Commonsinstitutionen: Eine subversive Debatte

Zusammenfassung und Kommentar: 4. Salongespräch „Zeit für Allmende“

Unterschiedliche Grenzziehungen & der Fehlschluss der einzigen Logik

Es kommt darauf an, Regularien oder Institutionen finden, die es Gemeinschaften möglich machen, so zu kooperieren, dass sie ihre gemeinsamen Belange vernünftig hinkriegen“, eröffnet Bernd Lutterbeck die Debatte des 4. Interdisziplinären Allmendesalons der Heinrich-Böll-Stiftung. Denn das Hobbessche Prinzip – (Staats-)Macht setzt Recht – gelte nicht, zumindest nicht allein. Sonst könne der Staat quasi ökodiktatorisch die Probleme des Umgangs mit Kollektivgütern lösen und dies käme dem Verzicht auf unsere Freiheitsrechte gleich. Es gibt heftigen Widerspruch zu dieser Position. Er wird insbesondere von Sven Giegold formuliert, schließlich setzten durchaus Bürger, in „weltbürgerlicher Absicht den Staat ins Werk“. Republikanismus statt Ökodiktatur. Die Staatsdebatte flammt an verschiedenen Stellen auf, denn die Salonteilnehmer/innen gehen nicht nur der Frage nach, was eigentlich eine Institution ist, sondern vor allem -wie Rainer Kuhlen in seinem Eingangsstatement mit Blick auf immaterielle Commons formuliert: Welche Institutionen „in erster Linie zur Sicherung des Commons“ dienen. Und da spielt der Staat eine wichtige Rolle. Aber nicht die entscheidende.

Institutionen“ so Bernd Lutterbeck, „sind ein Set von Regeln und Normen und Habitus und Verhaltensweisen usw. Regeln sind hierbei die Rechtsregeln.“ Diese „Normen, Regulierungen, Verpflichtungen, Vereinbarungen, Verträge, Gesetze, vielleicht auch Technologien und ‚Geschäfts- und Organisationsmodelle'“ (Kuhlen)

sind divers und komplex. Die Aufgabe, sie möglichst genau zu identifizieren, ist es nicht minder. Doch der Begriff der Commons ist ohne diese Identifikation überhaupt nicht zu fassen, denn Commons sind eben keine uns äußerlichen Ressourcen, nichts von uns Getrenntes, sondern sie beschreiben die Art der Beziehung zwischen bestimmten Gruppen von Menschen und den Ressourcen. Und diese findet ihren Ausdruck unter anderem in verschiedenen Commonsinstitutionen.

Rainer Kuhlen drückt es so aus:

„Die bloße Existenz einer bestimmten (immateriellen) Ressource reicht nicht aus“… sie müsse vielmehr „in konkrete nutzbare Formen umgewandelt werden.“

Er nennt dies die „die erste, die grundlegende Form der Institutionalisierung der Commons.“ Auf der immateriellen Ressourcen bezogen bedeutet das:

Dass Wissen frei ist, nützt nichts, wenn man keinen Zugang zu diesem Wissen hat. Wissen, um kommunikabel zu sein, muss medial in einem Werk, einem Informationsprodukt repräsentiert werden.“

Gilt Ähnliches auch für materielle Commons? Schließlich geht es nicht um den Ozean als solchen, nicht um die abstrakte Vorstellung der Biodiversität oder die Stabilität der Temperatur auf der Erde (dieser wären 2 oder 3 Grad Celsius mehr oder weniger vermutlich egal). Es geht vielmehr um die konkrete Form der Extraktion und Nutzung der Commons durch die Menschen. In der Commonsforschung (Ostrom et al.) wird daher unterschieden zwischen common pool resources (Wasser, Fischreichtum, Land) und dem flow of resource units (also der konkreten Menge Wasser, die einem System zu einem bestimmten Zweck entnommen wird, die Anzahl und Größe der gefangenen Fische, die Mengen an Viehfutter, die von einer Weide geerntet werden usw.)

„Durch diese elementare Institutionalisierung“, sagt Kuhlen, „fangen alle Probleme erst an“. Denn die Festlegung dieser Formen erfordert Grenzziehungen aller Art, die dann in alle weiteren Formen der Institutionalisierung des Umgangs mit common pool resources münden.

