Commons – eine „Politik des Lebens“

Hier gibt es ein interessantes Interview mit dem Biologen und Philosophen Andreas Weber. Kürzlich erschien sein Buch: Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit.

Ich zitiere die für das Thema dieses Blogs treffendsten Passagen:

„Worin unterscheidet sich Ihre Forderung, dass die Dienste der Biosphäre und viele Aspekte der Kultur als Gemeingüter gelten sollten, von den Ideen des Sozialismus?…

Im Sozialismus spielt Natur eine sehr untergeordnete Rolle. Das geht bis auf Marx zurück, der Wert als das Ergebnis von Arbeit (und deren Ausbeutung) festsetzte. Wert ist aber in meinen Augen vor allem ein Beitrag der Natur – heute etwa sichtbar in der Bedeutung der fossilen Brennstoffe für unsere Wertschöpfung. Doch Gemeingut im Sozialismus heißt: Staatseigentum. Das ist eine sehr bürokratische Sache und führt geraewegs in die Unfreiheit. Die Gemeingüter der Biosphäre und der Kultur, die ich, einem Vorschlag von Peter Barnes folgend, von Stiftungen verwalten lassen würde, sollen niemandem gehören, aber ihre Dienste allen bereitstellen. Die Stiftungen würden nicht die Räson eines bürokratischen Staates verfolgen, sondern fungierten sozusagen als Sachwalter der Schöpfung.“

Diese Stiftungen sind die Barnesschen treuhänderischen Institutionen (trusts) über deren Legitimation und Funktionsweise noch viel zu diskutieren sein wird. Fakt ist, dass jedes Rechtsverhältnis bezüglich der Ressourcen, zu denen wir alle Zugang haben müssen, prinzipiell nur dem Zwecke der Sachwaltung dienen sollte. Aber das nur am Rande.

Ich denke, dass diese Rede vom „niemanden gehören“ etwas irreführend ist (zu nah am Niemandsland!) Wir brauchen nämlich in erster Linie so eine Art Zugehörigkeitssinn und -gefühl, damit Dinge überhaupt zu Gemeingütern werden. Wir brauchen ein „Ja! das Wasser, die Atmosphäre, die Kulturtechniken, der Softwarecode gehören uns! Deswegen kümmern wir uns auch drum.!“

Wir brauchen also Bindung zu dem was uns umgibt, sonst wird es nichts mit unserer geteilten Verantwortung für die Gemeingüter. „There are no commons without commoning.“ (Linebaugh; der Spruch wurde ja hier schon öfter zitiert.)

Was wir aber nicht brauchen sind exklusive Nutzungsrechte für die Dinge, auf die wir alle einen Anspruch haben!

Doch weiter im Interview:

„Sie wollen Grenzen für lebensschädigendes Verhalten setzen. Leisten Sie damit nicht einer Ökodiktatur Vorschub?

Im Gegenteil. Mein Vorschlag steht schon deshalb einer Ökodiktatur im Wege, weil ich für eine sehr direkte, partizipative Demokratie auf unterster Ebene und in überschaubaren Einheiten plädiere.

Das ist der Punkt! Gustavo Esteva (Mexiko) redet vom

Prinzip der völligen Dezentralisierung„, in dem das Zentrum eben völlig verschwindet. Daher sprechen wir ja von De-zentralismus. Er kann nur funktionieren, wenn wir uns ganz klar über die Beziehungsregeln verständigen, die in der Versammlung vereinbart werden.“

In diesem Sinne ist die Rede von Gemeingütern eben keine Rede über Wasser, Luft, Sprache, Softwarecode und Wälder, sondern eine Rede über die Gestaltung von Sozialbeziehungen. Es geht darum, die Beziehungsregeln so auszuhandeln, dass Wasser trinkbar, die Luft sauber, die Worte für alle nutzbar, die Software von allen veränderbar und die Wälder bestehen bleiben. Das meint aus meiner Sicht der Begriff der Commons (Gemeingüter) und in diesem Sinne nutzt Weber wohl einen etwas anderen Begriff als ich.

Noch etwas weiter im Interview:

„… diese vom Markt auferlegten Grenzen sind freilich nicht die, derer wir als lebende Subjekte bedürfen – als Wesen, die sich in Freiheit gemäß ihrer Art entfalten wollen. Erst innerhalb solcher „Grenzen des Lebens“ wäre ein Markt möglich, der nicht zur Despotie neigt und keine Despoten produziert… Wir (brauchen) eine „Politik des Lebens“, wie ich sie skizziere.

