Umberto Eco: Volle Kraft zurück!


Der Fortschritt biegt sich in einer großen Schleife wieder auf Anfang zurück.
„Fortschritt kann heute bedeuten, zwei Schritte zurück zu gehen.“ Zum Beispiel zurück zur Windenergie statt vorwärts zu mehr Erdöl. Zurück zur Kabelkommunikation im Pay-TV (per Telefonanschluss) statt vorwärts zur drahtlosen Kommunikation.

Das meint der Semiotiker, Philosoph und Literat Umberto Eco jüngst im italienischen Espresso; eingebettet in eine meisterliche Kurzreise durch die jüngste Mediengeschichte.

Eco leidet am häppchenweise aufgedrückten Upgrading. Er will kein neues Windows Vista, sondern „zurück“ zum „guten alten XP“. Der Grund ist so schlicht wie überzeugend. Eco will nutzen, was er kennt und braucht. Er will nichts, wonach er kein Bedürfnis verspürt. Ecco!

Er will kommunizieren, nicht konsumieren. Mit dem guten alten Löffel essen, statt … da wurde doch in der Tat noch nichts Mechanisches erfunden. Der 2000 Jahre alte Löffel tut’s noch, sagt Eco. Und das ist sein Maßstab.

XP tut‘ s auch. Es reicht zum Gebrauch! Das ist, abgesehen davon, dass Eco offenbar die Debatte um Freie Software verpasst hat, Philosophie der Commons.

Doch Proprietäre Software bleibt Proprietäre Software. Ob Windows Vista oder XP. Diese „Philosophie“ des mein, des so genannten intellektuellen Eigentum, der Verwarung (>Ware) von Wissen und Code ist mit der Philosophie der Commons, der Philosophie des unser, des Teilens, des kollektiven Besitzes von Wissen und Code unvereinbar.

Wenn sich der Meister über Microsoft ärgert, könnte er zu GNU/Linux wechseln und seine Millionen LeserInnen gleich in denselben Zug setzen. Er müsste dafür „nur“ den Preis der Freiheit zahlen und neue Hausärzte suchen. Danach gibt es immernoch technische Probleme, aber: Man ist nicht mehr von EINER Privatfirma, sondern von einer großen community meist netter, junger geeks abhängig. Und man muss nicht nutzen, was man nicht will und nicht braucht.

Eco ärgert sich: Er will in seinem Artikel nicht vermerken, was er über Windows Vista gelesen und gehört hat, „um nicht vor Gericht zu landen“. Aber es hat ihm gereicht, um den „vielleicht falschen aber absolut festen Entschluss“ („magari errato, ma fermissimo“) zu fassen, keinen mit Windows Vista bestückten Rechner zu erwerben. Auf die Gefahr hin, einen Schreibtisch zu haben der wirke wie die Elea Werkstatt Olivettis von 1959, die des ersten in Italien fabrizierten Computers.

Dann könnte er kommunizieren statt konsumieren.

Doch der „Rückschritt“ zu XP hat seinen Preis, entdeckt Eco. „Downgrading ist die Möglichkeit, den eigenen Computer mit älteren Programmen zu beglücken. Zahlenderweise“. Früher hieß „to downgrade“ „zurückgehen, heruntersetzen, verkleinern“. Da war es irgendwie was Schlechtes. Heute müssen wir dafür „ein gewisses Sümmchen zahlen“ Schlimmer noch: Die Vista LIzenz enthält nicht einmal Downgrade Rechte auf die eigenen Vorläuferprogramme. Wenn Sie für Vista bezahlen, dürfen Sie nicht zurück zum vorgeblich schlechteren XP, ohne noch einmal zu löhnen. Man mag es kaum glauben.

Eco weigert sich nachzuvollziehen, welcher Logik die für Laien undurchschaubaren Procedere des Downgrades folgen. Abenteuerlich sei das, eine Odysee (Schauen Sie einfach mal auf diese Seite.)

„Quindi ci viene offerta la possibilità, previo molto lavoro e una certa somma, di svilire e degradare qualcosa che avevamo pagato una certa somma per avere.“

(„Demnach wird uns, nach einer Menge Arbeit und der Zahlung einer gewissen Summe, die Möglichkeit geboten, etwas herabzusetzen und zu degradieren für dessen Erwerb wir vorher schon eine gewisse Summe gezahlt haben.“)

Wieviel, fragt Eco dann, müssen wir durchmachen, um einen Computer wie ein „quaderno con calamaio e penna con pennino?“ (als Heft mit Tintenfass und einen Stift mit Feder“) nutzen zu dürfen?

Es gäbe einfach Dinge, wie den mechanischen Löffel oder die Concorde, um von Paris nach New York in drei Stunden zu kommen, die die Menschen nicht brauchen. Und es gibt Dinge, die Einzelne für bestimmte Tätigkeiten nicht brauchen. In solchen Fällen:

„Siate tesi al futuro! Indietro a tutta forza“ („Bietet der Zukunft die Stirn! Volle Kraft zurück!)

foto on flickr by sagabardon

3 Gedanken zu „Umberto Eco: Volle Kraft zurück!

  1. Schöner Essay!

    Ein Bekannter von mir hat mal Joseph Stieglitz, der im Gegensatz zu Eco immerhin ein großes Bewusstsein für Commons hat, ganz unbescheiden den Hinweis gegeben, dass entgegen Stieglitz‘ Äußerungen auch Freie Software auf dem Copyright beruht — auch wenn das Copyright hier ja umgedeutet wird. Stieglitz hat geantwortet und sich bedankt.

    Will heißen: Auch „die Großen“ machen Fehler, und sie sind im besten Fall nicht beratungsresistent.

    • gut erkannt alex,und ein wirklich wunderbares Essay,,ich mag Herrn Ecos altmodische Einstelleung.Ich sehe das fast genauso..

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