„ Alle diese Institutionalisierungsformen sind im Sinne von Berger/Luckmann sozial-konstruierte Ergebnisse eines Aushandelns heterogener Interessen, keineswegs Naturereignisse, auch nicht naturrechtlich begründet.“

Im Zentrum all dieser Konstrukte steht der Eigentumsbegriff, konkret:

„die Umwandlung von common properties in private properties“, dieunter dem Einfluss westlichen Denkens zu einem weitgehend normativ und gleichermaßen rechtlich (sogar völker- und menschenrechtlich) geschützten Prinzip geworden“ ist. (Kuhlen)

Ulrich Duchrow nennt dies treffend den „Fehlschluss der einzigen Logik“. Er verweist auf die Publikation von Franz Hinkelammert: „Das Subjekt und das Gesetz: Die Wiederkehr des verdrängten Subjekts“, in der der deutsch-costaricanische Philosoph und Theologe unter anderem das Denken David Humes analysiert. Hume hatte nachgewiesen, „dass menschliches Leben (conditio humana) nicht möglich ist ohne Institutionen.“ Wenn das so ist, meint Duchrow, dann stelle sich die Frage:

Welches ist die Norm, die jeweils unter bestimmten Umständen diese oder jene Form der Institution nötig macht? Ist das nicht die Erhaltung des Lebens?“

Müssten wir daher nicht jeglichen Umgang mit natürlichen und sozialen Ressourcen auf diese Grundbedingung beziehen? Duchrow bejaht dies und fügt hinzu, dass es dabei ganz verschiedene konkrete, komplementäre (institutionelle) Formen geben kann – „auch mal Privateigentum oder Commons oder anderes.“

Hume aber habe nun in der Tradition von Hobbes und Locke einen folgenschweren Fehlschluss gemacht:

Weil Institution eine Grundbestimmung menschlichen Lebens ist, brauchen wir Privateigentum.“ Den „Fehlschluss der einzigen Logik, der – wie wir auch gegenwärtig wieder erleben – zur Zerstörung des Lebens führt.“ (Duchrow)

Diese Grundbedingung der Erhaltung des Lebens bezieht sich keineswegs nur auf die Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen – auch wenn darüber weder in diesen noch in vorangegangenen Salongesprächen wirklich ein Konsens hergestellt werden konnte.

„Commons (Allmendegüter) sind dadurch fundamentaler, da ohne sie das Überleben jedes Menschen nicht möglich ist. Ohne Luft, Wasser, Proteine oder Vitamine ist die anhaltende physische Rekonstruktion von Leben nicht möglich. Ohne Wissen, Bildung, Kommunikation ist keine kognitive, soziale, kulturelle Entwicklung möglich. Materielle Commons sind notwendige, keineswegs hinreichende Bedingungen für das Bestehen der Menschheit. Ohne immaterielle Commons wäre menschliche Leben nur Vegetieren.“ (Rainer Kuhlen)

Es gibt nicht das Eine ohne das Andere. Commons unterschiedlicher Kategorien (rival – nicht rival; materiell – immateriell) erfüllen ihre Funktion nur miteinander, nicht einander ausschließend. Es geht statt um einzelne und getrennte Logiken um andersartige Grenzziehungen. Sie sind der entscheidende Hebel für unterschiedlich weit greifende soziale In- und Exklusionen. Das ist klar. Bei natürlichen und immateriellen Commons müssen Grenzziehungen – um Commons zu erhalten – mit unterschiedlichen Zielrichtungen erfolgen: Bei Ersteren geht es

„um Übernutzung und damit um Begrenzung, um Commons zu erhalten. Während es bei den kulturellen Commons darum geht, den Fluss aufrecht zu erhalten, die Interaktion, die Verdichtung, die gegenseitige Ansteckung. Da geht es eher darum Hindernisse wegzuräumen, um Monopolisierungen und Versäulungen zu vermeiden“

beschreibt Wolfgang Sachs diese elementare Differenz zwischen natürlichen und kulturellen Allmenden.

Andere Allmende – Andere Institutionen?

Das Vierte Salongespräch hatte mit zwei „getrennten“ Einführungsreferaten zu Regulierungen und Institutionalisierungsformen dieser beiden Bereiche begonnen. Natürliche Allmende (Wolfgang Sachs) einerseits und Kulturelle Allmende/Wissensallmende (Rainer Kuhlen) andererseits. Lisa Paus hakt nach. Klar sei der Unterschied zwischen den Ressourcen (rival vs nicht rival), klar sei auch, dass dieser Unterschied zu verschiedenen Prinzipien des Allmendmanagements führte. Aber wie müssen Institutionen des Umgang mit der Wissensallmende gestrickt sein? Oder sei es gar besser, gänzlich auf sie zu verzichten?

