Krieg gegen die Fische

Die Überfischung der Weltmeere muss oft als klassisches Beispiel für die so genannte „Tragik der Allmende“ herhalten. Doch die Überfischung hat viele Ursachen, vor allem aber ist sie ein internationales, von Einzelstaaten inszeniertes Drama. Dieses Drama will die UNO seit Jahrzehnten stoppen. Als sich die Überfischung in den 70er Jahren nach Süden ausweitete, hat sie ein wichtiges Vertragswerk ins Leben gerufen: Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (United Nations Conventionon the Law of the Sea,  UNCLOS)

Seit Inkrafttreten von UNCLOS 1982, gibt es feste Fanquoten (TAC – Total Allowable Catches) für jede Nation. Die Staaten teilen die erkämpften Quoten unter ihren Fischern auf. Das Problem dabei: Je höher die Quote, umso ansehnlicher die „Leistung“ der Politiker. Einen Anreiz zur Quotensenkung gibt es nicht. Der beste Beweis: Die EU überschreitet die Empfehlungen des International Council for the Exploration of the Sea (ICES) zur Quotenhöhe fast jedes Jahr um circa 30 %. Da kann die Allmende nichts dafür. Das ist die Schuld der Politik.

Das Quotensystem trägt so, entgegen der Intention, zur Überfischung bei. Gut gemeint ist eben das Gegenteil von gut. Es geht in diesem System um Quantität, um das Ausschöpfen der Quote. Wer das nicht tut, bekommt in der nächsten Runde weniger zugewiesen. So gibt es keinen Anreiz, die Bestände zu schonen. Qualität und das WIE des Fischfangs, spielt kaum eine Rolle.

Dabei müssten eigentlich die globalen Fangmengen halbiert werden (derzeit 82 Mio Tonnen + ca 40 Mio t Aquakulturen). Globale Halbierung (ein cap) sagt sich leicht dahin – doch wie und nach welchen Kriterien wäre sie umzusetzen? Schließlich haben Fische die Eigenschaft, nicht ortsgebunden zu sein und nicht gleichverteilt in den Weltmeeren herumzuschwärmen.

Bisher folgt die Zuteilung der nationalen Quoten im Wesentlichen der Idee des Bestandsschutzes, dem so genannten Großvaterrechts-Prinzip. Wer schon immer viel gefischt hat, durfte das auch weiter tun – wie bei der Zuteilung von Emissionsrechten. Und das, obwohl es nicht nur die Fischbestände, sondern auch den Steuerzahler teuer zu stehen kommt. Gerade die EU hat sich die Aufrüstung ihrer Flotten durch Hightechtrawler geleistet. Die will sie jetzt auslasten. So funktioniert Überfischungssubvention.

1,2 Millionen Schiffe suchen auf den Weltmeeren nach Fang, weitere 2,8 Millionen offene Boote dienen der Kleinfischerei. Die Hälfte (vor allem der großen) würde reichen. Laut WWF liegt die Überkapazität derzeit bei 40 % und sie nimmt jährlich um weitere 3-5 % zu.

„Die Fischerei befindet sich in der paradoxen Situation, dass etwa ein Drittel mehr Fisch angelandet werden könnte, wenn weltweit die Hälfte der Fangfahrzeuge stillgelegt würde. Der jährliche Verlust, d.h. die Differenz zwischen potenziellen und aktuellen volkswirtschaftlichen Nettoerträgen, beläuft sich nach einer aktuellen Studie der Weltbank auf jährlich 50 Milliarden US-Dollar.“

Und eh ich’s vergesse:

  • diese Flotte verbraucht jährlich 50 Milliarden Liter fossilen Treibstoff (1,2 % des gesamten globalen Rohölbedarfes= Gesamtölverbrauch der Niederlande) für 80 Millionen Tonnen gefangenen Fisch
  • sie produziert 130 Millionen Tonnen CO2 Emissionen jährlich
  • der Energiegehalt des verbrauchten Treibstoffs ist 12,5 Mal größer als der des gewonnenen tierischen Proteins (aus Jarchau/Wiegler nach: Peter H. Tyedmers/Reg Watson/Daniel Pauly, Fueling Global Fishing Fleets, in: Ambio, 34 (2005) 8, S. 635 – 638.)

Diese Absurditäten im Namen der „Effizienz“, haben auch mit der immer raffinierter werdenden Sichtung der Schwärme zu tun: gesucht wird mit Sonar und Helikopter, künftig sogar mit Satelliten. Selbst in 2000 Meter Tiefe kann man Schwärme auftreiben. „Der totale Zugriff erlaubt kein Entrinnen.“ (mobil 05/09)

Und dann ist da noch die illegale Fischerei. Für die Einen ein Verbrechen, für die Anderen der Kampf ums Dasein. Umgeschlagen werden illegal circa 30 Mio Tonnen, ein Drittel des offiziellen Weltfischfangs.

