Jenaplan: que viva!

Heute, 18 Uhr: feierliche Zeugnisausgabe für Zehner und Abiturienten der Jenaplanschule Jena in der Aula der FSU Jena. Mein Sohn war dabei und ich war ergriffen (das geht ganz leicht, in so einem Fall aber wenigstens gut begründet.)

Wenn mich Leute fragen, warum ich zurück nach Jena gekommen bin, dann sag ich: „Wegen dieser Schule.“ Sie hat es uns ermöglicht, die Kinder am deutschen Schulunwesen vorbei zu schleusen. Wer einen etwa 10-jährigen Sohn hat, für den entschieden werden soll (anders kann ich das nicht formulieren), ob er zum Gymnasium geht (in der Fünften!), wird verstehen was ich meine.

Den Kindern „in diesem Land“ – wie Frau Merkel zu sagen pflegt – das Aussortiert- und Klassifiziertwerden zu ersparen, ist ein Fünfer im Lotto. Heute wurde mir mal wieder klar, warum es sich gelohnt hat, alles hinter mir zu lassen und mir hier eine Wohnung zu suchen, auch wenn ich gedanklich weiter in der Welt unterwegs bin:

Drei Dinge sind mir im Gedächtnis geblieben:

Aus der Rede der Schulleiterin, Gisela John : „Das ist nicht eine Schule, die auf das Leben vorbereitet, sondern eine Schule, in der gelebt wird.“ (aus dem Kopf zitiert)

Aus der Rede der Abiturientinnen: „Überall gilt: Wenn nichts mehr geht: Stuhlkreis“ – dh. hinsetzen und miteinander reden. Probleme lösen in direkter Kommunikation. Dafür müssen ein paar Regeln respektiert werden, aber das haben die Abiturienten im Wortsinn ein Jahrzehnt lang geübt. Jeden Montag Morgen im Kreis und immer, wenn’s nötig ist.

Und die Schüler reden ganz unbefangen von Gemeinschaft (was wir kaum wagen). So auch heute. Sie empfinden sich als Gemeinschaft. Sie betonen das Vergnügen, gemeinsam etwas zu erreichen. „Wer weiss, ob wir das Fachwissen in Zukunft noch brauchen, aber diese Fähigkeiten Kooperation, Kritikfähigkeit, Toleranz (uvm), die brauchen wir.“

Der Jena-Plan ist ein von Peter Petersen 1927 erdachtes Schulentwicklungskonzept. Es entstand an der FSU Jena, daher die Bezeichnung. Die Kerngedanken sind:

* selbsttätiges Arbeiten,

* gemeinschaftliches Zusammenarbeiten und -leben,

* Mitverantwortung der Schüler- und Elternschaft. (oh je, ich bin nie da)

Das Einzige, was ich nicht verstehe: Es gibt kaum ein Reinkommen in die Jenaer Jenaplan Schule. Deswegen wird sie von Außenstehenden als elitär empfunden. Dabei ist sie für jede und jeden erdacht und so funktioniert sie auch. Jeder hat dort eine Chance zur individuellen Entfaltung.

Mein Sohn wurde im Alter von 2 Jahren angemeldet. Heute ist er 16. Wir hatten damals – kurz nach der Schulgründung – Glück; er bekam einen Jenaplan-Kindergartenplatz. Von dort geht es direkt zur Schule mitsamt Geschwistern. Es gibt noch eine paar andere Wege zur Aufnahme, doch der Zugang für Außenstehende ist weitgehend blockiert. Das ist frustrierend! Für viele. Zu viele. Seit fast 2 Jahrzehnten läuft nun dieses Reformschulkonzept, wie es erfolgreicher kaum sein könnte. Inzwischen gibt es ein paar Abiturjahrgänge. Nachfrage ohne Ende und doch nach wie vor nur eine Schule in Jena und 4 in ganz Thüringen. Kann mir das mal jemand erklären?

Langer Text, dabei wollte ich nur eines ausdrücken: Dankbarkeit. Wie tut man das, ohne pathetisch zu werden? Vielleicht sollte ich es so sagen, wie ich es empfinde: Für mich ist es die beste Schule, die es gibt.

Fotos on flickr by krat-os

6 Gedanken zu „Jenaplan: que viva!

  1. Ja, das Schulunwesen. Ich könnte wohl ganze Bücher mit meinen Erlebnissen füllen. Was bin ich froh, meine beiden Großen dennoch ohne nennenswerten Schaden durch ihre Schulzeit bekommen zu haben.