Rainer Kuhlen stellte eben diese Frage in den Raum:

„Ob z.B. Regulierungen wie über Geistige Eigentumsrechte noch vernünftige Regulierungen sind – ober ob man darauf ganz verzichten kann und es ganz den freien Austauschmärkten (nicht den Verwertungsmärkten) überlassen bleiben kann.“

Er beantwortet sie nicht eindeutig mit Ja oder Nein, wie Barbara Unmüssig anmerkt. Sondern über Abstufungen, zum Beispiel Konditionierungen, die auch eine Regulierungsform darstellen. Eine Kondition wäre, dass:

Wissen, welches durch staatliche oder halbstaatliche Förderung entstanden ist, wieder an die Öffentlichkeit zurück gegeben werden muss.“

Über den grundsätzlichen Unterschied zwischen den verschiedenen Ressourcensystemen besteht Einigkeit – doch die Prozesse der enclosure (der Eingrenzung/Einzäunung der Gemeingüter) werfen ein Licht auf die strukturellen Ähnlichkeit beider Ressourcensysteme und den Umgang mit ihnen.

Analog zur enclosure der natürlichen Ressourcen (private Aneignung, Verknappung, Vernichtung) geschieht auch eine immaterielle enclosure. Hier wird was vorher „common property right“ war (z.B. freier Zugang zu Wissen) zu „private property right“. Der Rechtswissenschaftler James Boyle nennt dies die second enclosure of the commons. Das Problem: Die negativen Effekte sind dieselben: Das prinzipielle Interesse der allgemeinen Nutzung wird den Interessen der Privatverwertung geopfert. In der Konsequenz kann das

Commons Wissen genauso zerstört werden …und zwar nicht durch Übernutzung, sondern durch Unternutzung. Das was als Commons nutzbar sein soll, ist nicht mehr nutzbar, weil es nichts nützt, dass es im Prinzip frei ist…“ (Kuhlen)

Wissen ist immer in Objekte, in Anfassbares, eingeschrieben. Wissen hat immer einen Träger – es ist nicht losgelöst von der materiellen und sozialen Umgebung. Aus diesem Grund plädiere ich stets dafür, alle Commons zusammen zu denken (den fundamentalen aber simplen Unterschied zwischen rivalen und nicht rivalen Ressourcen eingedenk), denn

„Wenn wir versuchen, konkret von den natürlichen Ressourcen und von den Wissensallmenden zu reden und uns dann z.B. das Saatgut ansehen, kommen wir wahrscheinlich zu der Schlussfolgerung, zu der argentinische Commonsforscher gekommen sind. Die sagen: Es gibt kein Common, dass nicht in eine materielle Trägersubstanz eingeschrieben ist. Für das Wissen sind wir, ist unser Fleisch und Blut die Trägersubstanz. Wie immer wir eine Ressource beschreiben, wir werden zu diesem Ergebnis kommen. Ich halte deshalb die Idee der Verschränktheit von natürlichen Ressourcen und Wissensallmenden für sehr zentral, so wie man nicht die erste Kategorie der Menschenrechte von der zweiten Kategorie trennen kann.“ (Silke Helfrich)

„Das macht man einfach nicht“

Überall auf der Welt gibt es funktionierende Commonsinstitutionen, doch was genau bringt sie zum Funktionieren? Warum funktioniert eine Institution und die andere nicht? Bernd Lutterbeck illustriert, mit Verweis auf Elinor Ostrom (Die Verfassung der Allmende, 1999), den erheblichen Stellenwert gemeinschaftlicher Normen. In landwirtschaftlichen communities in Los Angeles lassen es die Menschen beispielsweise Jahr um Jahr zu, dass Vögel einen Großteil ihrer Saat vernichten, dass sie Not leiden und gar Kinder verhungern, statt sich zusammenzutun und die Vögel zu vertreiben. Denn:

Das macht man einfach nicht.“

Die Idee von dem, was man ‚einfach nicht macht‘, oder ’nicht machen sollte‘ zieht sich durch das gesamte Salongespräch. Julio Lambing konstatiert:

das meiste menschliche Leben arrangieren wir nicht über Regeln, sondern über einen Habitus, über Haltungen“,

deshalb sei es auch politisch-strategisch nicht ratsam, sich zu sehr auf die gesetzliche Fixierung von Normen zu konzentrieren. Vielmehr müsse jede Tendenz zur Verrechtlichung auch kritisch reflektiert werden. Beispiel Klimaverhandlungen:

