OScar – Open Source Auto und Open Source Ökologie

Das sei eine Bombe, meint Franz Nahrada. Er spricht von der  „Open Source Ökologie“ und den Plänen für ein „Global Village Construction Set“, welches die Agrarwissenschaftler um Marcin Jakubovski vom Open Farm Tech Projekt nicht nur vorgelegt haben, sondern leben.

Da ist eine Produktionsform beschrieben, in der Demokratie ganz oben rangiert, Beitragende und NutzerInnen auf Augenhöhe stehen und den Spendern und Teilhabern zwar bestimmte Vorteile, nicht aber Dividenden gewährt werden. In dieser Open Source Ökologie gäbe es …

„Keine Zinzen oder Lizenzgebühren zu zahlen. … Sie könnte Arbeitsrechte respektieren UND hochwertigere Produkte, die dem Grips von globalen Entwicklercommunities entspringen, liefern“ (Nahrada)

Es liegt also ein kompletter, realistisch erscheinender und transparenter Plan auf dem Tisch. Nicht etwa das Produkt einer internationalen Entwicklungsbehörde oder eines transnationalen Unternehmens. Sondern ein Plan von unten. Angelehnt an und doch losgelöst von klassischen Subsistenzmodellen; gestützt auf High Tech, Internet, Open Source und Peer to Peer Production – geht es in diesem Projekt um eine Art Subsistenz auf höherem Niveau. Um hohe Lebensqualität, Unabhängigkeit und Freiheit. Und zwar auf Ebene einer Gemeinde, eines Dorfes – eben einer überschaubaren sozialen Größe. Sie nennen es (seit Jahren): Global Village.

„Das Paket (siehe dieses wiki) liefert einen großen Teil der Infrastruktur für den Aufbau dieser Globalen Dörfer. Es ist in der Lage, 100% hochwertiger Lebensmittel, Treibstoffe, Energieträger, Wohnumgebungen und anderer Dinge für die Bedarfe der Bewohner eines Ortes herzustellen – basierend auf lokal verfügbaren Ressourcen.“

„Das Ziel ist, eine neue Form sozialer Organisation auf hohem kulturellen Niveau zu erreichen, in der alles in Fülle zur Verfügung steht und weitgehend autonom produziert wird.“

Eine der Maxime lautet: Arbeite mit dem, was Du hast. Wenn Geld da ist, um bestimmte Arbeiten voran zu treiben oder Arbeitsschritte zu sparen (zum Beispiel für bestimmte Zwecke neues Metall zu kaufen, statt Schrott wiederzuverwerten), dann ist das schön, denn das Projekt geht schneller voran. Wenn kein Geld da ist, auch gut. Geht es eben langsamer, weil es länger dauert, Schrott wiederzuverwerten als neues Metall zu kaufen. Aber das tut dem Projektansatz und -erfolg keinen Abbruch, weil das ganze Vorhaben weitgehend aus strangulierenden Sachzwängen der realen Marktwirtschaft heraus gelöst ist.

Was sind die Schlagworte?

Einfachheit, Multifunktionalität, Robustheit, umweltfreundliche Technologie – für zahlreiche Produkte und Dienstleistungen mit dem geringsten Einsatz an Instrumenten.

Als multifunktional und robust (ich sage immer „verlässlich“), kann man Gemeingüter charakterisieren. Umweltverträglich, gemeinschaftsbasiert und -vor allem- EINFACH; müssen Commons Management Systeme sein, also alle Regeln und Institutionen (gleich ob Regierungen, Vereine, Kommunen, Trusts oder Initiativen, wie die hier beschriebene), die Gemeinressourcen nutzen oder verwalten.

Wie es funktioniert?

Lokale Ressourcen (natürliche und kulturelle) und alle Einnahmen (z.B. Spenden) in einen Topf, Daten und Arbeitszeit in einen Topf (zwei Stunden täglich für Leute, die im Projekt leben)  + Wissen und Informationen uneingeschränkt teilen, transparente Planung, Verkauf zu Produktionskosten (die ja im einzelnen dokumentiert sind), Reinvestition aller Einnahmen in die OSE-Produktion – kurz: Vertrauensaufbau. Vertrauen ist die wichtigste Währung der Commonswirtschaft.

Es geht um ein Modell gemeinschaftsgestützten Produzierens (CSM „Community Supported Manufactoring“). Die Macher charakterisieren es so:kooperativ, mit offenen Quellen/Standards (Open Source), nachbaubar, risikoteilend.