  2. Liebe Silke
    Ohne Deine verständliche Begeisterung schmälern zu wollen – im Grunde breitest Du hier mein rotes Lieblingstuch vor meinen Hörnern aus. Warum? Ganz einfach. Diese Schule ist per Definition elitär, da sie nur einer wie auch immer ausgewählten Minderheit zur Verfügung steht. Und dies reflektiert einen neuen Trend. Fast habe ich das Gefühl, man lässt die öffentlichen Schulen absichtlich absacken und beschiesse sie dann mit einem Stakkato von Qualitätsrügen … um das Bildungssystem anschliessend dem Privatisierungswahn freizugeben???
    Wissen wir eigentlich, was wir da tun? Für mich zählt das öffentliche und relativ homogene deutsche Schulsystem zu den wichtigsten Pfeilern im Zusammenhalt unserer Gesellschaft – ein echtes Common eben. Aber statt uns zu kümmern und diese wundervolle Errungenschaft (aus Zeiten der deutschen Revolution) gemeinsam zu pflegen und den veränderten Zeiten anzupassen, verlassen wir den Konsens und flüchten uns in oft private und elitäre Oasen. Welche Konsequenzen solche Entwicklungen haben können, sehen wir in den USA. Dort können Lehrer in manchen Schulen froh sein, von ihren Schülern im Unterricht nicht erschossen zu werden. Dort hat jeder, der es sich leisten kann, seine Schäflein ins Trockene gebracht, seine Kinder in eine private Oase der Ruhe verpackt. Zurück bleiben die, mit denen wir uns weder in der Gesellschaft, noch in der Schule auseinandersetzen wollen.

    • Hmmm… falls das nicht klar geworden sein sollte: Das ist eine staatliche, öffentliche Schule. Wir zahlen keine Gebühren und nix. Wenn ich das recht überblicke, entscheidet über die freien Plätze das Los.
      Warum es davon nicht mehr gibt? Da müssen wir mal das Thüringer Kultusministerium fragen. Vielleicht gibt es aber auch nicht genug Lehrerkollektive, die ihre Schule in diese Richtung umkrempeln wollen – dabei pilgern ganze Lehrerschaaren an die Jenaplanschule, um zu hospitieren.
      Diese Lehrer dort jedenfalls, die kümmern sich um die Qualität des öffentlichen, deutschen Bildungswesens. Die Eltern mit. Warum soll ich sie dafür kritisieren?

      • Ich kritisiere nicht die Lehrer und auch nicht die Schule. Was mich stört ist ihr elitärer Charakter. Per Los? Es wird also per Zufallsprinzip entschieden, welches Kind eine gute Schule besuchen darf und welches sich mit einer ungeeigneten Lehrfabrik zufrieden geben muss? Macht es das besser? Gerechtigkeit per Gottesurteil?
        Was mich zutiefst beunruhig ist, dass wir unsere Kraft mehr und mehr darauf konzentrieren, unserer Schulsystem zu trennen und zu privatisieren, anstatt es insgesamt mit einer langfristigen Strategie zu reformieren.

  3. Es wird seit 40 Jahren versucht dieses Schulsystem zu reformieren und es hat sich beharrlich gewehrt. Irgendwann muss man sich nicht wundern, dass die Leute mit den Füßen abstimmen. Und ich werde nicht nur deswegen meinen Sohn sehenden Auges in eine Kinderquälanstalt geben, nur weil diese angeblich egalitär ist (was sie ja faktisch eben gerade nicht ist). Und es gibt auch sehr viele Privatschulen, die versuchen den Eltern den Schulbesuch erschwinglich zu gestalten. Schulvielfalt ist absolut begrüßenswert und ausser in wenigen Ausnahmen – wie hier in Jena – ist der Staat aus welchen Gründen auch immer nicht dazu in der Lage das zu schaffen, also müssen wir es halt selber machen.

  4. Das Letzte, was ich kritisieren wollte, ist eine gute Schule mit vorbildlicher Pädagogik. Ich gehöre allerdings zur Gilde der fahrenden Kopfarbeiter. Wer in der Forschung (und das ist ja nur ein x-beliebiges Beispiel moderner Berufsmobilität) alle 2-3 Jahre mit seinen Kindern von Stadt zu Stadt und von Land zu Land zieht, der hat keinerlei Chance von den Vorzügen einer Schule zu profitieren, bei der man sich im Alter von zwei Jahren anmelden muss (oder in der man Geschwister unter den Schülern haben muss um aufgenommen zu werden). Auch die Bildung der Eltern, die eine solche Auswahl ja treffen, wir hier zum entscheidenden Faktor für das Geschick der Kinder. Was ich kritisiere ist die Exklusivität solcher Vorzeigeschulen! Im Wortsinn: Das Ausschliessen derer, die halt aus irgend welchen Gründen nicht rein kommen. Ich befürchte einfach, dass dies der erste Schritt zur Erosion eines ungeheuer wichtigen Gemeinguts ist, nämlich dem allgemeine Recht eines jeden auf adäquate Ausbildung.
    Noch ein Aspekt: „Schulvielfalt“ ist ein wohlklingender Begriff, aber wer einmal die „Vielfalt“ von Schulen zwischen verschiedenen Bundesländern am eigenen oder schlimmer noch, dem Leib seiner Kinder erfahren hat (durch Umzug beispielsweise), dem kommen bei diesem Wort eher die Tränen.

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