„ein solches Regime wie das Kyotoprotokoll, das ausschließlich auf Normen beruht (hier wird der Begriff Norm entgegen der o.g. Definition im Sinne von Rechtsregel gebraucht – S.H.), ist gleichzeitig die große Crux, warum wir mit dem Klimaschutz in Schwellenländern und Entwicklungsländern nicht voran kommen. Eben weil ein westliches Modell, Leben zu arrangieren, als Procedere zur weltweiten Regulation des menschlichen Verhaltens genommen wird.“ (Lambing)

Eine bemerkenswerte, wenngleich auch niederschmetternde Einschätzung. Lambing fragt daher:

Wie bekommt man Tugenden, Haltungen, Dispositionen in unterschiedlichen Lebensmilieus auf weltweiter Ebene wieder an den Start?“

Allgemeiner: Wie wird denk- und durchsetzbar, dass man bestimmte Dinge mit der Allmende und in der Allmende schlicht nicht tut?

Norm und Gesetz – Das Zusammenspiel der Institutionalisierungsformen

Bernd Lutterbeck präzisiert:

In sehr vielen Fällen ist es völlig falsch, eine Sache zu regulieren, weil Normen dafür zuständig sind. Wenn man das täte, führt es dazu, dass genau die Normen, die zu vernünftigen Verhaltensweisen führen, kaputt gemacht werden.“

Analysiert werden müsse vielmehr, wie sich beide zusammen verhalten. Der ökonomische Erfolg der Bay Area (San Fransisco) liegt beispielsweise darin begründet, dass so genannte Geistige Eigentumsrechte (IPR) „locker“ gehandhabt werden. Alle sind sich darüber einig, dass „das Hochhängen von IPR unsinnig ist“, weil dann alle nur verlieren. Reguliert wird das Geschehen durch soziale Verhaltensweisen.

Die sind einfach gut zueinander, sie reden viel miteinander usw. Im Hintergrund gibt es einen regulatorischen Rahmen, der im 19. Jhd geschaffen wurde.“

Das Verhalten in SF ist somit vor allem

„normengestützt, das Recht spielt kaum eine Rolle – es droht nur noch im Hintergrund…. Es scheint also so zu sein, dass Normen, die den Habitus bestimmen, viel entscheidender sind als Rechtsregeln. Mit Letzteren muss man sehr vorsichtig sein. Manchmal funktionieren sie, aber nicht immer. Verallgemeinerbare Rechtsregeln lassen sich ohnehin nicht finden.“ (Lutterbeck)

Auch Rainer Kuhlen betont die Komplementarität der Institutionalisierungsformen. Jede ist von verschiedenen Akteuren und Regulierungsinstanzen abhängig. Normative Institutionalisierungen sind zwar hochgradig relevant, aber sie existieren nicht isoliert. Es bedarf auch staatlich durchgesetzter Rechtsregeln (Gesetze). Staatliches Agieren wiederum ist in hohem Maße davon abhängig, welches normative Verhalten sich in den Öffentlichkeiten entwickelt. Es geht also nicht um Norm oder Gesetz, um Gemeinschaft/Weltbürger oder Staat, sondern um das Eine komplementär zum Anderen. Es geht um das „Zusammenspiel aller verschiedenen Institutionalisierungsformen“ (Kuhlen). Die Kombination macht die Musik.

Am Beispiel der Glasbläser im Venedig des 14. Jhd. beschreibt Bernd Lutterbeck ansatzweise dieses Miteinander von „rechtlichen Regularien (Patentrecht) und ‚Commonsregularien‘ (Normen der Glasbläsergilde)“. Commonsregularien sind

durch keine wie auch immer geartete Außenkontrolle angeordnete interne Mechanismen“.

Er vergleicht den Erfolg der Glasbläser Venedigs (Glas hat die Stadt reich gemacht) mit der Produktion von Open Source Software. Beide Beispiele verleiteten zu dem Schluss:

Wir brauchen gar kein Patent- oder Urheberrecht, wenn wir nur die Normen finden, mit denen wir unsere Belange regeln. Das Problem der Kooperation ist Normen und Regeln so zu finden, dass ein optimales Ergebnis rauskommt.“

Ein optimales Ergebnis für die Commons, was optimal für das menschliche Miteinander wäre.

