„Commons werden umstandslos kannibalisiert“

Zugegeben, der Bewegungskongreß Mc Planet GAME OVER! NEUSTART! hat mich in seiner 4. Auflage weniger bewegt. Trotz der 1700 TeilnehmerInnen. Das mag auch daran liegen, dass ich mit meinen Dingen beschäftigt war: Buchpräsentation und Commonsforum. Beides prima gelaufen.

Mich hat gefreut, dass Christiane Grefe in ihrer Eröffnungsrede explizit die Debatte um Gemeingüter und Wissensallmende als zukunftsweisend erwähnte. (Alle diskutieren die Krise. In der Gemeingüterdiskussion geht es um die Antworten!)… Auch die Abschlußerklärung kommt nicht an den Commons vorbei. Doch die Potentiale der Gemeingutdiskussion hat Mc Planet nur gestreift. Drastisch formuliert: Ökos und Globalisierungskritiker bleiben unter sich. Die anderen commoners tummeln sich auf anderen Kongressen. Übrigens kurz vor McPlanet. Das ist ein Problem.

Jetzt aber zu unserem Forum. Es ging um das Gemeingut Natur. Wem nützt bzw. schadet seine Inwertsetzung? Ich habe mich über ein illustres Podium gefreut mit  klugen Köpfen aus Kanada, Deutschland und Brasilien.

Gut 100 Leute im Saal. Meist topinformiert. Wir hatten einen Spagat versucht: Im ersten Teil wollte wir auf das Konzept der Commons eingehen (also eher eine theoretische Diskussion), im zweiten Teil ganz praktisch marktbasierte Instrumente, die gegenwärtig zum Schutz der Gemeingüter eingesetzt werden (sollen), kritisch reflektieren. Impulse der  Referenten, Diskussion auf dem Podium und Beteiligung des Publikums inklusive.

Wolfgang Sachs macht den Aufschlag mit 6 Punkten:

  1. Gemeingüter sind uns in geteiltem Eigentum gegeben (vgl. codex justinianum)
  2. Commons kommen in Erbschaft zu uns, dh. sie sind da, bevor wir da sind (für die Wissenallmende trifft das so nicht zu -S.H.)
  3. der deutsche Begriff GemeinGÜTER unterstellt Objekte. Dabei ist die Pointe der Commons, dass es sich um Systemzusammenhänge handelt, Großzusammenhänge (nicht der Baum, sondern der Wald), in die wir eingebaut sind
  4. natürliche Commons haben jede Menge Wert aber keinen Preis – sie können nicht einfach gemessen werden, deshalb läuft auch ihr Verlust oft ungehört und ungesehen ab
  5. Commons werden umstandslos kannibalisiert, dh. Gemeingüter werden -ohne das jemand dafür zahlt- in Waren transformiert. Das betrifft selbst die Stratosphäre und geo-chemo-biologische Prozesse, wie Pat Mooney später am Beispiel Neuer Technologien, der Nanotechnologie oder des Geo-engeneering deutlich macht.

Candido Grzybowski aus Brasilien fügt dem hinzu:

Life is impossible without commons. Life is so diverse because of the diversity of the commons. Commons are about integrity of life and they are fundamental for a group to maintain their own identity„. (Zum Zusammenhang zwischen Gemeingütern und Identität hatten wir hier schonmal eine Diskussion.)

Gemeingüter seien keine Ressourcen, keine Reserven, die als Schmiermittel für ein System (den Kapitalismus) dienen, sondern das Gegenteil davon: Die Ganzheit und Fülle des Lebens. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

In der Debatte darum, welcher mehr oder weniger technokratische Mechanismus nun die Commons schützt, geht diese Essenz der Commondiskussion nicht selten verloren. Selbst  uns auf dem Forum ist das passiert. Denn im zweiten Teil stellte sich die Frage:

Wie kann man dem Kannibalismus begegnen? Beispiel Wälder: Sollten Wälder in den Emissionsrechtehandel einbezogen werden (Stichwort REDD)? Und wenn ja wie? Greenpeace, vertreten durch Waldexperte Martin Kaiser, hat dazu eigene Vorschläge entwickelt. Das Ganze nennt sich nicht REDD, sondern TDERM – Tropical Forest Emission Reduction Mechanism. Jawohl! Das Publikum ist nicht geflüchtet🙂 Nicht marktbasiert, sondern marktbezogen – betont Greenpeace. Wer mehr wissen will: Hier steht’s.

Hilfreich fand ich den Gedanken, in der Diskussion um die Tauglichkeit der Instrumente einen klaren Unterschied zwischen Geld und Handel zu machen. „Man kann Geld nutzen, um Commons zu schützen, aber Handel nicht.“ (W. Sachs) Weil sie diese Unterscheidung nicht treffen, vergeben sich Radikalkritiker des Emissionsrechtehandels einige Möglichkeiten, meint Sachs.

In der Tat: wir brauchen Geld um Commons zu schützen und zu erweitern. Deswegen ist  die Grundeinkommensdebatte eng mit der Gemeingüterdiskussion verknüpft. Manchmal brauchen wir auch Geld, um Land aufzukaufen und den Bau einer neuen Startbahn zu verhindern. Das ist etwas anderes als mit aufgekauften Land zu spekulieren, um es später weiterzuverkaufen. Weniger korruptionsanfällig, wie mir scheint.

Diese Unterscheidung scheint mir sinnvoll. Dennoch blieb die Skepsis groß – im Publikum und auf dem Panel. Der Grund ist einfach: Jeder Versuch, Gemeingüter in Wert zu setzen verstärkt die Ungleichheit.

Foto:http://www.mcplanet.com/

Ein Gedanke zu „„Commons werden umstandslos kannibalisiert“

  1. W. Sachs:

    “Man kann Geld nutzen, um Commons zu schützen, aber Handel nicht.”

    Hat er das näher erläutert? Mich würde eine Begründung interessieren.

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