ein Knackpunkt der Debatte.

Ist die Zugehörigkeit zu den Gemeinschaften, von denen wir in der Commonsdiskussion reden, selbstgewählt oder nicht? Für die traditionelle Allmende ist das mit Sicherheit nicht der Fall. Und auch für den modernen Umgang mit natürlichen Ressourcensystemen ist „selbstgewählte Zugehörigkeit“ nicht zwingend gegeben. Entweder Du lebst in diesem Wassereinzugsgebiet oder eben nicht, du bist von einer bestimmten Nahrungsquelle abhängig oder eben nicht. Da kannst Du Dir nicht immer aussuchen, wer sich zum Aushandeln von Zugangs- und Nutzungsrechten an einen Tisch setzt.

In den digitalen, kulturellen commons hingegen ist nichts Anderes denkbar als selbstgewählte communities. Die bloße Idee von Gemeinschaften, in die man geworfen und auf die man angewiesen ist, löst hier Aversionen aus.

Im weiteren Text von Held, finde ich Vieles aus unserer Gemeingüterdebatte wieder. Hier zusammengefasst und mit eigenen Ergänzungen als zu kritisierende und erweiterbare Liste (Charakteristika und Funktion gehen bunt durcheinander):

  • Gemeinschaften sind ein sozialer Grundbaustein für eine offene Gesellschaft
  • Sie basieren auf frei eingegangenen Bindungen oder einem hohen Maß an Akzeptanz/Identifikation mit nicht selbstgewählter Zugehörigkeit
  • Sie sind breiter angelegt als eine Kleinfamilie und dennoch überschaubar.
  • Sie prägen den Alltag und erweitern individuelle Handlungsfähigkeit.
  • Netzwerke sind keine Gemeinschaften („Wer stolz auf seine vielen „Zugänge“ ist, hockt am Ende doch nur an seinem kleinen Tischchen.“)
  • Sie sind notwendige, aber keine hinreichenden Bedingungen für vitale Gemeingüter (in Helds Worten: für „stabile Lebenswelten“)
  • Sie brauchen (oft) Komplementärstrukturen.
  • Sie sind divers und vielgesichtig.
  • Sie bieten ein Netz, das vor allem dann sichtbar wird, wenn andere Strukturen/ Institutionen bersten (Held nennt das „die Entleerung der Mitte“)
  • Freiheit und Bindung ist der Maßstab –  Individuelle Entalftung in und durch die direkte Interaktion mit anderen in diesen Grenzen

Diese Entleerung des Gemeinschafts- und infolge dessen auch des Gesellschaftsbegriffs habe

„im Westen zunächst im Zeichen des Wohlstands stattgefunden. Deshalb wurde sie kaum bemerkt. Die Gewinne einer immer wählerischeren Freiheit waren nicht von der Hand zu weisen. … Gerade die Linke kannte nur noch Globalgrößen der sozialen Ungleichheit. In ihrer abstrakten Gesellschaftsarithmetik kamen Gemeingüter nicht mehr vor. Bei bestimmten Dingen entstand eine neue Hilflosigkeit. Gegen Gewalt in der U-Bahn oder Vermüllung gab es keine zivile Abwehrstruktur. Ebenso fehlte das Korrektiv des Alltags gegen das Abdriften von Jugendlichen in mörderische Scheinwelten. Mehr noch: Bei den beiden großen Sozialaufgaben, der Bildung und der Gesundheitspflege, zeigte sich immer mehr, dass die Schwächung der Familien durch staatliche Systeme trotz extremer Aufwendungen nicht ganz aufzufangen war.“

Staat ja, aber nicht nur – steht also auf der Tagesordnung. Familie auch, aber nicht allein – ebenso. Es braucht noch etwas dazwischen, etwas, das Freiheit und Bindung zugleich ermöglicht. Held beschreibt das Verhältnis von Freiheit und Bindung wie folgt:

Freiheit braucht nicht nur Bindung, sie sucht Bindung. Jede zu Ende gedachte Freiheit führt nicht zum kurzen Prozess der Gier, sondern zum langen Weg des Engagements. Wo Freiheit wächst, wächst die Neigung zur Anteilnahme mit. Bindung ist also keine Beschränkung der Freiheit, die dieser von außen auferlegt werden müsste. Sie ist ihre innere Konsequenz.“

Ist das jetzt ein Glaubensatz, oder ist das begründbar. Ich glaube ja, das das Bedürfnis nach Bindung (und Kooperation) ist uns eingeschrieben ist. Das scheint mir fühlbar. Es hat unser Handeln seit Urzeiten in gleicher Weise geprägt wie das Bedürfnis nach Abgrenzung (und Konkurrenz).  Das ist eine Grundkonstante menschlicher Evolution und ganz banal.

