Lizenz zum Pilzesammeln

Stellen Sie sich vor, man würde den Menschen das Pilzesammeln verbieten und stattdessen zum Sammeln einen Forstverwalter einstellen! Staatskasse muss gefüllt werden.

Schnapsidee? Gibt’s aber trotzdem. So notiert hier die österreichische Landschaftsplanerin Elisabeth Salome Gruber in ihrem kurzen und sehr informativen Text zum „Sammeln von Wildpflanzen im Spannungsfeld zwischen Gemeingut und Allgemeingut“*

Im italienischen Dolomitental Val di Fiemme, wo das Pilzesammeln zur Touristenattraktion gehört, gibt es Lizenzen für’s Pilzesammeln. Sie können auf der Post oder bei der Touristeninformation erworben werden. Pilze sind nicht unerschöpflich – man muss mitunter den Zugang begrenzen. Doch bei dieser Art der Zugangsbegrenzung geht mehr verloren als nur das Sammelgut, das macht Gruber eindrucksvoll klar.

Wer glaubt, die Sammelei sei ein Relikt aus der Steinzeit, der werfe einen Blick auf diese Zahlen:

  • Weltweit stammen 80% aller verwendeten Heilpflanzen aus Wildsammlung. Für Europa sind das 30000t jährlich
  • Weniger als 5% der ca. 50000 weltweit genutzten Heilpflanzenarten stammen fast ausschließlich aus Anbau.

Salome Gruber hat einen konsistenten Gemeingüterbegriff. Gemeingüter seien das, „was uns nicht allein gehört“. Dennoch definiert sie Gemeingüter nicht über die Eigentumsform. Im Text wird vielmehr deutlich, dass Commons bzw. das Commoning eine Kulturhandlung ist. Gemeingüter sind unabdingbar, doch sie sind kein Ding.

„Gemeingut wird reproduziert indem es erkannt und anerkannt wird. Indem es aktiv genutzt, gepflegt und an die Erfordernisse der Zeit angepasst wird“ (Herv. S.H.)

Zum Sammeln braucht es zum Beispiel Pflanzen, Sammelorte, Gebrauchswissen und Motivation. Dieses Wissen ist oft „lokal oder personal gebundenes Wissen“. Wo Nutzungsrechte der SammlerInnen beschnitten werden (wie vom pilzesammelnden Forstarbeiter), verschwindet auch dieses Wissen, doch

„Menschen mit bäuerlicher Herkunft (besitzen) die tiefsten Einblicke in die Vorgänge, welche aus Landschaften Sammelorte machen. Dieses Wissen hat auch Wertschätzung … zur Folge.“

Gemeingut, das nicht in Gebrauch bleibt, verschwindet wie ein Trampelpfad, der aufgrund mangelnder Nutzung zuwächst. Das Gemeingut, welches für das Sammeln unerlässlich ist, muss immer wieder neu durch den Gebrauch und seine Wertschätzung bestätigt, und oftmals zurückerobert oder neu geschaffen und neu legitimiert werden.

Zudem macht Gruber deutlich, wie eng die kollektive Nutzung natürlicher Ressourcen mit der kulturellen Allmende verknüpft ist. Artenvielfalt – Gebrauchsvielfalt – Wissensvielfalt und schließlich auch Produktvielfalt sind allesamt Ausdruck einer lebendigen Allmende.

Gruber bedient sich bei Ivan Illich, der in den Achtzigern den Begriff der Gemeinheit wieder stark gemacht hat: „Gemeinheit bedeutet ursprünglich die Summe aus Gemeinschaft, Gemeingut und den dazu gehörigen Regeln“. Sic. (Illich verdient hier endlich mal einen längeren Blogeintrag)

Ich finde kein Wort, mit dem ich den Weg, den ich, du oder er gehen, der Autobahn gegenüberstellen kann, auf der wir fahren oder gefahren werden. Im Englischen kann ich bei solchen Überlegungen the commons den public utilities gegenüberstellen, … Vom Recht auf die Allmende zu sprechen, wenn es mir eigentlich um die Wiedergewinnung von Nutzungsrechten an verschmutzten, zersiedelten zerwalteten Relikten von Gemeinheiten geht, wäre zu eng. … So bleibe ich also bei der ,Gemeinheit’“ (Illich 1982, Vom Recht auf Gemeinheit, 7f).

Und schließlich noch drei Gedanken, die ich interessant fand:

Die Nutzung einer Sache als Ware kann die Nutzung derselben Sache als Gemeingut voraussetzen. Grubers Beispiel: Germer oder Arnika, Arzneipflanzen, die als Weideunkraut auf den Almen unerwünscht sind. Kollektives Wegsammeln ist also willkommen, bevor die (privaten) Almkühe sich den Kuhmagen verderben.

„Die Sammelgüter entsprechen hier nicht der ersten Produktionsabsicht. Sie sind Nebenprodukte der land- und forstwirtschaftlichen Bewirtschaftung. Normalerweise entsteht durch ihre Nutzung den BesitzerInnen weder Schaden noch Verdienstentgang.

Ein Beispiel dafür, wie weitgreifend und subtil eine Kultur der Gemeingüter sein kann, kommt aus Deutschland.

„Wenn man von der Nachbarin Pflanzensetzlinge bekommt, darf man sich in manchen Gegenden Deutschlands nicht bedanken, weil sie allen gehören, und der Dank nicht nur derjenigen gebühren würde, die sie weitergibt, sondern auch allen vor ihr, die dafür gesorgt haben, dass eine Sorte so wird, wie sie ist (jahrtausendelange Züchtungsarbeit) (Meyer-Renschhausen 2000).

Zum ersten Mal gehört habe ich auch vom Begriff derzugänglichen Landschaft in Opposition zur „geschlossenen Landschaft„, Freie Software vs. Unfreie/Proprietäre Software kommt mir da in den Sinn.

Und tatsächlich wurden auch

„Landschaftsvielfalt, Artenvielfalt und die Gesamtheit des Wissens und der Fertigkeiten im Umgang damit … über Jahrhunderte hinweg als Gemeingut aufgefasst, das von unzähligen unbekannten Menschen gemeinsam erzeugt, gepflegt und weitergegeben wurde.“

Wie der unglaubliche Fundus freier Software, wie die Wikipedia. Es braucht offene Infrastrukturen (Landschaften), um Gemeingüter zu re-produzieren.

Resumee der Autorin: „Das Sammeln von Wildpflanzen ist nach wie vor eine gesellschaftlich spannende und lebendige Angelegenheit.“ Warum das öffentlich und in der Wissenschaft kaum wahrgenommen wird, liege daran, dass sich der Gegenstand „an den Rändern unseres Wissens befinde“. Ein nicht minder wichtiger Grund scheint mir, dass eben diese Kulturhandlungen und ihre „Produkte“ zu wenig  Marktwert besitzen.

Das Konzept des Gemeinguts, als inter- und transdisziplinäres wissenschaftliches Forschungsgebiet sei Voraussetzung dafür, die Dimension des Sammelns überhaupt zu erfassen. So ist es. Gruber gibt mit ihrem gut strukturierten Text eine hervorragende Einführung in die Kulturhandlung des Sammels: aus Perspektive der Gemeingüter.

PS: *Unter ‚Allgemeingut‘ versteht Gruber offenbar ein Gut, welches staatlicher Kontrolle unterworfen wurde, oft unter dem Vorwand dass es „angeblich allen gehört.“

foto on flickr by H.Kosin CC: BY, NC

2 Gedanken zu „Lizenz zum Pilzesammeln

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