Paulo Coelho: Ein Alchimist der „Internetpiraterie“

„Entweder wir teilen oder die Industrie wird sterben.“

Das sagt kein Geringerer als der brasilianische Bestsellerautro (Der Alchimist) und Blogger Paulo Coelho. Er meint die Verwertungsindustrie für kulturelle Inhalte. Dazu gehören auch seine (ehemaligen) Verleger. Coelhos zahlreiche Blogs, u.a. Pirate Coelho (Sic!), locken Abermillionen Besucher. Seine Website läuft in 16 Sprachen.

Offenbar hat der Autor nun auch noch den Verlegern die Freundschaft gekündigt, was ganz sicher  schlecht für die Verleger ist. Er habe jedenfalls

„…nicht vor, in den nächsten 2 Jahren irgendwelche Rechte an Verleger zu verkaufen.“

Und dafür gibt es substantielle Gründe. Ökonomische wie weltanschauliche.

… in Russia, back in 1999, … I had a very difficult beginning. Given the great distances, my books were very poorly distributed and the sales were very low. Yet, with the appearance of a pirated digital copy of The Alchemist – that later on I included on my official website – sales took off in an amazing way. In the first year, the sales had jumped from 1,000 copies to 10,000 copies. In the second year they soared to 100,000 copies and the year after I sold a million books. To this day, I have reached the mark of over 10 million books in this territory.“

Ähnliches erzählt er zur englischsprachigen Ausgabe des Alchimisten, ebenfalls online (gratisdownload) und dennoch bzw. deswegen monatelang auf den Bestsellerlisten. Soviel zur Einnahmeseite.

Aber auch das Denken passt nicht mehr zusammen. In einem Interview, das Susana Reinoso für die Kulturseiten der argentinischen La Nación, adncultura, mit Coelho geführt hat, sagt der selbsternannte Pirat zur so genannten „Internetpiraterie“

„Das lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Aber keine Angst: Wenn alle Piraten sind, muss man eben ein neues System schaffen. Das Illegale wird legal. Sehen Sie, wie es mit den Engländern war: Zuerst waren sie Piraten, dann Lords, und so schufen sie ein Weltreich. Internet ist ein sehr positives und starkes Instrument sozialer Aktivität.“ (Herv. S.H.) (vía)

Coelho hat „keine Angst vor dem Unbekannten“ und keine Sorge, dass die Buchkultur untergehen könnte. Jedenfalls noch nicht. Das zumindest habe sie der Musik- und Filmindustrie voraus. In seiner Eröffnungsrede zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse erinnert der Brasilianer daran, dass auch die Messe selbst mit ihrer mehr als 500 Jährigen Tradition das Kind einer technologischen Revolution ist. Ohne Buchdruck, keine Buchmesse.

„Wir wissen alle, dass Gutenberg’s Erfindung ein großer, wenn nicht der größte Schritt zu einer Bewegung war, die wir als Renaissance bezeichnen, in der die Ideen sich frei bewegen konnten. Dank der neuen Drucktechnik konnten Ideen geteilt und die Welt entlang dieser Ideen neu geformt werden.“

Konsequenterweise hat Coelho schon vor Jahren „Piratenlinks“ auf seine Seite gestellt (die brasilianische und internationale Blogosphäre und Presse kommentiert das, seit er im Januar 2008 öffentlich darüber sprach.) Der literarische Popstar weiß -wie gesagt- aus Erfahrung, dass Bücher im Wert steigen (können), wenn sie im Netz veröffentlicht werden. Doch Bücher seien letztlich nur Schiffe für den Transport von Ideen, im Kern ginge es immer nur darum, Ideen zu teilen. „The more you give, the more you gain.“

Und dann referiert er in schönster Lawrence Lessig Manier,

  • dass die Gesetze immer den Technologien angepasst werden müssen,
  • dass Medien und Verwertungsindustrien sich allzu schwer tun, das Offensichtliche -den Paradigmenwechsel- zu begreifen,
  • dass ihm schleierhaft ist, warum einige Produzenten im Netz den Feind statt die Herausforderung zur Entwicklung neuer Vertriebsstrategien sehen.
  • dass schon die Musikindustrie bisher nur Schlachten (z.B. gegen Napster), nicht aber den Krieg gewonnen habe. Und so weiter.

Wenn sie wenigstens so clever gewesen wären, damals, 2001, für jeden Musikdownload im Internet 0.05 Cent zu verlangen – statt all die Anwälte zu bezahlen! Niemanden hätte es gestört, glaubt Coelho. Aber sie waren eben nicht clever genug.

