Commons Everything statt Open Everything I

Berlin, Samstag, der 6. Dezember. Ich sitze im Newthinking store, das zu einem Open Everything Arbeitstag eingeladen hat. (siehe Christians Beitrag). Die Nachrichten des Tages passen zum Thema: Weltgrößte Universität öffnet fast all ihre Materialien. Science Commons titelt: Open Access wins.

Wird jetzt alles offen oder ist, wer für alles offen ist, nicht ganz dicht?

Mit dieser Frage hatte ich meine Teilnahme an Open Everything angekündigt. Sie war mir bei einem Mittagessen mit einem Gelehrten (sic!) des letzten Jahrhunderts, der für „diesen Computerkram“ alles andere als offen ist, über den Weg gelaufen.

Es geht pünktlich los. Es muss pünktlich losgehen, denn …uns erwartet eine Übergabe aus der Open Everything Session von Hongkong. Am Nachmittag wird der Staffelstab an Madison in Wisconsin/USA weiter gegeben. Lausige Tonqualität. Man kriegt durch diese „handovers“ zwar ein Gefühl dafür, dass die Debatte eine internationale Dimension hat, aber die Tatsache, dass ich das Winke-Winke („have a nice day„) noch am Besten verstehe, frustriert mich dann doch. Video aus (endlich!). Die Diskussion in Berlin beginnt mit einem Bericht von Philipp Schmidt aus Kapstadt. Fand ich interessant, weil ich die Fragestellung teile:

Bei Open Everything gehe es darum, herauszufinden, was die „gemeinsamen Interessen, die gemeinsamen Wege sind, Dinge zu tun“ – und zwar in höchst verschiedenen Projekten. (Früher hätten wir gefragt: Was eint uns? :-)) Funktioniert das Paradigma der Offenheit auch in der Gesellschaft oder ist das eher ein Techno-Ding?

Die Idee dieser Open Everything Events beschreibt er so:

„to take a look from an openess perspective to different solutions, cultural, social practices and ask – will there be a change?“

Gute Frage! Gegenfrage: Sind Commons nicht ein wirkmächtigeres Paradigma als Open Access? Bzw. Müssten wir nicht dringend dafür sorgen, dass das so wird?

Die Frage werde ich gleich beim ersten Panel los. Martin Schmidt (Newthinking) moderiert eine Runde mit Jürgen Neumann (Freifunk), Markus Beckedahl (Netzpolitik), Volker Grassmuck (Autor, Sozialwissenschaftler) und Michelle Thorne (Creative Commons International). Ich fand vor allem die Ausführungen von Volker Grassmuck interessant.

Welche ökonomischen, soziale, kulturelle Voraussetzungen brauchen wir, um etwas als offen labeln zu können?

  • den Willen zu kooperieren – der eine Konstante des menschlichen Miteinanders ist (eine  umstrittene These, die die Commonsforschung allerdings genauso beantwortet, wie Grassmuck das tut)
  • eine starke Ethik des Teilens, zuerst formuliert vom nordamerikanishen Wissenschaftssoziologen Robert Merton (der Kommunismus – später Kommunitarismus-, Universalismus, Uneigennützigkeit, und organisiertem Skeptizismus als zentrale Merkmale der Wissenschaft verstanden hat) (siehe dazu  Christians Beitrag) Nach Merton ist in der Wissenschaft die Idee des Eigentums auf die Namensnennung, die Anerkennung des Forschenden reduziert.

In anderen Worten: Symbolisches Kapital ist das Wichtigste. Wie im richtigen Leben. Wenn jemand zum richtigen Zeitpunkt die richtige Geste tut, ist der Rest geschenkt.

In der Kunst verweist Grassmuck auf Woody Guthry (This land is your land, this land is my land.) Guthry hatte als einer der ersten Künstler des vergangenen Jahrhunderts die Nutzung seiner Stücke explizit erlaubt (er gab alles in die Public Domain). Und zwar mit folgendem erfrischenden Satz:

Dieses Lied ist in den USA für 28 Jahre urheberrechtlich geschützt unter der Siegelnummer 154085, und wer immer dabei erwischt wird, wie er’s ohne unsere Erlaubnis singt, wird ein gewaltig großer Freund von uns sein, weil das alles uns völlig egal ist. Veröffentlicht’s. Schreibt’s auf. Singt’s. Swingt dazu. Jodelt’s. Wir haben’s geschrieben, und mehr wollten wir nicht tun.“ (Herv. S.H.)

Cool!

