Ich bin Analphabetin!

Das ist freudlos und macht verrückt. Ich kann nicht lesen und nicht schreiben. Ich kann mir nicht helfen – wenn mein Computer nicht macht, was er soll. Oder ich nicht gemacht habe, was ich sollte, weil ich den Computer nicht verstand. Ich brauche immer einen Computerdoktor.

Das ist verdammte Abhängigkeit!

Das Schlimme ist: Der Computerdoktor (meist ein Mann) hat keine Ahnung vom Leiden der Patienten (meist eine Frau). Es ist, als würde man einem Börsenmakler die Subsistenzwirtschaft erklären. Der Computerdoktor versteht uns Analphabeten einfach nicht. Er sagt: „Geht doch alles ganz einfach!“ Oder: ,Das kriegen WIR hin.“ (Er meint sich.) Ich kriege nichts hin.

Ich verstehe keine Computerisch. Nicht, WARUM ein plug in oder add-on fehlt und wo ich es finde. Auch nicht, unter welchen Bedingungen ich auf welchen Knopf drücken darf und auf welchen nicht. Ich spreche nicht mal genug Maschinensprech, um fragen (a.k.a. eintippen) zu können, was mein Computer alles kann und hat. Ich habe einen Mercedes (die neueste Distribution von UBUNTU auf dem Laptop) und fahre damit Roller.

Ich sage: Ich spreche im normalen Leben nicht mit terminals. Ich spreche mit Menschen. Auf deutsch und sogar in mehreren Fremdsprachen. Ich hab‘ nix anderes gelernt.

Er sagt: „Macht nichts. Ist doch ganz normale Arbeitsteilung.“ Er kann Ubuntu. Ich kann nur Spanisch. Er kann Maschinen mit code füttern. Aber er versteht nicht, dass mir keiner je die Grammatik dieser Sprache(n) vermittelt hat. (Wahrscheinlich fragt er sich gar, wie ich es in den letzten 15 Jahren versäumen konnte, mir das selbst beizubringen.)

Er hatte in der Schule zumindest Englischunterricht und deutsche Grammatik. Er versteht etwas von der STRUKTUR dieser Sprachen. Er kann einige -mindestens eine- Sprache der Menschen lesen und schreiben. Ich müsste ihm also nicht erklären, was ein Wort oder ein Satz ist, um ihm „meine“ Sprachen beizubringen. Er müsste das. Er müsste mir die ganze verdammte Architektur, Logik und Grammatik, das ganze verfluchte Alphabet des Sprechens mit Maschinen erklären. Deswegen tut er es nicht (oder selten). Denn, zugegeben: Es nervt, Analphabetinnen zu unterrichten!

Wir (wir sind doch viele, oder?) sind in der Regel DAUs – die Dümmsten Anzunehmenden User. (NIcht mal DAN kriegen sie hin. Für Dümmste Anzunehmende Nutzer, die kein englisch verstehen). DANs nerven. Das ist klar. Vor allem, weil sie bis zum nächsten Computercrash, der nach einem Computerdoktor schreit, ohnehin wieder alles vergessen haben.

Ich könnte einen Kurs belegen, nochmal die Schulbank drücken, oder einen meiner Computerdoktoren dafür bezahlen, dass er mir beibringen, Maschinen (i.e. die Denke der Menschen dahinter) zu verstehen. Doch das dauert. Wer verdient derweil die Brötchen? Deutsche Grammatik haben die Computerdoktoren stattdessen in der Schule gelernt. Ein paar Jahre lang  und finanziert vom öffentlichen Bildungswesen. Und das ist der springende Punkt:

Lesen und Schreiben ist eine Kulturtechnik. Kulturtechniken sind Gemeingut. Niemand würde auf die Idee kommen zu sagen:

„Du kannst nicht lesen und nicht schreiben? Macht doch nichts, lass uns arbeitsteilig vorgehen!“

Das Beherrschen von Kulturtechniken mindert Abhängigkeit. Deswegen – aber nicht nur deswegen- gehören Kulturtechniken in die Schule.