…Für mich ist es so, dass wir heute auf eine nie da gewesene Bedrohung unserer Kultur zulaufen, weil wir vergessen haben, was wir sind: ein lebendes Wesen, das fühlt, das andere nötig hat, das in die Gemeinschaft allen Lebens eingebunden ist, sowohl seelisch wie auch materiell und wirtschaftlich“

Das ist super! Das ist auch aus meiner Sicht der Kern des Problems!

„Ich schlage darum drei Schritte vor: Zuerst gilt es zu akzeptieren, dass wir ein in die belebte Welt eingebettetes fühlendes Wesen mit bestimmten, aber begrenzten Bedürfnissen sind – und kein rationaler Akteur und Totaloptimierer; sodann geht es darum, die Bedingungen festzusetzen, unter denen wir als solche Wesen vernünftig weiterexistieren können; und schließlich sollten wir innerhalb dieser Bedingungen den Handelnden die maximale Freiheit gewähren. Das Ziel sollte meiner Überzeugung nach Selbstorganisation oder Autonomie
sein, aber eben nicht entfesselt, sondern im Rahmen eines größeren, lebenden Ganzen. Das mag sich gefühlig anhören, heißt aber in meinen Augen nur, der Natur abzuschauen, wie sie seit Jahrmilliarden ihren Haushalt organisiert. Dort herrscht nämlich gerade nicht die Despotie des „Immer-Besser“, wie es Kapitalisten und Kommunisten seit 150 Jahren glauben. Dort ist vielmehr Gegenseitigkeit zwischen freien Subjekten organisiert.“ (Herv. von mir)

Und noch dazu lehrt uns die Natur, dass Diversität das einzig stabilisierende Prinzip der Evolution ist. Warum sollte das nicht auch für Arrangements in einer Gesellschaft gelten?

Für mich macht Weber hier sehr klar, warum fast alle Leute, mit denen ich über Commons spreche, eine Art intuitiven Zugang zum Thema haben. Sie fühlen, wie die Gemeingüter direkt durch sie hindurch gehen. Wie sie direkt mit ihnen und ihren Lebensbedingungen verbunden sind. Wir haben oft nicht die geeignete Sprache, das zu beschreiben und doch assoziiert fast jeder sofort Beispiele aus dem eigenen Leben und der eigenen Erfahrung, wenn ich versuche zu erklären, was ich so den ganzen Tag tue🙂.

2 Gedanken zu „Commons – eine „Politik des Lebens“

  1. Pingback: Commons - eine “Politik des Lebens”

  2. Das auf Marx bezugnehmende Zitat enthält einen gravierenden Irrtum. Marx spricht nämlich von Reichtum, wenn er die Summe der Gebrauchswerte meint, d.h. der Güter, die Menschen auf irgendeine Art nutzen oder genießen, und er sieht sehr wohl zwei Quellen des Reichtums — die menschliche Arbeit und die Natur. Im Kapital spricht er explizit von der „Erde und den Arbeitern“ als den beiden „Springquellen alles Reichtums“.

    Beim Wert geht es um etwas anderes, nämlich um die Frage, wie sich die Arbeitsteilung zwischen Menschen vollzieht, die sich dabei nicht vorher absprechen, sondern unabhängig voneinander produzieren und ihre Produkte erst anschließend, über den Markt, miteinander tauschen (bzw. kaufen und verkaufen). Hier geht es also überhaupt nur um die Arbeitsteilung zwischen unabhängigen Produzenten, also um die Arbeit, deshalb ist klar, dass an dieser Stelle die Natur keine Rolle spielen kann.

    In einer sozialistischen bzw. kommunistischen (oder auch „commonistischen“) Gesellschaft, die diesen Namen verdient, würde die Arbeitsteilung aber nicht mehr erst hinterher über den Markt vermittelt, sondern wäre von vornherein gesellschaftlich — sie würde sich per spontaner Selbstorganisation und/oder per gezielten Absprachen vollziehen (wie wir es heute schon bei der commonsbasierten Peer-Produktion sehen).

    In einer solchen Gesellschaft gäbe es daher überhaupt keinen Wert mehr. Reichtum, der von den Menschen und der Natur produziert wird, gäbe es aber natürlich nach wie vor. Deshalb kann man Marx, der ja eine solche Gesellschaft wollte, wirklich nicht unterstellen, dass er die Natur vernachlässigt hätte.

    (Was die „realsozialistischen“ Gesellschaften dann hinterher gemacht haben, ist eine ganz andere Frage — aber die haben von Marx eh nicht sehr viel kapiert.)

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