„Solange die Produzenten sich weigern, Terrain an die vorgeblich passiven Konsumenten abzutreten, werden sie Publikum verlieren.“ … „Giordano Bruno wurde dafür bestraft, seine Idee zu verkünden. Heute wird man dafür bestraft, wenn man das nicht tut.“

Damit es Coelho nicht irgendwann mal genauso geht, experimentiert er im Netz mit neuen Projekten, Beispiel: Die experimentelle Hexe (la bruja experimental)

„Ich habe mich immer gefragt, ob ich mit meinen Lesern einen Film über mein Buch „Die Hexe von Portobello“ machen soll. Da sind 6000 Videos. Phantastisch! Wir haben jetzt einen 380 minütigen Film, den wir komplett ins Netz stellen werden. Und danach wird ein 98 minütiger Film daraus. Eine einzigartige Erfahrung.“

So ähnlich sind auch BILD und Sönke Wortmann mit ihrem zweiten deutschen Sommermärchen vorgegangen. Dort wurden die „besten“ (verwertbaren) Videoeinsendungen bezahlt, der Film gehört damit exklusiv Bild.de. Das Ganze war offenbar weit weniger erfolgreich als das Coelhosche Experiment: nur drei Kurzfilme hat Wortmann aus dem Zuschauermaterial schneiden können. „Insgesamt 20.18 Minuten Tore, Tränen und Triumphe.“

Was mir nun aber nach all der Lektüre noch immer nicht klar ist, wie geht Coelho mit der Gretchenfrage in der Debatte um?  Wie hält er es mit dem Copyright? Auf seinen Blogs habe ich nichts gefunden, was auf eine großzügigere Handhabung des Urheberrechts im Sinne von Creative Commons hinweisen würde. In seiner Rede kein einziger Hinweis auf Lizenzen, die auch „den Konsumenten Terrain abtreten.“ Und wo kein anderslautender Hinweis, da klassisches Copyright. (Vgl. Berner Übereinkommen)

Hier die entsprechend nebelige Stelle aus der Rede zur Eröffnung der Buchmesse:

Yet, there are still two problems to tackle: copyrights and the sustainability of the publishing industry. I don’t have a solution, but we are facing a new era, so either we adapt or we die. However, I did not come here to share solutions, but my own experience as an author. Of
course, I make a living out of my copyrights, but at this very moment I am not concentrating on this
. I have to adapt myself. …
Time will tell me how to recover the money I myself am investing alone in my social communities. But I am investing in something for which every single writer in the world would be grateful: to have his texts read by a maximum of people.

Woran anpassen? Und mit welchen Instrumenten? Sollte Coelho die Debatte und Bewegung um Creative Commons oder Freie Lizenzen tatsächlich mit seinem „vessel of ideas“ umschiffen? Ich werde mal den von ihm vielgelobten Dialog zwischen Leserin und Autor suchen.

foto on flickr by eirikso


6 Gedanken zu „Paulo Coelho: Ein Alchimist der „Internetpiraterie“

  1. Passt doch. So neblig und schwurbelig seine „Literatur“ sind eben auch seine politökonomischen Statements😉

    Ausserdem glaube ich, dass er noch sein blaues Wunder erleben wird. Mit dem anstehenden Siegeszug der ebooks werden auch seine Verkaufszahlen einbrechen so wie die von allen Bestsellern. Auf lange Sicht gibt es nur zwei Lösungen für die Informationverteilungsindustrien: DRM oder den Tod. Und DRM funktioniert ja bekanntlich auf lange Sicht auch nicht. Also bleibt nur der Tod.

  2. Aber wie wir alle wissen, „Tod gesagten leben länger“! Nicht wahr?

    Tolle Blog – Gratuliere!

    Alles Liebe

    Der Robin Hood von Österreich
    Take from the Rich & give to the Poor!

  3. Witzig, ich könnte schwören, das war vor einem Monat anders. Allerdings schaue ich mir auch meist die anderen Sprachen an: Chinesisch ist „under construction“, währen die japanische Seite vor Text nur so strotzt, witzig ist der Start der portugiesischen Variante (jedenfalls im Moment), usw., usf… sind wohl doch „seine“ Websites.

  4. Pingback: Das Buch und der Pirat - Bücher Online Lesen

  5. Pingback: Creative Commons und Literatur » Duftender Doppelpunkt

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