Rhythmus als Commons

Gestern schickte mir jemand ein im Deutschlandfunk aufgeschnapptes Zitat:

„Die Uhr zeigt die zerhackte Zeit an, Gemeinschaft aber findet in Rhythmen statt.“

Da fiel mir dieser Text von Massimo de Angelis ein. Ein Erwachsener lernt Geige spielen… „während die Welt brennt“. Er integriert sich in ein Orchester und meint, er müsse die Noten treffen. Doch da war noch was anderes:

„We were told that it was not because we were not playing the melody that we did not hear it, but because we were not playing it together. Our rhythm keeping was not good, …. The entire piece falls apart, if we do not feel the pulse together. “Do not worry if you do not hit the right note . . . worry instead whether you are not keeping the same rhythm.”

„I hear the violin on my right, and I hear the viola on my left. I hear the cellos further down, and I hear the double bass up there. And… they can hear me. Our hearing each other is also what allows (or should allow) the art of mutual adjustment …. Through this ongoing mutual adjustment — … — the orchestra members act as a swarm, continuously recreating the center of gravity of their social cooperation through web-like feedback processes, creating the common around which their community of music producers is built, giving rise to a cohesive flow of music. This common is the rhythm of the piece, which ultimately is what will allow the tonal instrumental, melodic and harmonic differences of the individual players to be meaningfully recognised and therefore valued. However, it is a sharing, that is not given, but is itself an act of coproduction.“ (Herv. von mir, sorry für die langen englischen Zitate)

Gemeingüter sind kein Ding, sondern ein Akt sozialer Reproduktion, „es gibt keine Entschuldigung, auf diesen Puls der Musik muss man sich einlassen. Man müss sich dafür öffnen. Das ist eine Geisteshaltung.“, schreibt de Angelis.

In anderen Worten: ob Gemeingüter für die Gesellschaft und für den Einzelnen funktionieren, hängt auch von unserer Geisteshaltung ab.

„Das Geigespielen mit Anderen hat mich gelehrt, dass es einen rhythmischen Grund dafür geben muss, dererklärt, warum die Welt brennt. Der Takt der Welt schlägt immer schneller unter dem Druck alles durchdringender Märkte und des Geldes, und uns an diesen Wettlauf zu gewöhnen… produziert Angst, wir geben unsere Beziehungen in diesen Wettlauf und produzieren einen Tunnelblick auf das Instrument, auf die Note, nicht auf den gemeinsamen Rhythmus“ (stark gekürzt S.H.)

Hübscher kleiner Text, zur lektüre empfohlen.

Foto on flickr by yannic meyer, CC: By Nc

We were told that it was not because we were not playing the melody that we did not hear it, but because we were not playing it together. Our rhythm keeping was not good, we were not feeling the pulse of the piece. The entire piece falls apart, if we do not feel the pulse together. “Do not worry if you do not hit the right note . . . worry instead whether you are not keeping the same rhythm”

5 Gedanken zu „Rhythmus als Commons

  1. Silke, du zitierst:

    “Die Uhr zeigt die zerhackte Zeit an, Gemeinschaft aber findet in Rhythmen statt.”

    Der Rhythmus wie wir ihn kennen (als Taktrhythmus, vgl. Bennis Kommentar) steht jedoch nicht im Gegensatz zur zerhackten Zeit, sondern er _ist_ zerhackte Zeit und zwar gleichförmig zerhackte. Der hier hervorzuhebende Gegensatz wäre ein anderer: Der abstrakt (nämlich gleichförmig) zerteilten Zeit der Warenwelt und Lohnarbeit steht eine konkret (nämlich je angemessen) aufgeteilte Zeit der sinnlichen Lebenswelt (oder Commons) gegenüber.

    So regen sich viele auf (und erzeugen mächtig Druck), wenn das Debian-Projekt immer wieder verkündet hat, dass das nächste Release dann erscheint ist, wenn es fertig ist — und nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt. Doch auch hier bei der im Kern wertlosen Freien Software drückt der abstrakte, entfremdende Takt des Geldes: Projektleiter werden daran gemessen, ob sie Release-Pläne einhalten können.

  2. Da fällt mir ein Buch ein, das mein Weltwahrnehmung zutiefst geprägt hat: „African Rhythm and African Sensibility“ von John Miller Chernoff.
    Rhythmus wird in diesem Buch als etwas ganz anderes als der „westliche“ (4/4tel)-Takt-Rhythmus dargestellt; er ist ein vielschichtiges soziales und musikalisches Geschehen. Einer fängt an, seinen Rhythmus zu spielen, der nächste antwortet, indem er/sie ergänzt erweitert–> so entsteht Polyrhythmik als gemeinsames Hören und Spielen.

  3. „Der abstrakt (nämlich gleichförmig) zerteilten Zeit der Warenwelt und Lohnarbeit steht eine konkret (nämlich je angemessen) aufgeteilte Zeit der sinnlichen Lebenswelt (oder Commons) gegenüber.“

    Mir war schon klar, dass Ihr Bockelmann zitiert, obwohl ich das Buch nicht gelesen habe. Und irgendwie ist die Partitur hier stellvertretend für die zerhakte, vorgegebene Zeit. Ist auch klar. Dennoch wird in Massimos Text diese Brücke geschlagen – hin zu einem gemeinsamen, angemessenen Rhythmus‘ . (sieha auch Marians Beitrag)
    Ich habe das am Freitag erst wieder erlebt. Sollte ein Interview geben, aber der Sender hat einen ganz anderen Rhythmus als ich, als die Debatte, als „commoning“ überhaupt. Es war eine Stunde Zeit, um eine halbe Stunde aufzuzeichnen, um Informationen zu „verwerten.“ (oder auch nicht) Für die Warenwelt ist das ein Privileg. Keine Frage. Wir haben in der Stunde keinen gemeinsamen Rhythmus gefunden. Große Aufgabe für die Zukunft: Wie erklärt man Commons schnell, konkret, noch schneller und noch konkreter und noch konkreter (v.a. wenn es da die Erwartung einer Blaupause/ eines Rezepts zu geben scheint)? Wie erklärt man Gemeingüter Medien, die in Sendezeiten und ähnlichen Rhythmen denken (müssen)?

  4. Man braucht wirklich nicht ins Exotische, Afrikanische zu gehen, um „Polyrhythmik“ zu finden. Die ja auch nicht besagt, dass die Beteiligten gleichzeitig grundverschiedene Rhythmen verfolgen, sondern im Verlauf des Stückes der R. ein paar mal wechseln kann. Ein Besuch bei einer Jazz-Session genügt.

    In Gesprächsrunden mit ausgeprägt heterogenen Typen und Tempo-Bedürfnissen zumal bei heutigen Egozentrik-Standards kann ein „Diskussionsleiter“ allerdings schon mal verzweifeln. Abstimmung miteinander ist richtig Arbeit.

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