Unter „Open Source“ versteht das Open Farm Tech Project dabei:

„ein Dokumenationsniveau, welches Nachbau eines jeden Stücks (Produkt oder Werkzeug) möglich macht, ohne die Entwickler zu konsultieren. Das beinhaltet eine so komplette Dokumentation wie möglich, die genügend Details für unabhängige Reproduktion enthält.“

Jeder Schritt wird genau dokumentiert, so dass Philosophie, Planungsstand, Produktionsschritte, Fundraising und Zweck des Ganzen für Aussenstehende – potentielle KundInnen, SpenderInnen aber auch Mitmachende-uneingeschränkt nachvollziehbar werden.

Hier ein kleines Beispiel für die Materialkosten des Prototys der CEB (s.u.):

„Here is the Bill of Materials (BOM) for the CEB prototype:

CEB_BOM.jpg

Das soll vor allem Spender überzeugen, schließlich soll die Anschubfinanzierung von Unterstützern kommen, die nicht vor Ort leben und arbeiten. Anschubfinanzierung braucht zum Beispiel das Solar Turbinen System, der OScar (das Open Source Auto) oder das fortgeschrittenste Projekt von allen – die Ziegelmaschine zur Herstellung von 3-5 Ziegeln pro Minute (CEB Compressed Earth Block Press – hier der  CEB Open Business Plan auf knappen 4 Seiten).

Nachdem ich mir diesen Vierseiter durchgelesen hatte, kamen die ersten Zweifel. Hunderte von altertümlichen Ziegelbrennerein im Westen El Salvadors fielen mir ein… die hätten alle solch ein Ding gebrauchen können und wären wahrscheinlich begeistert. Doch wie kommen sie zu der im Englischen und im Netz verfügbaren Information? Weder Englisch noch Netz gibt es dort, wo man Ziegelsteine am dringlichsten braucht. Und auch  die Zusammensetzung der lokalen Ressourcen (Erde, Lehm…), aus denen die Ziegel gebrannt werden sollen, ist überall anders. Wie soll da eine CEB verkauft werden? Und warum stehen alle möglichen Unterstützungsideen im Plan -z.B. Verbreitung der Initiative (was ich hiermit tue)- aber keiner denkt an einen großen Übersetzerpool? Denn das „Land wieder zu gewinnen“ und als „steward“ (Selbstverständnis des Open Farm Tech Projektes) zu hegen scheint mir nirgends dringlicher als da, wo kein Englisch gesprochen wird.

Sind da doch zu viele Techniker, Agrarwissenschaftler, Ökonomen und zu wenig Sozialwissenschaftler und Entwicklungsexperten am Werk? Oder geht es gerade darum, eben nicht die halbe Welt (nicht mal die die es braucht) mit OSE, CSM, CEBs und OScars zu beglücken… sondern eben nur das nächste Dorf, das in der Nähe sich gründende Global Village?

Fakt ist, das ist einer der wenigen mir bekannten Ansätze in der die Prinzipien der Peer Produktion auf die Sphäre materieller Güter konsequent übertragen werden. Und: es ist keine Idee, sondern ein reales und anfassbares Projekt. Es ist gelebte Commonswirtschaft. Es ist das erste Projekt aus der Open Source Debatte, das ich nicht ressourcenblind finde.

Franz Nahrada hat im Kontext dieses Projekts begonnen, die…

Kernstrukturen und Konstruktionsprinzipien einer anderen Gesellschaft, wie wir sie von den Mustern der freien Softwareentwicklung her denken können“ aufzuschreiben.

Das wird der Stoff sein, aus dem die kommenden Commonsdebatten gemacht sind. Und dass das so sein wird, daran besteht kein Zweifel, denn Commons sind im Kommen.

Mehr Infos zum OScar -den das Open Farm Tech Project weder erfunden noch für sich gepachtet hat- gibt es hier und hier.

Dank an Benni für das Spuren legen.

Update vom 11. August 2009: zu den Entscheidungsstrukturen im Open Farm Tech Project und den sich daraus ergebenden Konsequenzen, gibt es hier jede Menge Infos. Schade!

4 Gedanken zu „OScar – Open Source Auto und Open Source Ökologie

  1. Liebe Silke,

    zunächst mal herzlich danke für die Übersetzungsarbeit und das Referieren von OSE!! Wir haben Marcin 2004 zur oekonux Konferenz gebracht, und von keinem der Sprecher ist mir eine vergleichbar zielstrebige und effektive Aufbauarbeit bekannt. Marcins Konzept verdient nicht nur Beachtung, es bedarf auch der Verbreitung – in nicht unbedingt gleichen, aber ähnlich ernsthaften Globalen Dörfern in Europa.