Held macht in der Konsequenz die Idee der Nachbarschaftlichkeit wieder stark, als eine Möglichkeit, „die von traditionellen Bindungen entleerte Gesellschaft (das kann man feststellen ohne es gleich zu bedauern- S.H.) wieder zu füllen. Nachbarschaftlichkeit ist für ihn ein Etappenziel und kritische Schwelle für die dringend benötigte Allgegenwärtigkeit  selbstgewählter Gemeinschaften. In der Tat „bescheidene, aber elementare“ Ansätze. Sie entfalten ihr Größe erst in der Vielfalt, erst dadurch, dass sie überall präsent sind. Wer wollte das kleinreden in solchen Zeiten?

Übrigens: Tatsächlich ist eine der Bedeutungen des Wortes „commons“ (Gemeingut) im Englischen laut Oxford English Dictionary “a board upon which you have a meal.”

foto on flickr by Breibeest, Lizenz: CC By

5 Gedanken zu „Der große Tisch: ein „eminent politischer Gegenstand“

  1. Es ist eine Gestaltungsaufgabe von Gesellschaft, beiden Seiten gerecht zu werden: der Gemeinschaft, die dem Individuum Strukturen gibt, in denen es sich entfalten kann (das Wort Bindung scheint mir tatsächlich sehr unglücklich gewählt weil es eben diese Konnotation „gegen den Willen“ hat) und dem Individuum als autonomen – nein nicht Subjekt aber stets lebendigen Beurteilungs- und Korrekturfaktor. Wäre die Bindung zu stark, könnte Freiheit wiederum nicht existieren, denn diese existiert immer nur in der Alternative, und je stärker die Alternativen und auch die Gestaltungsmöglichkeiten sind, umso stärker muss die Attraktivität der Gemeinschaft sein, um bestehen zu können. Das halte ich für einen durchaus positiven circulus virtuosus, in den wir sozusagen „hineingeraten müssen“.

  2. Die Konnotation „gegen den Willen“ höre ich bei diesem Begriff gar nicht mit, worin liegt die? Es sei denn Du meinst damit diese Prädisposition der Menschen, sich zu binden (sozusagen als Überlebensstrategie) und dass jeder Mensch eine ganze Menge Verwerfungen und Kaputtmachendes erträgt, um Bindungen zu erhalten ..,
    Bindung (ich hätte auch Beziehung sagen können, dann wäre das Urteil aber ähnlich ausgefallen) ist doch nichts anderes als einer der Indikatoren für die Attraktivität einer Gemeinschaft.

  3. Auch hier scheint es mir wieder sehr wichtig zu sein, zwischen normativem und analytischem Begriff zu unterscheiden. »Bindung« verstanden als Resultat des Commoning (der Praxis der Gemeinschaft) kann nicht in Frage gestellt oder kritisiert werden — vorausgesetzt, die Analyse stimmt (was aber noch zu zeigen wäre). Was anderes ist es, wenn ich »Bindung« als Vorgabe setze, die eine Person oder eine Gemeinschaft normativ zu erbringen habe. Dann höre ich sofort »Bindung« als »Fesselung«.

    Wenn die Aussage »Bindung ist die innere Konsequenz der Freiheit« zu treffen soll, dann muss sie allerdings noch weiter begründet werden. Warum ist das so? »Neigung zur Anteilnahme« oder »Prädisposition« finde ich nicht überzeugend. So schleicht sich auch hier der Verdacht ein, das solle so sein, ist es aber nicht notwendiger Weise.

    Den Begriff »Beziehung« finde ich deswegen auch besser: Da ist von vornherein klar, dass der nicht normativ gemeint sein kann, denn »Beziehung« ist überall. So wäre es dann nötig, die Art der Beziehung zu benennen, etwa als »verläßliche Beziehung«, »dauerhaftes Beziehungsnetzwerk« etc.