Programmieren ist eine Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts! Deswegen gehört das auch dahin. Ich fürchte nur, dass Medienkunde in den meisten Schulen bedeutet, dass den kids beigebracht wird, wie sie die verschiedenen Oberflächen von Microsoft Programmen nutzen. So werden sie zum abhängigen Microsoftkonsumenten von morgen erzogen. Auch wenn das nicht für alle deutschen Schulen gelten mag; Sehen Sie sich an, wieviele „Partnerschaften“ Microsoft mit allen möglichen Regierungen dieser Welt eingegangen ist, um in den „Bildungssektor zu investieren“.DAN bleiben die meisten wahrscheinlich trotzdem (oder gerade deshalb?).

Ich hänge zwischend den Jahrhunderten. Und muss mitten im Leben mit dieser kulturellen Revolution umgehen. Ich hasse es, am Tropf meiner Linuxdoktoren zu hängen (und tröste mich damit, dass es immerhin nicht der Tropf von Microsoft ist, wo ich nur Kundin wäre, die zur Kasse gebeten wird.)

Also hoffe ich, dass die Linuxdoktoren nie aussterben… und manchmal hoff‘ ich, dass sie vielleicht ein bisschen Spanisch lernen wollen. Ich könnte es ihnen beibringen.

Ich wünsche  mir: Freie Software in den Schulen meiner Kinder!

Ich wünsche allen Computerdoktoren dieser Welt mindestens eine gelebte Erfahrung der wahren Dimension des Analphabetismus (Fahren Sie in die Berge Nordthailänds! In ein Dorf traditionell lebender Stämme und versuchen Sie zu kommunizieren. Ohne Bleistift oder Laptop.)

Und dann sollen sie meine Kinder unterrichten. Die Chancen, dass der Programmieranalphabetismus meiner Kinder nur funktionell, nicht strukturell ist, sind einfach besser als bei mir.

PS:  Aufgeschrieben, nachdem ein Computerdoktor -ganz Mensch- mein komplettes e-mail Programm samt Unmengen von Prozessdokumentationen gelöscht hat. Ich spreche jetzt wieder deutsch, spanisch oder englisch oder sonstwas. Jedenfalls aber von mensch zu mensch, und bitte meine Freunde und Kommunikationspartner rund um den Globus mir ihre Adressen zu schicken.

foto on flickr by D.Traveler

10 Gedanken zu „Ich bin Analphabetin!

  1. Also um die Kinder musst Du Dir keine Sorgen machen. Die saugen das völlig selbstverständlich auf. Mein Sohn ist noch nicht mal vier und hat meine Oma in Computerkompetenz schon überholt und meine Mutter ist auch nicht mehr weit. Deswegen bin ich auch dagegen Computer unbedingt in die Schulen zu bringen, ausser die Kinder wollen es von sich aus. Sprechen lernt man ja auch nicht weil man in der Schule Grammatik beigebracht kriegt. Besser ist es so: http://www.hole-in-the-wall.com/

    Viel Glück mit Deiner email.

  2. Benni, gerade gab mir jemand (einer der Computerisch spricht) nochmal den Hinweis, was ich NICHT hätte machen dürfen, um das Malheur zu vermeiden.
    Jetzt sagst Du: „Die Kinder saugen das völlig selbstverständlich auf. Beides Antworten von Programmierern!
    Es ist falsch! Beides. Hätte ich dieses Malheur vermieden, wäre es morgen ein anderes (jedenfalls hab ich was gelernt) Und es ändert NICHTS an der Abhängigkeit. In meinem Haushalt „saugen die Kinder auch das Programmieren nicht auf“. Ich spreche keine Computerisch. In sog. bildungsfernen Haushalten lernen die Kinder auch nicht lesen. Die hole in the wall Seite guck ich mir natürlich an.