    Die aktuelle „Bombe“ besteht meiner Meinung nach darin, das Marcin erstmals die Frage aufgestellt hat, wie wir die zentralen Einheiten, die unsere Dezentralisierung überhaupt erst möglich machen, die vielen Fabriken für Basiselemente und Bauteile, nach unseren Prinzipien aufbauen oder transformieren können. Nicht alles kann vor Ort hergestellt werden, und die heutige Industrie ist extrem eigenarbeitsfeindlich geworden. Ich behaupte und andere haben das untersucht, dass das genau mit dem wesentlich größeren Eigenarbeitspotential zu tun hat, das spontan in jedem Moment durch die technologische Umwälzung der Produktion und der Kommunikation entsteht.

    Und auch deswegen sind wir nicht ganz soweit wie wir gerne wären, und Produkte wie der Open Source Traktor „Liberator“ und die CEB-Maschine sind jetzt einmal in der Praxis zu testen, bevor die Massenproduktion von Bestandteilen beginnen kann. (Auch durch Industriepartner, ganz analog wie bei Open Source Software).

    Du siehst ganz richtig, dass dieses Konzept über die Mängel der „Angepassten Technologie“ weit hinausgeht und im Grund viel flexibler ist für technische Lösungen die größere Kooperationen erfordern.

    Dass wir mit dem Problem der Übersetzung zu kämpfen haben, und vieler anderer Fragen – die wichtigste ist wohl derzeit wie die synchrone Telekooperation von Entwicklern wirklich gehandhabt werden kann – ist ja kein Mangel der OSE selbst; sondern hier müsste erkannt werden dass „Open Everything“ ein Ökosystem ist, das jetzt erst langsam zusammenzuwachsen beginnt und in dem die Arbeit von ÜbersetzerInnen sehr wichtig sein wird.

    Deswegen sind „outreach communities“ wie zum Beispiel Minciu Sodas von Andrius Kulikauskas (der ebenfalls auf 0x3 war) wichtig, die die Netzwerke und ihre Fähigkeiten genau dorthin tragen wo sie benötigt werden. Andrius hat einen Weblog zu diesen Fragen gestaltet, den ich nur empfehlen kann:

    http://www.pbs.org/idealab/author/andrius_kulikauskas/

    In Episode 8 ist sein Beitrag auf der letztjährigen Knight News Challenge zu sehen:

    http://www.pbs.org/idealab/2008/11/the-includerepisode-8people-vs.html

    Der Includer ist ein Projekt das genau von diesen Schwierigkeiten des Netzuganges ausgeht!

    Gottseidank ist es möglich gewesen, diese beiden communities (OSE und Minciu Sodas) zu einer Schnittmenge zu bringen, zum Beispiel über die Globalvillages Liste, zu der ich herzlich einlade:

    http://groups.yahoo.com/group/globalvillages/

    Genau die Fragen die Du aufwirfst sind jetzt extrem spannend. Wo lassen sich denn überhaupt ungebrannte Ziegel aus dem lokalen Material herstellen? Sind gebrannte Ziegel überlegen? Wie kriegen wir die Energiequelle vor Ort? Wie die Presse? Wer produziert, baut zusammen, überprüft?

    „Techniker, Agrarwissenschaftler, Ökonomen“ haben von unserem Modell der Globalen Dörfer noch nicht einmal Kenntnis genommen, ebensowenig wie von Frithjof Bergmanns New Work Villages. Hier gilt es zu dokumentieren, die guten Beispiele zu sammeln und eine kritische Masse herbeizuführen. Dabei brauchen wir Sozialwissenschafter und Entwicklungsexperten.

    Und Du hast recht, dies ist nicht ein Programm für Afrika alleine, dies ist ein Programm das nur funktioniert wenn wir selbst es leben wollen. Wir haben ungleich bessere Voraussetzungen, Globale Dörfer in Europa zu bauen, unser Problem sind eben Individualisierung und unsere zurecht bestehenden hohen Ansprüche ans Leben. Das erfordert eine hohe Bereitschaft, Frustrationen in Kauf zu nehmen und doch sich nicht mit Halbheiten zufrieden zu geben. Ich bin aber zuversichtlich, dass gerade jetzt ein Netzwerk Globaler Dörfer in Europa entsteht.

    Wir könen in der derzeitigen Lage nicht mehr tun als gezielt zu experimentieren und uns wechselseitig zu unterstützen, den Freiraum zu kriegen und das enorme Potential anschaulich und real zu machen, das im Prinzip der Commons schlummert.

  2. Pingback: Open Source Ecology : www.who-owns-the-world.org

  3. Pingback: Projektkrisen — am Beispiel von »Factor E Farm« — keimform.de

  4. Pingback: Projects in crisis — for example »Factor E Farm« — keimform.de

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