  4. Bindung als normativer Begriff? Auf sowas komme ich gar nicht. In welchem Diskurs wird das so gebraucht? Ich falle ja immer aus allen Wolken, wenn solche Befürchtungen aktiviert werden, wenn ich Begriffe nutze, die ich völlig anders assoziiere. Bindungstheorie ist Psychoanalyse… sie lehrt uns, dass wir um Bindung nicht drumrum kommen, dass wir sie zum Leben brauchen, dass wir sie selbst herstellen und beeinflussen können.
    Vielleicht wird es klarer, wenn man das Verb benutzt: Nicht „jemanden oder etwas binden“, sondern „sich binden“ – reflexiv. Ich bin das Subjekt.

  5. Die grünalternative Bewegung hatte an ihren Ursprüngen auch einen Gemeinschaftsbezug. Eine Vielzahl von Projekten startete in den 70er und 80er Jahren mit dem expliziten Gedanken, neue Formen menschlichen Zusammenlebens, _selbstgewählte Bindung_ in Kommunen und Gemeinschaftsbewegung aufzubauen. Er beinhaltete unter anderem eine sanftere Art des Aushandelns von Konflikten.

    Heute gibt es eine Vielfalt an alternativen Gemeinschaften, gerade im ländlichen Bereich. Auch wenn sie sozial etwas neues und selbstgewählte, intendierte Gemeinschaften sind, haben sie einen konservativen Kern:

    Die meisten haben durch Alte, Kinder, sozial Schwache, Nachbarschaft und lokale Gemeinde gelernt, dass es neben selbstgewählten Bindungen auch Netze wechselseitiger Abhängigkeit gibt, die gepflegt werden müssen, wenn menschliches Leben gedeihen soll. Sie haben also gelernt, dass Bindungen auch auf uns kommen können und von uns nicht immer ausgesucht werden können, wenn mensch in einer Gemeinschaft glücklich leben will. Der freilich aus einer ganz anderen Richtung herkommende angloamerikanische Kommunitarismus zog diese Lehre bereits vor 20 Jahren aus seiner Analyse des kleinstädtischen Lebens.

    Die in städtischen Milieus sozialisierte und in formalisierten politischen Prozessen abgehärtete grüne (Partei-/NGO-)elite verlor in den 90ern den Bezug zu diesem Milieu, seinen Inhalten und seinem Ethos. Viele von ihnen haben keine oder nur ausgesprochen geringe Erfahrung mit einem Leben jenseits von Kleinfamilie, sozialer Atomisierung und dem Mainstream-Lebensstil der Allgemeinheit. Gemeinschaft heisst dann schnell PolPot, rrrrVolksgemeinschaft, schwäbisch-bigotter Dorfterror. (Bei der deutschen Linken wird dann absurderweise ein marxistisches Aristoteliker und Gemeinschaftstheoretiker wie Alasdair McInytre zum nationalkonservativen Stahlhelm deklariert.) Oder die neuen Gemeinschaften sind weltfremde Aussteiger, Weicheier, die durch die komplexe moderne Welt überfordert sind und Heil und Wärme im Gruppenidyll suchen.

    Die Gemeinschaften wiederum beklagen die Härte, Abgebrühtheit und den auf formale Prozedere und Regeln basierende Umgangsstil der grünen Politikprofis, der soweit weg ist von ihrem eigenem Ethos. Entsprechend wenig fühlt sich ein Teil des sogenannten kulturkreativen Milieus von den Grünen u.ä. noch repräsentiert. (Man bemüht sich wie andere enttäuschte Gruppen auch eigene Strukturen aufzubauen.)

    Dabei haben sie etwas, von dem eine Politik zum Schutz von Gemeingütern viel lernen kann: Jenseits von Regeln und Gesetzen einen Lebensstil, eine verläßlich Kultur zu entwickeln, der Gemeingüter pflegt und schützt. Denn Gemeingüter sind nur dann kein Niemandsland, wenn sie von einer realen menschlichen Gruppe gepflegt werden. Bei einer Vielzahl (nicht bei allen) wird das nur über lokale Gemeinschaften gehen, ob neu oder alt.

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