Reputationsrisiken statt Regelungswut

Auf die Frage nun, welche Normen besondere Wirksamkeit entfalteten, lautet die – von der Commonsforschung vielfach bestätigte – Antwort: Reputationsnormen. Gegenseitige Anerkennung und andere Faktoren führten dazu, dass die venezianischen Glasbläser ständig um Innovation und bessere Qualität bemüht waren. Jörg Haas nimmt dies zum Anlass, eine Vision zu skizzieren. Stichwort Klimawandel. „Wenn man sich fragt, was das Handeln von Konzernen bestimmt, bekommt der Begriff Reputation eine enorme Bedeutung. Reputationsrisiken gehören zu den großen unternehmerischen Risiken.“ Haas fragt:

Können wir uns eine Gesellschaft vorstellen, wo CO2 Ausstoß zu einem so massiven Reputationsrisiko wird, … dass wir uns eigentlich den ganzen Zirkus an Verhandlungen, Regulationsversuchen, CO2 Handel u.s.w sparen können?“

Ein interessanter Gedanke, meint Wolfgang Sachs, doch Risiken seien utilitaristisch:

„Du möchtest was vermeiden! Während das eigentlich Interessante an der Reputation ja ist, dass Leute sich wegen der Reputation anstrengen und Beiträge machen. … und Ansehen/Reputation ist eigentlich die Währung, in der das beglichen wird.“ Das sei eine Art Potlach. „Du gibst was, holst Dir Ansehen, jemand wird es aufnehmen usw.“

Nähe und Distanz: Die Grenzen schwinden

Hier liegt nun die Vermutung nahe, dass die Währung „Reputation“ nur bei räumlicher oder sozialer Nähe verfügbar wird. Es bedürfe schließlich „einer gewissen Übersichtlichkeit“ (Giegold), man müsse auf die Suche nach Kriterien gehen, wann welcher Modus funktionieren kann. (Siehe dazu: Mancur Olson: The Logic of Collective Action, 1965) So sei auch der Staat zum Erhalt der Kollektivgüter nicht prinzipiell, sondern nur in bestimmten Fällen verzichtbar. Giegold denkt dabei vor allem an globale Probleme wie die bereits mehrfach zitierte Übernutzung der Atmosphäre. Benedikt Härlin widerspricht:

„Für mich speist sich die Commonsdebatte vor allem auch daraus, dass wir erkennen, dass der Staat sich als unfähig erwiesen hat, die Probleme zu lösen und dass der Weltstaat im Moment … nicht denkbar ist, was nicht bedeutet, dass man nicht auch internationale Vereinbarungen treffen kann. Das Spannende an den Commons ist doch die Frage: Wie finde ich in einer Welt, in der als einzige Institution nur noch der Markt auf globaler Ebene funktioniert, eine Veränderung des Eigentumsbegriffs, die auf die Gemeinde rekurriert. … Das Problem mit dem Staat ist aus meiner Sicht dessen Konkurrenzdenken … und seine Servilisierung gegenüber den jeweiligen nationalen Industrieinteressen, die ihn ja unfähig macht weltbürgerlich zu handeln. Unfähiger als seine Bürger es sind.“

Dem stimmt Sven Giegold im Grundsatz zu, verweist jedoch auf ein wichtiges Umsetzungsproblem:

„Natürlich glaube auch ich, dass Normen in der Gesellschaft, die nicht mit Zwang aufgedrückt werden, entscheidend sind. Aber es sind eben unterschiedliche Normen, die Menschen in einem Markt anwenden (als Nachfrager und Anbieter) oder die sie als Bürger anwenden. Es gibt Leute, die sagen: Wenn die Politik der Grünen für alle verbindlich ist, dann stimme ich ihr zu, aber solange das nicht so ist, esse ich weiter Fleisch und fliege durch die Welt. … die Logik des Bürgers und die Logik des Konsumenten – zumindest die Konsequenz des Handelns, sind nicht dieselben.“

Daher bedürfe es der Übersichtlichkeit, der Nähe oder zumindest „ähnlicher Konzeptionen des Guten“. Auch Wolfgang Sachs formuliert, in ähnlicher Motivation, die These, dass „Reziprozität als Grundprinzip“ der Gabenökonomie nur funktioniert, wenn es eine räumliche oder eine große soziale Nähe gibt. Nur dann sei es möglich, auf „klare quantitative Äquivalenz“ zu achten. Dies sei im Grunde der

„Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft. Sobald die Gemeinschaften zu Gesellschaft werden, kommt der Staat ins Spiel.“

Selbstverständlich besteht Einigkeit darüber, dass Beispiele wie das der Glasbläser von Venedig nicht verallgemeinerbar sind. Doch aus diesen Beispielen sind die Kernelemente erfolgreicher Commonsinstitutionen zu filtern. Dabei ist es hilfreich herauszufinden, was zur Kooperation bewegt (z.B. Reputation), denn daraus lässt sich Kooperation stiften oder es lassen sich geeignete Regulierungsformen ableiten (z.B. das Herstellen von Reputationsrisiken).

Das Stichwort Globales Dorf kennzeichnet die Gegenposition zur These, dass räumliche Nähe notwendig für erfolgreiches Commonsmanagement ist. Die Zeiten haben sich geändert. Die Grenzen verschoben. Die Möglichkeiten, Gemeinschaften zu konstituieren, vervielfacht. Es geht in der gegenwärtigen Commonsdiskussion nicht mehr nur um kleine, lokale communities, sondern communities sind tatsächlich schon transnational, gerade auf Grund solcher Phänomene wie dem Internet. (Jörg Haas) Sicher ist nur, dass Anonymität den Commons abträglich ist.

In ähnlicher Weise lässt sich die These hinterfragen, ob Haltungen, Einstellungen usw. tatsächlich nur ein Phänomen für das Lokale sind. (Julio Lambing), denn überall sei beobachtbar, dass die

„geläufige soziologische Unterscheidung (einerseits der Bereich des Privaten, die Frage des Guten Lebens, der Ethik – andererseits der Bereich der Moral, des Öffentlichen, geregelt über Gesetze.) nicht mehr passt.“

Überall entstehen neue, andere soziale Nahräume. Und in all diesen Bereichen, gleich ob in der Open Source Bewegung oder bei eher klassischen Allmenden, lässt sich feststellen:

ein zentraler Bereich der Commons, die gepflegt werden wollen und die aber zugleich Commons schützen, ist soziales Wissen, soziale Fertigkeiten und Verhaltensweisen.“

Lambing nennt es Tugenden,

„dieses Phänomen, dass man untereinander irgend etwas erfindet und den Umgang damit regelt, und keiner greift dabei auf Anwälte zurück. Das sind Lebensstile! Über Allmende reden heißt, über bestimmte Lebensstile reden.“

Diese wiederum haben viel mit dem „Teilen von Räumen, direkter Kommunikation und einem hohen Maß an Aufmerksamkeit und Respekt füreinander zu tun (Silke Helfrich). Und Kommunikation funktioniert nicht nur im Nahbereich, sondern auch miteinander „vernetzt und verdrahtet“. Auch weltumspannend lässt sich Vertrauen (Voraussetzung neuer sozialer Nahräume) schaffen. Dabei sind die

„Informatiker die Kooperationswissenschaftler. Sie machen die Werkzeuge zur Kooperation.“ Ergo: „was wirklich in den Commons sein muss ist die Infrastruktur, mit der wir kommunizieren.“ (Lutterbeck)

Die ökologische Krise untergräbt den Eigentumsbegriff

Immer wieder kommt die Debatte zurück auf den Eigentumsbegriff. Die formulierten Gedanken lassen aufhorchen. Rainer Kuhlen beginnt in seinem Eingangsstatement mit der Aussage:

„Das offensichtliche Problem des Missbrauchs, der Über- bzw. Unternutzung oder sogar der Vernichtung von Commons beruht im wesentlichen auf einem „Missverständnis“ des Eigentumbegriffs, nämlich dass es als „rechtens“ angesehen wird, dass bei der Übertragung der common property rights individuelle (private) Eigentumsrechte entstehen, wo, entsprechend eines konsequenten Commons-Verständnisses nur jeweils unterschiedliche definierte (i.d.R. aber nicht-exklusive) Nutzungsrechte entstehen dürften.“

Wolfgang Sachs legt nach mit einer These, die die Notwendigkeit von Mischformen in den Eigentumsregimen in den Blick rückt.

