Wenn Sprache kein Common wäre

dann hießen wir wohl alle Herbert oder Hermine!

Was wäre, wenn Sprache kein Commons sondern kommerzialisierbar wäre? Wenn Sprache nicht geteilt werden könnte? Wenn der Zugang zur Sprache nicht (gemein-)frei, sondern nur gegen cash zu haben wäre? Wenn Sprache keine offene Infrastruktur böte, stabil und zugleich veränderbar? Was, wenn Sprache den Launen der Spracheigentümer entspräche?


  • Dann bräuchte man eine Lizenz, um sie zu benutzen. Verschiedene am besten: …eine für den Hausgebrauch, eine für die Schule, eine für’s Büro/den Job und eine für „öffentliche Angelegenheiten“. In jeder Sprache darf man eine Grundanzahl von Wörtern gebührenfrei nutzen. Anfangs sind es 60, nach langen Lobbygefechten der Verwerter bleiben 20 pro Lizenz. Macht insgesamt 80 gemeinfreie Wörter. Am besten, man lernt alle auswendig, denn Lizenzverstöße (die Nutzung eines privatrechtlich gesicherten Wortes) werden von der Sprachpolizei geahndet. In den Lizenzverträgen gibt es Sondertarife für spezielle Buchstaben, Frage- oder Ausrufezeichen! Großbuchstaben werden sich -zu Werbezwecken- die großen Unternehmen sichern. Die einzigen zusätzlichen gemeinfreien Wörter wären „Feuer“ und „Hilfe“. Das würde in den Verfassungen aus Gründen des Schutzes für Leib und Leben festgeschrieben. Wir würden wieder häufiger auf Zeichnungen und Symbole zurück greifen.
  • Kraftausdrücke oder allzu doppeldeutige Begriffe hätten die Kirchen aufgekauft. Wer flucht oder laut über Sex nachdenkt, muss fortan tiefer in die Tasche greifen. Worte wie „Gerechtigkeit“ und „Solidarität“ hat die politische Rechte weggeschlossen.
  • Auch die inflationäre Verwendung von Begriffen, Floskeln oder Sätzen würde geahndet, um dem Werteverfall der Ware vorzubeugen: „Ich liebe Dich“ darf man nicht mehr als einmal in der Woche sagen. „Wie geht’s?“ kann auch teuer werden. Freunde oder Nachbarn sollten das keinesfalls als Desinteresse werten.
  • Menschen würden ihre eigenen Namen besitzen. Junge Eltern haben dann ein Problem mehr: Je seltener der Name umso teurer. Am Ende hießen alle Hinz und Kunz oder -schlimmer noch- Herbert und Helmine, weil die am billigsten sind.
  • Es gäbe internationale Handelsabkommen für den Import von Wörtern, eine WLTO sozusagen. Die World Language Trade Organisation. Da müssten wir Deutschen erheblich an die Briten löhnen…. Dafür bekämen wir weltweite Entschädigung für unseren „Weltanschauungs-“ und „Blitzkrieg“ Export. Immerhin gäbe es dann neue Jobs für arbeitslose Sprachwissenschaftler. Und für Juristen, denn ein Worthandelsschiedsgericht muss her. Freilich fielen manche Wörter unter ein Exportverbot. Die Sprachschmugglerzunft erwacht.
  • Graffitikünstler würden gleich zweifach verknackt: Für die Beschädigung von Eigentum und für die unerlaubte Nutzung von lizenzierten Schlagwörtern.
  • Für Kreative wäre es die Hölle… für ein paar wenige natürlich ein Segen: Sie müssten Ihre Wörter verkaufen, hätten aber meist nicht die Werbemittel dafür. Die Stars und Sternchen melden gegen Bares ihre eigenen Wörter an. Paris Hilton zum Beispiel „hott“ mit Doppel -t-. Idiosynkratische Begriffe erleben eine wahre Blüte. Trapattoni, bräuchte sich nie mehr über Fusballa (Zé do Rock – dieser „doitsbrasiliana“ würde sowieso zum Superstar) zu ärgern, sondern würde bis zum Ende seines Lebens Lizenzgebühren für „Ich habe fertig“ kassieren. Und das „ich lieb Dich auf der ganzen Welt“ meiner Tochter, würde selbstredend zum Verkaufsschlager und meine (äh, ihre) Rente wäre gesichert.
  • … aber wahrscheinlich würden es die meisten Menschen nicht mehr wagen, kreativ zu sein. Es sei denn, sie haben ein dickes Konto. Die Wohlhabenden würden nicht mehr englisch sondern „exotischere“ Sprachen lernen, weil die billiger sind. (Es gibt eben auch positive Effekte🙂 )  Stars und Sternchen könnten sich eine neue goldene Werbenase holen. David Beckham bekäme 5 Millionen Dollar dafür, dass er Portugiesisch spricht. Portugal kassiert statt der Bodenschätze Brasiliens zu Zeiten des Kolonialismus nun Lizenzgebühren für jedes einzelne Wort von Luís Vaz de Camões weltweit. Speziell die Brasilianer, Angolaner, Mosambikaner, die Leute aus Macau, Sao Tomé und Príncipe und von den Kapverdischen Inseln würden die portugiesische Staatskasse auffüllen. Wobei; wie genau berechnen sich Gebühren für Kreolsprachen? Ein Fall für die WLTO.
  • Sehr arme Menschen müssten mit den insgesamt 80 gemeinfreien Wörtern (+ Hilfe, + Feuer) auskommen (das hält die Bildungskosten niedrig). Die Weltbank würde die Spracharmutsgrenze bei 42 Wörtern festlegen (der Hälfte der verfügbaren gemeinfreien Wörter + Hilfe + Feuer). Wer darunter fällt gilt als absolut spracharm.

So in etwas sähe das aus.

Es ist noch nicht lange her, das war Saatgut gemeinfrei. Es wird auch nicht mehr lange dauern, dann haben wir eine neue Art Klassengesellschaft, eingeteilt in genreiche und genarme Menschen.

Die Geschichte der Commons zeigt, dass sich die Menschen nie vorstellen konnten, was alles privatisierbar ist. Man hat diese „Vorstellungskraft“ über Jahrhunderte gewaltsam ausgeweitet – im Interesse der Verwerter. Erst das Land, dann die anderen natürlichen Ressourcen, Gesundheit, Bildung, Verkehrsinfrastruktur. Schließlich die Bausteine des Wissens und des Lebens, die Institutionen und die Aussichten auf eine lebenswerte Zukunft. Breitbandprivatisierung nenne ich das.

Der post ist inspiriert von einem amüsanten Vortrag von Erin McKean auf dem isummit 2008 in Sapporo. Hier der link zu ihrem Video. Zahlreiche Beispiele und Ideen von McKean sind aufgenommen, andere neu oder kreativ erweitert. Hoch lebe remix!

foto on flickr by Kate A

2 Gedanken zu „Wenn Sprache kein Common wäre

  1. Pingback: Treuhänder als Commoners: eine Einführung in die Gemeingüterdiskussion « CommonsBlog

  2. Daß dieser lesenswerte Beitrag in Bertelsmann-Untertanen-Schreibung verfaßt ist und nicht in deutscher Rechtschreibung, wundert mich schon. Die erkennbare Gleichgültigkeit gegenüber dem Gemeingut Sprache paßt nicht zum Text. Anscheinend ist auch hier nicht vorstellbar, daß man schon dabei ist, das Gemeingut Sprache zu privatisieren. – Ich empfehle noch einmal Icklers Buch „Regelungsgewalt“.

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