Die Tragik der Thunfisch-Commons

Gestern Abend gab’s bei uns Fisch. Meine Tochter (9) liebt Fisch. Vor allem auf dem Teller. Deshalb gibt es eine Art Ritual mit persönlicher Ansprache:

„Lieber Fisch, es tut mir sehr leid, aber ich muß Dich einfach essen, weil Du so lecker bist.“

Als begeisterte Allesesserin hat sie dieses moralische Problem mehrfach am Tag. Sie schluckt es routiniert herunter und stürzt sich auf den Leckerbissen.

Doch die Welt wird komplizierter, je mehr man von ihr weiß. Gestern also gesellte sich ein neues Problem zum alten:

„Mama, ist das Thunfisch? …Das wäre nicht gut, denn die fischen zu viel und es gibt keine Thunfische mehr. Sie fischen sogar die ganz jungen Fische, dann gibt es keine kleinen mehr. Das hat mir der Papa erklärt.“

Meine Tochter versteht was von den Commons. Vor allem versteht sie, dass es das Problem der Fischer (also unser) Problem ist, nicht das der Fische. Es sind schließlich die Menschen, die den Thunfisch ausrotten. There is no such thing as the „tragedy of common pool resources.“  Die Tragik der Allmende ist immer eine Tragik der menschlichen Gemeinschaft.

Vorgestern bringt nun Andrew Revkin, Reporter und Fischereiexperte, auf einem der meistgelesenen Blogs der USA anlässlich einer aktuellen Entscheidung der International Commission for the Conservation of Atlantic Tunas (ICCAT) einen Beitrag zur: „Tragik der Thunfisch-Commons“ und gibt so „Butter bei die Fische“.

Auf dem letzten Treffen der ICCAT (die seit 42 Jahren dafür sorgen soll, dass es auch morgen noch Fisch gibt und stattdessen den Sargnagel mancher Bestände einschlägt), haben die Europäer die Empfehlung der Experten, die Fangquoten für Blauflossenthunfisch heftig zu kürzen, in den Wind geblasen. Sie wollen im Ostatlantik und im Mittelmeer weiterhin 50 % über der empfohlenen Menge fischen und sie wollen weiterhin in der Laichsaison fangen, dafür wird die EU nun aus unterschiedlichen Ecken heftig kritisiert.

Dabei formuliert selbst die Kommission, wie hier im Reformvorhaben der Europäischen Fischereipolitik von 2002, dass

„die zulässigen Gesamtfangmengen (TAC) …nach wissenschaftlichen Gutachten auf einer Höhe festgesetzt werden (müssen), bei der gewährleistet ist, dass noch genügend Fische zur Wiederauffüllung der Bestände im Meer bleiben.“

Die Politik weiß also um das Problem. Und sie weiß es schon lange. Seit etwa einem Viertel Jahrhundert!

Die Europäer sollten ihre Flotten verkleinern – nur so könne eine „drastische Senkung der fischereilichen Sterblichkeit“ erreicht werden. Frankreich hat 771 Schiffe, Italien 619, Spanien 441, England 331 und so weiter. Die meisten sind auf Fischbestände außerhalb der EU Gewässer angewiesen. (vía dieses EU Dokument, FAQs zur Fischereipolitik, von wirklich seltener Klarheit.)

Doch selbst wenn sich der (Thun-) Fisch im Moment des Fangs in europäischen Gewässern aufhält; er ist da nicht zu Hause. Er ist vielmehr überall dort zu Hause, wo den Schwärmen ein Überleben und wo die Aufzucht der Jungen möglich ist. Mal innerhalb, mal außerhalb der EU-Gewässer. Wer also „seine Gewässer“ überfischt, überfischt immer auch die der anderen. Wie nennen das die Juristen?

Was mit soviel Kurzsichtigkeit zerstört wird, ist also klar. Was aber soll gerettet werden?

Sehr kurzfristig gedacht ein paar Arbeitsplätze, freilich mit einer bedeutenden EInschränkung:

„Die Entscheidungsträger … haben es bisher zu oft vermieden, den Stier bei den Hörnern zu packen; stattdessen haben sie kurzfristige Maßnahmen bevorzugt, um der Fangflotte – allerdings auf Kosten der Fische – für den Moment eine Atempause zu verschaffen. Letztendlich haben  diese Maßnahmen aber auch der Flotte geschadet, denn die Zukunft der Fischer ist eng mit der der Fische verbunden: wo es keine Fische gibt, gibt es auch keine Fischer.“ (aus den bereits zitierten FAQs)

Ansonsten geht es – ebenso kurzfristig – um ein paar makroökonomische Kennziffern und die Sushiindustrie, die Thunfischpreise steigen.

Wahrscheinlich hilft nur noch Radikalität – angesichts der Unfähigkeit, die eigenen Einsichten umzusetzen, die simpelsten arithmetischen Übungen zu bewältigen oder die Expertengremien ernst zu nehmen: Revkin schlägt ein Moratorium für Blauflossenthunfisch vor:

„What’s really needed is a moratorium for bluefin (tuna), and I first said that in 1991. … I must say that based on their whole history I would have been astounded if I.C.C.A.T. had set an eastern quota that complied with the science. I’m ashamed of what they do, but no longer surprised.“

Gestern Abend gab’s bei uns keinen Thunfisch. Und meine Tochter hat ihr Abendbrot genossen. Trotzdem, vIelleicht sollte sie mal nach Brüssel fahren und den Politikern erklären was passiert, wenn man zu viele und zu junge Fische fängt. So schwer ist es ja nicht.

Sie jedenfalls will ihre persönlichen Ansprachen auch in ein paar Jahren noch halten.

Foto: on flickr by mightymightymatze

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