Durchbruch in der Tuberkulose-Forschung: Für wen?

Das Hans-Knöll-Institut hat einen Durchbruch in der Tuberkuloseforschung erreicht. Das klingt gut und ist gut! Die Frage ist nun, wie wird mit den neuen Erkenntnissen umgegangen? Wem nützen sie? Doch eins nach dem andern…

Im soeben erschienenen Wissensallmendereport 2009 und in anderen aktuellen Forschungsberichten wie hier von Ärzte ohne Grenzen gibt es für das Thema Medikament und die Tuberkuloseforschung ein paar zentrale Aussagen:

Hans-Knöll-Institut Jena / Foto: website

1. Die globalen Pharmamärkte sind stark konzentriert. Dazu haben exklusive Nutzungsrechte (u.a. Patente) wesentlich beigetragen. …(vgl. Grafik S. 16, zur Kritik an Schutzrechten auf so genanntes „Geistiges Eigentum“ S. 6 – 15)

2. Es gibt Krankheiten, die uns hier kaum betreffen, sich aber anderswo verheerend ausbreiten. Die Malaria gehört dazu. Tuberkulose ebenso. In jeder Minute sterben mehr als drei Menschen weltweit an Tuberkulose. Allein 2006 waren es laut WHO 1,7 Mio. Ein Grund: Es mangelt an Forschung zu diesen Krankheiten. Die Rede ist von einem 90:10 gap. Ärzte ohne Grenzen sagt: „Die jüngsten Standard-Medikamente zur Behandlung der Infektionskrankheit (Tb) sind mehr als 40 Jahre, die gängigste Diagnostikmethode in ärmeren Ländern ist sogar mehr als 120 Jahre alt.“ Wo HIV und Tb zusammentreffen, kann kaum noch geholfen werden (siehe auch hier) Es ist wenig gewinnversprechend, Medikamente für vorwiegend sehr arme Menschen auf den Markt zu bringen. Deshalb …

3. Medikamentenforschung braucht öffentliche Mittel und interinstitutionelle Kooperation. Staatliche Finanzierung spielt in der Medikamentenforschung eine Schlüsselrolle. „Der Markt“ sorgt oft nicht für mehr Forschung und Medikamentenentwicklung, am wenigsten bei den so genannten „vernachlässigten tropischen Krankheiten“ (WHO-Bezeichnung). Im Gegenteil, der Markt vernachlässigt.

4. Es gibt -international und in Deutschland- viele interessante Ansätze, den lebenswichtigen Bereich der Medikamentenforschung nicht dem Markt zu überlassen und die dem Gemeinwohl (hier also der öffentlichen Gesundheit) abträglichen Konsequenzen des Systems starker Schutzrechte für so genanntes geistiges Eigentum zu überwinden. Zum Beispiel DNDI, die Drugs for Neglected Diseases initiative. Deren Initiatoren entwickeln wirksame und bezahlbare Arzneimittel gegen Krankheiten, an denen vor allem Menschen in ärmeren Ländern leiden. Oder die Initiative für „Equitable Licenses“ von Charité, ZERP und BUKO hier in Deutschland. (Siehe auch Wissensallmendereport Seite 37-39)

5.Gemeinwohlfördernd sowie im Sinne der BürgerInnen, die einen Großteil dieser Forschung, inklusive der Ausbildung der beteiligten Forscher/innen finanzieren, ist die Formel: „Was mit öffentlicher Forschung oder Finanzierung entstanden ist, muss auch öffentlich bleiben„. Das ist einfach, griffig und gerecht. Vor allem, wenn es um so ein hohes Gut wie Gesundheit geht (u.a. hier bei VERdi, aus dem Berliner Manifest: Öffentliche Dienste 2.0, Punkt 3)

In der Presse und auf Jenapolis (z.B. hier) war nun mehrfach von einem in Jena erzielten Durchbruch in der Tuberkuloseforschung zu lesen.

In der Pressemitteilung des Hans-Knöll-Instituts (HKI) heißt es: „Ein völlig neuer Wirkstoff gegen Tuberkulose wurde am Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut (HKI) – in Jena entwickelt.“ Zunächst mal: GLÜCKWUNSCH!
„Die zur Gruppe der Benzothiazinone gehörende Substanz sei in der Lage, den Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis in Laborversuchen mit hoher Effizienz abzutöten.“… „Nach Jahrzehnten der erfolglosen Suche liegt damit ein neues Medikament zur Bekämpfung einer der größten Geißeln der Menschheit in greifbarer Nähe. Mit dem international operierenden Pharmaunternehmen Inverness Medical Innovations hat ein schlagkräftiger Industriepartner die Entwicklung des Medikamentes übernommen. Nach Sicherung einer Exklusivlizenz für die Nutzung und Vermarktung des Wirkstoffes stehen nun zunächst umfangreiche Untersuchungen an, um die Wirksamkeit ausgewählter Substanzen in Tierversuchen und am Menschen prüfen. … Die Substanz ist nicht nur gegen den Tuberkulose-Erreger selbst hochwirksam, sondern auch gegen die besonders gefährlichen Antibiotika- resistenten Varianten, die sich zunehmend verbreiten und eine Therapie praktisch unmöglich machen.“ (alle Hervorhebungen von mir)

Prof. Dr. Axel Brakhage / Foto: Hans-Knöll-Institut

Prof. Dr. Axel Brakhage / Foto: Hans-Knöll-Institut

Weiter erfahren wir, dass der Wirkstoff in einer europäischen Forschungskooperation entwickelt wurde. Soweit ich das im Internet nachvollziehen kann, vor allem mit öffentlichen Einrichtungen wie dem Hans-Knöll-Institut selbst. Zudem dankt das Institut „… der großzügigen Förderung … durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Thüringer Kultusministerium“. Das heißt, der Erfolg ist weitgehend mit Steuermitteln finanziert.

Daraus ergeben sich aus meiner Sicht mehrere Fragen an das Hans-Knöll-Institut, konkret an Prof. Dr. Axel Brakhage und seine Forschungspartner:
1. Welchen Stellenwert räumt das HKI der WHO Position ein, dass Gesundheit ein schützenswertes öffentliches Gut und mithin der Zugang zu (bezahlbaren) Medikamenten, ein Menschenrecht ist?

2. Welchen Nutzen für die Allgemeinheit verspricht sich das HKI von der umgehenden Anmeldung des Patents? (insbesondere für die Millionen Kranken sowie für die BürgerInnen der Staaten, die die bisherige Forschung finanziert haben)

3. Was hat das HKI unternommen, um die Veräußerung der exklusiven Nutzungsrechte zu vermeiden und alternative Wege der Medikamentenentwicklung und Finanzierung zu gehen?

Erstveröffentlichung hier auf Jenapolis. Ich freue mich auf die Diskussion!

Ein Gedanke zu „Durchbruch in der Tuberkulose-Forschung: Für wen?

  1. Pingback: Jenapolis » Schmökern Sie ein bisschen im Commonsblog, der mitten in Jena entsteht.  «

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