Das Ende von etwas ist der Anfang wovon?

Die Streifzüge veröffentlichten kürzlich André Gorz (RIP). Die Überwindung des Kapitalismus habe bereits begonnen, so der Philosoph. Die Frage sei nur: „Wird das Ende barbarisch – oder finden wir eine zivilisierte Art des Auswegs?“

Dass „der Kapitalismus eine innere wie äußere Grenze erreicht, die er nicht zu überschreiten vermag“, können uns derzeit am besten die Klimaforscher erklären. Jeder Vortrag zur globalen Erwärmung lässt erstarren. Man könne schon drei Monate alte Daten nicht mehr verwenden, sagte mir neulich ein Klimaexperte. Die Ereignisse überschlagen sich.

Die Erkenntnisse müssten – mit dem exponentiellen Anstieg der Fieberkurve der Erde – der kollektiven Panik Bahn brechen. Geschieht aber nicht. Dabei kann sich im Prinzip jeder Mensch gut vorstellen was passiert: Denn schon wenige Zentigrad Körpertemperatur entscheiden ab 41 Grad aufwärts über Leben oder Tod.  Der menschliche Körper ist ein komplexer Organismus. Die Biosphäre ebenso.  Trotzdem scheinen wir es mit dem – inzwischen hoffnungslos veralteten – 2 Grad Ziel gelassen zu nehmen. Die Fieberkurve der Biosphäre steigt. Die Irreversibilität der Folgen, auf die auch Gorz in seinem Artikel hinweist, quittieren ehemalige Umweltministerinnen derweil mit Abwrackprämien.

Wir brauchen „andere gesellschaftliche Verhältnisse„, stellte  der Philosoph deshalb fest. Die Frage ist: Welche? Und wie kommen wir dahin?

Über den Kopf! Sprich, zunächst über die simple Erkenntnis, dass die Tragik der Allmende eher die Bezeichnung „Tragik der menschlichen Gemeinschaft“ verdient hat. Denn es geht immer um unsere Unfähigkeit, Ressourcen so zu teilen und zu nutzen, dass genug für alle bleibt bzw. immer um den Unwillen (Einzelner) auf Kontrolle über Dinge (und über andere) zu verzichten.

Wegbereiter dieses Bewußtseinswandels ist für Gorz die „informationelle Revolution“, da sie Fakten schafft: mit dem exponentiellen Anstieg der Rente im Verhältnis zu den Produktionskosten auf der einen und mit dem Überwinden der Rentenlogik durch neue Produktions- und Vertriebsmodelle (Stichwort Freie Software) auf der anderen Seite.

Da brechen die Verhältnisse auf – in beide Richtungen. Die Freie Software Community will nichts monopolisieren. Und die Rentenmaximierer haben es mit der Monopolisierung heute schwerer als in Zeiten, in denen „Kenntnisse, Ideen, Konzepte, die bei der Produktion und Konzeption der Waren aufgewandt wurden, (noch) in Bezug auf Maschinen und Artikel definiert wurden“.

Für diese Rentenmaximierer wird die „Verringerung der Haltbarkeit der Produkte, die Unmöglichkeit, sie zu reparieren, zum entscheidenden Mittel, das Umsatzvolumen zu erhöhen. Sie zwingt die Firmen … eine „Konsumkultur“ zu verbreiten, die auf die Individualisierung, die Selbstüberhebung, die Rivalität, die Eifersucht setzt“. Dem gegenüber stehen Praxen, die sich an einer „gemeinsamen Norm des Ausreichenden“ orientieren.  Die einen sind Nutzenmaximierer. Die anderen commoners.

So weit folge ich der Argumentation. Doch operiert Gorz danach in der Beschreibung der von ihm vorgestellten neuen Produktionsweise mit einem begrenzten Gemeingüterbegriff.

  1. er betrachtet vor allem die ökonomische Dimension der Gemeingüter
  2. er beschränkt den Blick auf immaterielle (nicht endliche) Ressourcen

Das ist nicht falsch, aber auch nicht präzise genug und: Es leistet der allgemeinen Verwirrung Vorschub, wir seien diejenigen mit der „Gratismentatilität“. Zitat:

In dem Moment, wo Ideen und Konzepte zu einer „unabhängigen Existenz gelangen und sich, in Software übersetzt, zu minimalen Kosten in unbegrenzter Menge reproduzieren lassen.“, können sie ein im Überfluss vorhandenes Gut werden, das aufgrund seiner unbegrenzten Verfügbarkeit jeden Tauschwert verliert und als kostenloses Gemeingut in den öffentlichen Bereich eingeht“.

Für die von Gorz betrachteten Ressourcen (Wissen, Ideen, Software, die im digitalen Zeitalter mit gen Null tendierenden Reproduktionskosten für alle frei verfügbar gemacht werden können) trifft das zwar zu. Doch heißt das nicht, dass Gemeingüter per definition barrierefrei im Zugang und kostenlos in der Nutzung sind. Und ebensowenig, dass sich das „Zeitalter der Unentgeltlichkeit“ ausbreitet, wie Gorz prophezeit. (Er weist gar darauf hin, dass „free, auch das englische Äquivalent für ‚kostenlos'“ sei und übersieht, dass es bei  Freier Software gerade nicht  um diese Bedeutung des Begriffs „frei“ geht.)