  3. Zu diesem schönen Text fallen mir ein paar lustige Bildchen ein:
    „Ich verstehe keine Computerisch“:
    > http://www.heise.de/ct/schlagseite/04/15/gross.jpg

    „Mercedes … auf dem Laptop“ – der ewige Streit:
    > http://www.heise.de/ct/schlagseite/07/19/gross.jpg

    „Ich hänge zwischend den Jahrhunderten.“:
    > http://www.heise.de/ct/schlagseite/07/23/gross.jpg

    Für die „DANs“ gibt’s deshalb Abfragen:
    > http://www.heise.de/ct/schlagseite/08/11/gross.jpg

    „Und dann sollen sie meine Kinder unterrichten“:
    > http://www.heise.de/ct/schlagseite/04/18/gross.jpg

    Aber ist das die Lösung:
    > http://www.heise.de/ct/schlagseite/08/06/gross.jpg

    fragt der Frank.😉

  4. @ Frank: Das letzte ist super. Zumindest ein Teil der Lösung. Ich kann nur beim besten Willen nicht erkennen, welches Copyright es hat und ob ich es benutzen darf. Gutes Beispiel zum gestrigen Vortrag: Copyright in seiner jetztigen Form schafft vor allem Eines: Unsicherheit. Kannst Du weiterhelfen?

  5. Also mit ein bisschen „Computerisch“ kommst Du dem schnell auf die Sprünge😉

    Auf http://www.heise.de/ct/schlagseite/ heisst es nämlich leider:

    „Die Verwendung wird c’t-Lesern zum individuellen Gebrauch gestattet. Jede Weiterverbreitung ist untersagt“

    Einfach die URL kürzen ist bei „deep links“ immer einen ersten Versuch wert. Ob die Verlinkung von Frank schon eine „Weitervrebreitung“ ist? Na, ich denk mal nicht, weil gerade heise ja selbst schon verklagt wurde für Verlinkung von Kopierschutzumgehsoftware. Aber stehen tut da nix.

  6. Die Kunst ist halt, einen Computer-/Linuxdoktor aka Hausarzt für alle Fragen zu haben. Sollte der mal nicht weiter wissen oder man ist mit dessen Prognose nicht „einverstanden“, holt man sich eine Zweitmeinung ein oder bildet sich in der „Fremdsprache“ fort. Insbesondere ist das bei Tipps wie „Ach, dein E-Mail-Programm geht nicht mehr? Dann installiere doch deinen Rechner einfach neu.“ sehr ratsam.

  7. „Ob die Verlinkung von Frank schon eine ‚Weiterverbreitung‘ ist?“
    Praktisch: Ja – De jure: Nein.
    Zu Tiefenlinks („deep links“) gibt es bereits höchstrichterliche Rechtssprechung – Ergebnis: Erlaubt.
    Dagegen dürfen die Schlagseite-Cartoons nicht kopiert und dann irgendwie anders weiterverwendet werden.
    Etwas anderes ist es mit der erwähnten und verbotenen Kopierschutzumgehungssoftware: Wegen des Verbotes darf – nach aktueller Rechtssprechung (aber der Heise-Verlag ist meines Wissens dagegen noch in Berufung) – nicht verlinkt werden.
    Macht aber nichts, denn nach „Slysoft“ mit Google zu suchen ist nicht verboten…😉
    Selbst das ist offensichtlich legal: > http://de.wikipedia.org/wiki/SlySoft

  8. Die sind deswegen „offshore“ weil ihr Geschäft halt illegal ist. An Kopierprogrammen finde ich nix windig also zumindestens nicht mehr als an anderer proprietärer Software auch. Höchstens die Gesetze sind windig.

  9. Benni hat Recht!
    Die ursprüngliche Firma ist in der Schweiz (ein Binnenland, hihihi) ansässig: http://www.elby.ch bzw. http://www.elby.de
    Nachdem der Musikindustrie-Lobbyismus seine Interessen in Gesetze gegossen hatte, ist der nicht mehr legale Teil ins schöne Antigua (wo es kein Urheberrecht gibt!) gegangen.
    Wenn mir jemand eine solche Chance geben würde, auf solche Weise aus Dt. auszuwandern, würde ich wahrscheinlich ebenfalls schwach werden…😉

    Schöne Wortkombination übrigens: Offshore und windig.
    Die leistungsstärksten Windkraftwerke sollen doch auch offshore errichtet werden, gelle?

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