Der Big Bang -der grundsätzliche Paradigmenwechsel- kündigte sich an, als sich die technischen Grundlagen ab den 70er zu wandeln begannen und explodierte schließlich, als Richard Stallman mit der  GPL nicht nur eine Freie Lizenz vorlegte, sondern  „one of the major political manifestos of the 20 th century“ (Grassmuck)

In den seit dieser Zeit entstehenden communities freier Software, freier Kultur usw. gehe es unter anderem darum, „eine klare Grenze zu ziehen“ – „zwischen uns und ihnen“. Also zwischen „innerhalb der community“ und „außerhalb der Community“. Das sind natürlich durchlässige Grenzen, keine militärischen Fronten. Sich diese Grenzen bewußt zu machen ist auch deshalb wichtig, weil innerhalb der Community ein anderer Code gilt, und andere (eigene) Regeln. Da sind Trittbrettfahrer praktisch tabu.

Und dann kommt der Satz, der mich zu meiner Gegenfrage führt. Denn „offen für alles“ bzw. „alles offen“ klingt zwar sexy aber grenzenlos. Dabei ist das reale Leben voller Konventionen und künstlicher Grenzen – zwischen „drinnen“ und „draußen“, Zugang und Ausschluß. Erlaubt und verboten. Auch…

„The commons is based on drawing lines, it is about setting conditions and tendency of include and exclude. It is not simply grant freedom to everyone.“ und „Commons as a social institution, is based on exclusion of behaviours that threatens the commons and commones are enforcable.“ (z.B. durch die GPL)

So ist es! Mir scheint nun diese Open Access Euphorie deswegen irreführend, weil sie diese existierenden Grenzen zu ignorieren scheint. Weil sie kein „Verhalten ausschließt, das die Commons kaputt macht“. Weil sie suggeriert: Anything goes. Jeder kann und soll auf der Allmendewiese grasen. (Natürlich unterstelle ich den Protagonisten der Debatte da keine Einäugigkeit. Doch der Begriff sugierierte das beim Empfänger der Botschaft.)

Offenheit funktioniert aber nur bei ganz bestimmten Ressourcen (bei den Dingen, die sich durch Nutzung nicht verbrauchen) – und da ist es revolutionär. Es funktioniert aber nicht bei allen Ressourcen. Und deshalb hat der „Gelehrte aus dem letzten Jahrhundert“ ein bisschen recht, wenn er sagt: Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.

Nicht alle Commons regenerieren oder erweitern sich bei Open Access. Nicht alle Gemeingüter funktionieren wie der Softwarecode. Und nicht alles lässt sich in erster Linie über Zugangsregeln definieren. Zugang zu definieren (und OPEN access ist eine klare Definition) ist wichtig für Commonsmanagement, aber eben nicht das einzige – und nicht mal das Entscheidende.

Entscheidend ist meiner Ansicht nach, wer über den Zugang (und alles andere) bestimmt, zu welchem Zweck und zu wessen Nutzen. Der Begriff des Open Access suggeriert so leicht wie grobschlächtig: Offener Zugang ist immer gut.  Doch offener Zugang zu Wasserreserven für Große Wasserkonzerne, die dann für ihr Gigageschäft mit dem Flaschenwasser dazu beitragen, dass die Grundwasserspiegel sinken? Nein. Offener (oder „konzessionierter“) Zugang zu Land für Konzerne, die in Exportkulturen investieren? Nein. Offener Zugang für jedermann zu endlichen Ressourcen? Auch schwierig. Commons sind eben kein Niemandsland.

Wir brauchen ein Paradigma, das alle mitnimmt und alle für das menschliche Leben notwendigen Gemeinressourcen einschließt! Natürliche, soziale, kulturelle, digitale. Ganz egal.

Open Access klingt charmant und einfach. Und noch dazu ist es wahnsinnig erfolgreich. Genau das ist es ja, was uns in der Commonsdebatte Kopfzerbrechen bereitet. Wie kann man ein paar EINFACHE Grundregeln formulieren, die dennoch nicht grobschlächtig sind?

„Commons ist der historische Begriff der Sozialwissenschaften, den wir stärken sollten, mehr als den offeneren und noch weniger trennscharfen Begriff der Offenheit.“

…sagt schließlich Volker Grassmuck. Wir müssen um die Commons eine Grenze ziehen und Bedingungen stellen – zum Beispiel die der Reziprozität (Wer der Allmende etwas entnimmt, muss auch etwas zu ihr beitragen) der Passgenauigkeit (zwischen Bedürfnissen/Anspruchsrechten und Zugang), vielleicht auch die der „Schnittstellenkompatibilität“. Ich weiss nicht.

Darüber sollten wir dann nächstes Jahr in Berlin mal diskutieren. Doch da müsste es heißen: Commons Everything statt Open Everything.

Foto: Woody Guthry, PD, http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Woody_Guthrie.jpg&filetimestamp=20071003020341

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