Gemeingüter sind nicht einer quasi grenzenlosen Öffentlichkeit zugehörig, sondern in der Regel an in ihren Grenzen klar definierte Gemeinschaften gebunden – die Zugangs- und Nutzungsrechte an den Ressourcen bestimmen.

Aber sie haben – ausnahmslos alle – einen besonderen gesellschaftlichen Charakter, der sie, wie Gorz unterstreicht, gewissermaßen unverkäuflich macht. In Anlehnung an seinen Text liese sich formulieren:

Die Transformation der Gemeinressourcen in Ware ändert nichts daran, dass das auf diese Weise verkleidete Ding in Wirklichkeit Gemeingut ist und unverkäufliche Nicht-Ware bleibt, deren Fülle am Ende immer an die Allgemeinheit zurück fallen muss.

Auch für die Re-produktion und Verteilung von im Überfluss vorhandenen Dingen, die frei zugänglich gemacht werden können, muss letztlich die Gemeinheit aufkommen. Denn auch sie sind immer an einen materiellen Träger gebunden – an ein Informationsprodukt (Buch, CD, Hardware und Energieträger. Allerdings wird in einer commons-based-economy anders gezahlt – so wie anders produziert wird: per Zuschuß oder Spende, in Anteilen oder nach Bedarf, Stück für Stück oder mit Gegenleistung. Reziprozität ist ein wichtiges Prinzip der Commons.

Und nach wie vor zahlen wir mit den natürlichen Ressourcen der Erde. Auch und gerade in der Wissensökonomie. Weswegen an der absoluten Deckelung der Nutzung natürlicher Ressourcen (die immer Gemeinressourcen sind) kein Weg vorbei führt. Das darf in der Euphorie der vermeintlich stofflosen Produktion von Kunst und Code nicht untergehen.

„Die nächste Etappe“, schreibt Gorz, wird logischerweise die „Selbstproduktion der Produktionsmittel sein … in der praktisch alles Notwendige und Wünschenswerte in kooperativen oder kommunalen Werkstätten hergestellt werden kann.“ Und er malt seine Vision aus, die ich für komplementär zu anderen Produktionsformen halte.  Das ist keine Ideologie – sondern eine Bewegung, die Raum greift – aus vielen Notwendigkeiten heraus.

„Für eine derartige Entwicklung spricht der Umstand, dass es viel mehr Kompetenzen, Talente und Kreativität gibt, als die kapitalistische Ökonomie verwenden kann. Dieser Überschuss an menschlichen Ressourcen kann nur in einer Ökonomie produktiv werden, in der die Schaffung von Reichtum nicht den Rentabilitätskriterien unterliegt.“

Zweifellos. Für eine derartige Entwicklung spricht zudem der Umstand, dass viele Bedürfnisse in kapitalistischen Produktionsverhältnissen nicht befriedigt werden können. Grundlegende – Essen, Wohnen, Kleiden, Lernen – nicht. Vor allem in Ländern des Südens. Und soziale – Pflege, Austausch, kreative Entfaltung – nicht. Hier wie dort.

Und weil das so ist werden

„wahrscheinlich Südamerikaner oder Südafrikaner die Ersten sein, die in den benachteiligten Vororten der europäischen Städte Selbstproduktionswerkstätten nach dem Vorbild derer in den Favelas oder Townships ihrer Heimat errichten.“, vermutet Gorz.

Das Ende von etwas entscheidet sich jedenfalls im „Kampf gegen die Vermarktung der Primärreichtümer“ (gegen die Einhegung der Gemeingüter)  – „des Bodens, des Saatguts, des Genoms, der Kulturgüter, des Wissens und der gemeinsamen Kompetenzen: alles wesentliche Bestandteile der Alltagskultur und Vorbedingungen für die Existenz einer Gesellschaft.“

Das Ende des Kapitalismus kann nur der Anfang einer „commons-based-society“ sein – einer Wirtschaftsform, die (natürliche, kulturelle und soziale) Gemeingüter und damit gesellschaftlichen Zusammenhalt reproduziert, indem sie diesen Gedanken zum zentralen Kriterium für Produktion und Verteilung macht. Oder das Ende des Kapitalismus ist der Anfang des Abgrunds.

foto: on flickr by , Lizenz: CC: BY, NC, SA

2 Gedanken zu „Das Ende von etwas ist der Anfang wovon?

  1. Am 6.6.2009 findet im Zentrum von Jena ab 19 Uhr im Kaffeehaus „Markt 11“ die 3. Thüringer Bloglesung statt.

    Eintritt ist frei. Wir freuen uns auf jeden Fall über jeden Besucher und begrüßen vor allem die Thüringer Blogger.

    Infos gibt es auf der Thüringer Blogzentrale: http://www.thueringerblogzentrale.de/2009/05/05/terminsuche-fur-die-3-thuringer-bloglesung/

    Bitte gib in den Kommentaren kurz Bescheid (natürlich unverbindlich), ob du kommen möchtest und kannst, damit wir entsprechend für Platz sorgen können. Begleitung sollte auch kein Problem sein. Bar ist auch vorhanden.

    Sei dabei. Auf das die 3. Thüringer Bloglesung so toll wird, wie die letzten beiden.

    Liebe Grüße aus Jena

    bastih

  2. Pingback: Jenapolis » Schmökern Sie ein bisschen im Commonsblog, der mitten in Jena entsteht.  «

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