„Die Unterscheidung zwischen Privateigentum und Gemein(schafts-)eigentum ist -ökologisch gedacht- schwer zu halten. Dann wenn die Tragfähigkeit der verschiedenen Ökosysteme schwächer wird, wird es wichtiger, das jedes Privateigentum in einer weiteren Schicht immer auch Gemeinschaftseigentum ist.“

Sachs verdeutlicht dies am Beispiel natürlicher Ressourcen, den Begriff der global commons kritisierend. Er meint,

„dass die Idee von der egalitären Verteilung von Naturressourcen eigentlich nur beim Klima möglich ist, sonst nirgends. … Bei sämtlichen anderen Ressourcen – Fische, Boden, Wasser, Wald – sitzt immer jemand drauf. … All diese Dinge gehören jemandem und zwar weil Ökosysteme meist lokal gebunden sind. Und weil meistens auch die Gefüge des Umgangs damit mit lokalen Kulturen zu tun haben. Global Commons ist deswegen eher ein Scheinbegriff. Die gibt es gar nicht so stark. Es gibt sie höchstens als Zusammenhang von vielen local oder continental commons.

Auch deswegen gibt es keine einfachen Lösungen in der Eigentumsfrage, weil jeder Naturbestand systemisch – und in seinen Beziehungen zu benachbarten Ressourcensystemen – gedacht werden muss. Und je stärker die Tragfähigkeit dieser Ressourcen bedroht ist,

„desto schwieriger wird es aufrecht zu erhalten, dass über ein bestimmtes Segment, nur ein Einzelner verfügen kann. D.h., die ökologische Krise untergräbt ganz massiv den Eigentumsbegriff. Die Mischformen werden interessant. Es ist heute immer weniger möglich, von einem vollen Privateigentum zu sprechen. … Art. 14.2 GG – Eigentum verpflichtet und es muss dem Wohle der Allgemeinheit dienen – bekommt da eine rasante neue Bedeutung.“ (Sachs)

Der Gedanke findet Unterstützung und Erweiterung:

„Und je … weniger ersetzbar natürliche Ressourcen sind, umso schlimmer wird das. Solange jeder grundlegende Bedürfnisse über Landwirtschaft decken konnte, macht das mit der persönlichen Verfügung über natürliche Ressourcen Sinn. Wenn es aber nicht mehr möglich ist … umso mehr wird sich die Frage des Teilens und nicht die Frage der Kontrolle über Eigentum stellen.“ (Sven Giegold)

Nicht nur in dem Maße, wie sich uns die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen erschließt, erhöht sich die Notwendigkeit der Verzahnung von Privat- und Gemeineigentum … sondern auch in dem Maße wie Allmende entziffert, entschlüsselt und downgesized werden. Heute gibt es chemische Elemente, die patentiert werden, morgen werden es die Elemente auf Nanoskala sein. Das was angeeignet werden kann, wird immer kleiner.“ Damit wird die Macht über das Angeeignete immer größer. (Silke Helfrich)

Commoning: Teilen statt Kontrolle

Wer klären will, wem etwas gehört, muss zunächst klären, was das Substrat ist, von dem wir reden. Darauf weist Benedikt Härlin hin. Die spannende Frage ist:

Was genau erklären wir zu Commons? Das ist bei einer Allmendeweise scheinbar einfach. Auch bei einer begrenzten Menge Wasser in einem Wassereinzugsgebiet geht das noch. Wir dürfen aber nicht vereinfachen. …. Wir sollten darüber diskutieren, wie Commons in diesem Sinne sinnvoll definiert werden. Denn wir dürfen nicht über die Debatte – was ist privat, was öffentlich – aus dem Auge verlieren, … wie komplex die Zusammenhänge sind…“. (Siehe diesen Beitrag)

Es geht erst dann um eine

konkrete, komplizierte Art und Weise miteinander umzugehen“, um das Wissen Wie als Praxis, die sich nicht unbedingt in Sätzen, Symbolketten und Gesetzen ausdrücken lässt“ (Julio Lambing).

Es geht darum, einen bestimmten Habitus im Umgang mit den Gemeinressourcen zu entwickeln. Der Historiker Peter Linebaugh würde es Commoning nennen. Wäre „staatliche Gewalt – das Gewaltmonopol als bewährte Regelung“ in diesem Zusammenhang nicht vorstellbar „als transitorisches Regime, dass in seiner Perspektive darauf hin arbeitet, dass etwas zum Habitus wird?“, fragt Jörg Haas.