Das Ergebnis ist ein wahrer „Krieg gegen die Fische“, wie der Meeresbiologe Daniel Pauly sagt.

  • mehr als 3/4 aller kommerziell genutzten Bestände sind überfischt oder kurz davor, so die FAO, 81% der Bestände in EU-Gewässern
  • die globalen Tunfischbestände sind schon bis zu 90% geschrumpft und bis 2048 werden nach Aussagen eines internationalen Forschungsteams alle nutzbaren Arten weitgehend aus den Weltmeeren verschwunden sein. „Die Meere werden dann von Quallen dominiert, die keine natürlichen Feinde mehr haben“, schreiben Jarchau und Wiegler im Parlament.
  • wer in Griechenland im Restaurant mit Meerblick sitzt, bekommt schon heute kaum Fisch aus nationalen Gewässern auf den Tisch. Künftig werden wir auf Seefisch ganz verzichten müssen – dabei ist Fisch die wichtigste Proteinquelle für circa 1 Milliarde Menschen (sic!), insbesondere in den Entwicklungsländern

Der Krieg gegen die Fische ist also ein Krieg gegen uns selbst.

Gegenwärtig wird die Schlacht noch dadurch intensiviert, dass Fische an Fische verfüttert werden.  In industriellen Aquakulturen vertilgen fleischfressende Fischarten 50% des weltweit hergestellten Fischmehls und 80% des Fischöls. Man braucht 20 kg Meersetiere auf den Mastfarmen des Blauflossen Tunfischs, um ein Kilo-Sushi Fleisch zu gewinnen.  Und 4 Kilo Fischmehl (gewonnen aus Sardinen und Anchovis) für ein Kilo Zuchtlachs. An Möglichkeiten, Fischmehl durch pflanzliche Proteine zu ersetzen wird geforscht.

Ich habe solche industriellen Aquakulturen unlängst in Vietnam gesehen. Ganze Küstenstreifen sind voll davon. Manchmal mit malerischen Fischerboten dazwischen. Der visuelle Eindruck verdrängt für kurze Zeit das Wissen um das Ergebnis: versalzte Küstengebiete voller Antibiotika und Abfälle, zugekotete Meeresböden, abgeholzte Mangrovenwälder, Verschwendung von Energie und Süßwasser für Schrimps auf unseren Tischen.

Das Hauptproblem in der Seefischerei bestünde nun darin,

dass fast überall auf der Welt Fischbestände als Allgemeingut (common resource) behandelt werden, die jeder gegen Entrichtung einer Lizenzgebühr nutzen kann. Der Zugang zu diesen Fischressourcen ist deshalb nur unzureichend geregelt und beschränkt, was unweigerlich zu einer Übernutzung führt.“,

sagen die Autoren des zitierten Parlamentsartikels (Herv. von mir) und reproduzieren das Hardinsche Missverständnis von der „Tragik der Allmende“. Ich finde, man müsste das Argument umdrehen und sagen:  Das Problem besteht darin, dass die globalen Fischbestände als Niemandsland zur Freibeuterei freigegeben sind (die Hürde der Total Allowable Catches samt Lizenzgebühren wird dabei von den finanzstarken Nationen leicht übersprungen).

Gemeingüter sind aber kein Niemandsland.

Fischbestände als Gemeingut zu betrachten, ist also nicht das Hauptproblem, sondern genau das, was wir brauchen. Es bedeutet, dem Erhalt des Lebens im Meer, den vielfältigen Küstenbiotopen und dem Recht auf Teilhabe lokal, regional und global Bedeutung beizumessen. In dieser Perspektive haben europäische Hightechtrawler vor westafrikanischen Küsten gar nichts mehr zu suchen.

Die EU wird bis 2012 ihre Gemeinsame Fischereipolitik reformieren. In der Fachpolitik tut sich deshalb eine Möglichkeit auf, solch eine Position stark zu machen.

Grüne Fachpolitiker sagen: Die Zuteilung der Fischereiquoten sollte unabhängig von der Nationalität sein. Das ist schonmal gut!

Sie könne einzig und allein an die Qualität des Fischfangs gebunden werden. Als da wären:

  • Fischfangmethoden, bei denen es möglichst wenig Beifang gibt (weltweit 30 Mio Tonnen Beifang, darunter  200 Millionen Haie, von viele gefährdete Arten, werden in der Regel als Abfall weggekippt.) Grundschleppnetzfischerei würde so bestraft, denn das ist, als würde man einen Wald ummähen, um Rehe zu jagen, sagen Umweltorganisationen.
  • Umweltaspekte (Folgen für das Benthos, Umweltverschmutzung u.a.)
  • Energieverbrauch
  • Beschäftigungseffekt und Arbeitsbedingungen
  • Produktqualität/ Frische

