Enclosure ist mehr als Privatisierung

Die neue ILA ist da! Kauf bzw. Abo für alle Lateinamerikainteressierten wärmstens zu empfehlen. Der Schwerpunkt dieser Nummer: Gemeingüter. Mit zahlreichen Beiträgen zur Debatte aus Lateinamerika. Am erhellensten zum Verständnis der Commons finde ich das Interview mit Gustavo Esteva.

Ich bin mit einem einführenden Beitrag, einer kurzen Reflektion über städtische Räume als Commons und mit einem Artikel über die die Einhegung der Gemeingüter (enclosure) beteiligt.

„Diebstahl an unserem Kollektivbesitz“ ist das Ganze überschrieben. Hier ein paar Auszüge:

„Enclosure bezeichnet in der Sozialgeschichte vor allem die Auflösung der Allmenderechte (commons) in Mittelengland…. Vorher gemeinschaftlich genutztes Land wurde eingezäunt. Dafür brauchte es zwei Dinge: Macht und eine schlichte Technologie – Hammer, Pfähle und Draht…. Solche Einhegungen fanden allerdings schon lange vor dieser Zeit statt. Geschichtsbücher datieren den Beginn der enclosure-Bewegung auf das 15. und 16. Jahrhundert. Der US-Historiker und Commonsexperte Peter Linebaugh bringt gar den historischen Robin Hood als eine der ersten Figuren in Erinnerung, die für die Verteidigung der Rechte der commoners (der „Gemeinen“) an der Nutzung der Wälder eintrat. …

„Der Prozess der enclosure trieb die Intensivierung und Kommerzialisierung der britischen Landwirtschaft voran. Enclosure steht also nicht nur für „Eingrenzung“, sondern auch für „Produktivitätssteigerung“. … Zugleich … wurden durch diesen Prozess die Rechte der commoners beschnitten und soziale Bindungen – oft gewaltsam – aufgelöst. Im Zusammenhang mit den Highland Clearances, der Hochlandräumung zur flächendeckenden Einführung intensiver Schafzucht in Wales und Schottland im 19. Jahrhundert, wurden ganze Dorfgemeinschaften nach Australien und Amerika zwangsdeportiert oder zur Emigration gezwungen. Auch der deutsche Begriff lässt in seiner Doppeldeutigkeit aufhorchen: Bauernlegen heißt die Eingliederung (das Zusammen„legen“) bäuerlicher Einzelbetriebe in Gutsherrenbetriebe. Wobei viele Bauernhöfe ganz verschwanden.

…Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert brachte die massive Nutzung des Patentsystems für intellektuelles Eigentum mit sich. Die Informationsrevolution im 20. Jahrhundert motivierte die Ausweitung dieses Systems auf Software und Daten. Die Revolution der Bio- und Nanotechnologie trieb und treibt die Anwendung des Patentrechts auf Leben und Materie voran. …

Die bisher benannten Formen der Einhegung sind klassische Privatisierungen, … Enclosure ist aber mehr als Privatisierung. Es ist ein Prozess des Zurückdrängens der commons, ein Prozess der Konzentration und des autoritären Entzugs der Verfügungsgewalt der jeweiligen Gemeinschaften über ihre Ressourcen. Er kann bis zur Zerstörung von Ressourcen und Sozialstrukturen voranschreiten. Einhegung kann aber auch anders erfolgen als durch klassische Privatisierungspolitik. Das macht die enclosures oft schwer identifizierbar….

Und schließlich gelingt er (der Prozess der Einhegung, S.H.) auch durch soziale Kontrolle darüber, wie wir über die uns umgebenden Ressourcen denken. Was verstehen wir als öffentlich, was als Gemeingut, was als privat? Wieso haben wir uns so schnell an den Zustand gewöhnt, dass die Nutzungsrechte der Allgemeinheit am ursprünglichsten aller commons – der Erdoberfläche (Land und Boden) – fast flächendeckend durch private Eigentumsrechte beschränkt werden? Wieso gelingt es der „convenience food industry“ weltweit, Ernährungsgewohnheiten rapide zu verändern und damit die Bindung zu lokal verfügbaren Ressourcen (deren Pflege und Nutzung) zu schwächen? Warum gibt es keinen kollektiven Aufschrei darüber, dass Walt Disney fast all seine Geschichten der Allmende entnommen, aber keine in die Allmende zurückgegeben hat? Warum halten nach wie vor viele (progressive) politische Institutionen die Nutzung aggressiv auf den Märkten durchgesetzter und mit Monopolmacht über unser Kommunikationsverhalten versehener „proprietärer Software“ … oder die Anwendung des restriktiven Urheberrechts für eigene Werke für politisch hinnehmbar? Es gibt keine substantiellen gesellschaftlichen Veränderungen mit Technologien, die dafür geschaffen sind, die Allmende zu plündern. Wer Monsanto kritisiert, muss sich auch kritisch mit Microsoft auseinandersetzen.

Um ihr (der Einhegung) entgegenzutreten, müssen wir zunächst drei Dinge tun: Erstens Gemeingüter als solche erkennen, benennen und als „unser“ identifizieren. Zweitens analysieren, wo Einzäunungen dieser Gemeingüter mit welchen Mitteln (Technologien) und Strategien stattfinden. Und drittens müssen wir enclosures als das bezeichnen, was sie sind: Diebstahl an unserem Kollektivbesitz.“

Ein Gedanke zu „Enclosure ist mehr als Privatisierung

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