„Letztlich ist es ja so, dass ein Großteil des immensen technischen Regelungsbestandes nur deswegen funktioniert, weil es die Menschen internalisiert haben. Wenn hinter jedem Ding ein Polizist stehen müsste, würde der Staat nicht funktionieren.“

Hier ist der Gedanke des „Weltbürgertums“ wichtig, gerade die Auseinandersetzung mit „global commons“, die noch nicht „verteilt“ sind, böte die Möglichkeit, diese Idee (des verantwortungsvollen Umgangs, des Teilens, des commoning) zu transportieren, meint Fritjof Finkbeiner.

Bei diesen komplexen Ressourcensystemen, so Wolfgang Sachs, lässt sich der Zusammenhang zwischen Grenzziehung, Verteilung und der Gelingensbedingungen für Kooperation gut studieren. Bei den Klimaverhandlungen wird zum Beispiel deutlich, dass es

zumindest Legitimität, also anerkannte Fairness gibt und dass Fairness zum Sachzwang wird, denn um das Ziel zu erreichen (einen ökologischen Effekt erzielen) müssen alle beteiligt sein. Aber alle beteiligen sich nur (Kooperation), wenn es fair – also unter gerechten Verteilungsprinzipien – zugeht. Das ist das uralte Prinzip: Es braucht Gerechtigkeit, um Kooperation sicherzustellen. Oder umgekehrt: Es gibt keine Kooperation ohne ein Mindestmaß an Legitimität und ohne ein Mindestmaß an Fairness. Insofern hängen die Sachen zusammen.“ (Sachs)

Dies herzustellen, kann subversiv sein. Es kann und muss von unten kommen, zum Beispiel von Bürgern oder Unternehmen, die

an vielen Stellen … weiter als ihre Staaten (sind), und einfach selbst gegen ihre Staaten handeln, woraus man nicht schlussfolgern darf, dass ….ein globales komplexes Problem allein dadurch regelbar wäre.“ (Giegold)

Oder Wissenschaftler, die damit konfrontiert sind, dass der Handel mit dem Gut Wissen zum globalen Phänomen geworden ist und längst nicht mehr auf nationalstaatlicher Ebene reguliert wird, sondern im EU Kontext, in der WIPO und über TRIPs usw. Petra Buhr weist darauf hin, dass die Konflikte um Geistige Eigentumsrechte inzwischen aus ihrem Schattendasein heraus getreten sind, auch weil

„Konzerne es verstehen, sich die Rosinen aus diesem Wissen rauszupicken und Wissen so zu privatisieren, dass es nicht mehr für andere nutzbar ist.“ Zudem werden Geistige Eigentumsrechte in Zukunft vermutlich auch dazu eingesetzt, die Instrumente zur Beherrschung der schier unglaublichen Massen vorhandenen Wissens zu privatisieren.

Die Frage ist nun, wie unter diesen Bedingungen (der second enclosure of the commons)

die Verfügbarkeit von Wissen für unsere soziale, kulturelle, persönliche und politische Weiterentwicklung – als Bedingung für unser Menschsein“ zu garantieren ist? Wie halten wir die Kommunikationsformen dergestalt offen, dass der Austausch quasi subversiv trotzdem funktioniert und sich dann durch die Subversivität zu einem normativen Verhalten des freien Austauschs entwickelt?“ (Kuhlen)

Indem wir Bürger/innen das ändern! Indem zum Beispiel Wissenschaftler verstehen, dass das, was sie produzieren, kein Privateigentum ist. Es geht um unsere Verhaltensweisen, um das, „was wir selber machen müssen. Zunächst einfach subversiv. … Und dieses subversive Verhalten durch normative Verdichtung so weit zu bringen, dass dann auch wieder reguliert werden kann.“

Nur so kann eine Rückgewinnung der Commons gelingen. Im großen Stil.

foto: on flickr by

2 Gedanken zu „Commonsinstitutionen: Eine subversive Debatte

  1. Nur ne kleine Klugscheisseranmerkung: Chemische Elemente – also Atome – sind kleiner als „Nanoskala“ und nicht umgekehrt. Die größten Atome sind ca. 0.2 Nanometer groß laut Wikipedia.

    Ansonsten: Dass jetzt alles am Habitus anstatt am Staat hängen soll finde ich irgendwie nicht so wirklich einen Fortschritt. Der Habitus differiert ja schon innerhalb einer (Klassen-)Gesellschaft ganz radikal, wie soll der dann global so einheitlich werden, dass er die Commons zu schützen in der Lage wäre?

  2. Pingback: Institucionalización para los bienes comunes, un debate subversivo | Bienes Comunes

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s