Das wäre eine Art Sozio-Ökologische Reform der Fischerei. Die Fischbestände und deren Nutzung als Gemeingut zu betrachten, geht aber darüber hinaus. Es heißt, davon auszugehen, das jede kommerzielle Nutzung eines Bestandes konsequent im Interesse aller Mitbesitzer dieses Commons erfolgen werden muß. So wäre zum Beispiel die Bindung von Fangquoten an die Erbringung von Leistungen für die entsprechende community denkbar. Warum sollen nicht jene „belohnt“ werden, die nicht nur nachhaltig, sicher und zu akzeptablen Arbeitsbedinungen fischen, sondern die den geangelten Gewinn auch für die Belebung der Sozialstrukturen einsetzen, die sie tragen. Eine alte Idee, die  die Fair Trade Debatte und -praxis prägt.

Fischereipolitik muss darauf abzielen, die sozialen Netze in den Fischercommunities zu flicken. Denn in löchrigen Netzen, bleiben keine Fische hängen.

PS. Das Mindeste was wir als VerbraucherInnen tun können, um zumindeste die sozio-ökologische Orientierung hinzukriegen ist: Auf das Siegel vom Marine Stewardship Council achten. Derzeit liegt der Marktanteil bei 10%, Tendenz stark steigend. Mehr dazu auch hier beim WWF und auf diesem Faktenblatt.

Weitere Quellen: mobil 05/09: Fischbestand, Gefährdet im Meer, an Land gerettet?

PS vom 09. Juni: Anläßlich des Tages des Meeres bringt die Süddeutsche einen Artikel, in dem sie vor allem auf die Vermüllung der Meere hinweist.

„Zum Beispiel haben nach Angaben der Umweltschutzorganisation Greenpeace in der Nordsee etwa 97 Prozent der Eissturmvögel in ihrem Magen rund 0,31 Gramm Plastikmüll. Das entspricht beim Menschen einer Brotdose voll mit scharfkantigen Plastikresten.“

Lesenswert!

foto: on flickr by azrainman

6 Gedanken zu „Krieg gegen die Fische

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  2. Letztlich kann das aber nur funktionieren, wenn man Resourcen bereitstellt, die das Durchsetzen der Quoten tatsächlich erzwingen und durchsetzen. Da muß man Schiffe kaufen, da muß patrolliert werden. Das ist teuer und man muß prüfen, daß die Kontrolleure tatsächlich einen ernsthaften Anreiz daran haben, daß die Quoten eingehalten werden. Ein lahmer Bürokrat irgendwo in New York wird das kaum durchsetzen können. Nicht umsonst sind UN-Projekte notorisch anfällig für Ineffizienz und Korruption anfällig: die Anreize stimmen einfach nicht. (Das ist ja letztlich auch der Punkt der „Tragödie der Allemende“: daß die Incentives eines einzelnen Teilnehmers nicht mit dem Gruppeninteresse synchron gehen. Das Problem kann es bei kleinen Gruppen geben oder bei großen. Und natürlich können auch Gemeinschaftsgüter gut verwaltet werden: es klappt ja zB. auch gut bei Elefanten in Afrika, wo Dörfer für die Elefanten verantwortlich sind und von ihnen profitieren und seither Wilderei immens eingedämmt wurde).

    Abgesehen davon ist die Vergabe von Quoten wirklich kompliziert: da steckt viel Wissen über die Bewegungen von Fischschwärmen drin (sogenannte „tacit knowlegde“, also Wissen, daß man schwer in Bücher schreiben und an eine Planungsbehörde schicken kann, sondern Wissen, daß Fischer über Jahre akkumuliert haben.). Dafür kann man schlecht konkrete Vorschriften machen, wie man das wo auf der Welt machen muß (die Fischereirechte, die vor Alaska, Island oder Neuseeland gelten, funktionieren immer ein bißchen anders und das mit gutem Grund. Aber sie funktionieren.)

    Ich bezweifle sehr stark, daß eine globale Organisation das hinbekommt. Letztlich muß so etwas lokal vergeben werden und zwar auf lokal sinnvollen Punkten aufbauend: Vielleicht ist vor der Elfenbeinküste „Effizienz“ kein so gutes Kriterium, weil sich die Fischer sowieso kaum Boote leisten können? (Überhaupt ist „Effizienz“ kritisch: ein Schiffsdiesel frisst eben fast alles, auch die Abfallsprodukte des Rafinierieprozesses. Damit fährt er aber ineffizient. Sollte man das Zeug also irgendwo vergraben oder, wenn es geht, daraus Teer machen und ein paar neue Straßen verlegen?).

    Der meines Erachtens intelligentere Weg ist, lokal Fischerrechte zu vergeben, was auch gut funktioniert: siehe Science Magazine oder eine Kurzzusammenfassung (für alle ohne Account) aus der New York Times.

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