Wundermittel Werfenweng

Wir liegen alle noch im Bett, Es ist Sonntag, der 10. August. Draußen hebt sich der Morgennebel. „Ich will nicht nach Hause!“, brummelt jemand verschlafen. „Ich auch nicht.“, seufzt Sekunden später die Kleine. Wir wären gern noch eine Woche geblieben in dieser Perle der Alpen.

In der Stille von Werfenweng, am Talschluß vor dem Tennengebirge im Salzburger Land. So unglaublich die Kulisse („Werfenweng liegt in den Bergen wie ein Säugling in den Händen seiner Mutter.“), so einzigartig das Konzept, auf das ich so neugierig war.

SAMO – Sanft Mobiler Urlaub…. Urlaub vom Auto. 100% Enthastung. Für Leute, die es „schaffen“ ihren Autoschlüssel im Urlaub in der Gemeinde abzugeben. Oder für solche wie mich, die gar kein Auto haben.

Tourismusberater Sebastian Müller hatte die Idee vor Jahren so formuliert: „Es soll keiner mehr mit dem Auto herfahren und wir verlangen Eintritt für die gute Luft. Das wäre dann der erste Ort, der sein Gut nicht herschenkt.“

Dieser „Eintrittspreis“ wird inzwischen in derart charmanter Weise erhoben, dass es dem Besucher kaum bewusst wird. 5 Euro kostet die SAMO Karte pro Person und Urlaub! Was man dafür bekommt, können sie hier nachlesen (Tip: zwei Wochen bleiben, sonst ist Einiges wegen der begrenzten Kapazitäten nicht nutzbar.) Den Rest zahlen die Gastgeber, dh. die SAMO Mitgliedsbetriebe über eine Art SAMO-Taxe an den Tourismusverband. Und zwar für solche Gäste, die SAMO nutzen aber auch für alle anderen! Doch eins nach dem andern.

Seit den 50ern setzt Werfenweng auf Tourismus. Zwischen den 70ern und den 90er mit allem Komfort. Wenn man alle Höfe zusammenzählt, kam man damals auf ein paar Hundert Einwohner … und auf bis zu 200000 Übernachtungen im Jahr. Doch dann schlug die Tauern Autobahn ihre Breschen durch die Alpen und in die Tourismusstatistiken. Fernreisen wurden immer erschwinglicher. Und Sonnengarantie kann Werfenweng einfach nicht bieten. Die Touris rauschten vorbei. Katerstimmung.

„So ein Blödsinn!“, sollen die meisten kommentiert haben, als 1996 der umtriebige Bürgermeister Peter Brandauer– inspiriert von einer Fachtagung über autofreien Tourismus- anfing, das zu denken, was Werfenweng heute so attraktiv macht. Das österreichische Umweltminsterium suchte Modellorte. Gute Konzepte mussten her.

Brandauer setzt sich mit ein paar Vermietern hin und denkt, entwirft und verwirft. Anderthalb Jahre Arbeit und Diskussionen soll es gebraucht habe, ehe die Idee der Sanften Mobilität konkrete Form annimmt. Wieviel Skepsis, Kopfschütteln, Hürden und Finanzierungsprobleme dabei überwunden werden mussten, kann man sich vorstellen.

Ich erfahre vom Ergebnis dieser Bemühungen vor Jahren in irgend einer Zeitung. Seitdem wollte ich dem nachgehen, denn die Botschaft war hängen geblieben. Reiseplanung Sommer 2008. Ich klicke mich durchs Netz. Komme schnell auf Werfenweng und hole ein paar Angebote ein. Wer nicht SAMO ist, wird von unserer Liste gleich gestrichen.

Die Kinder sind spontan begeistert. Dann packt uns das Fieber und wir machen sozusagen alles falsch. Wir wollen Alm-, und Hochgebirgswanderungen machen, Salzburg besuchen, Museen abklappern, die Burg Hohenwerfen, die Eisriesenwelt, das Hybridauto ausleihen (sogar den Führerschein vergessen wir im SAMO Eifer zu Hause). Wir wollen den Liechtensteinklamm kennenlernen, und mit dem ÖPNV bis in die Gletscherwelt am Weißsee fahren…. Die Liste wird immer länger. Meine Tochter schleppt schon ihr Sparschwein an, um die Reisekasse aufzubessern. Wir müssen 14 Tage bleiben, sonst schaffen wir das gar nicht. Dabei sollten wir doch enthasten. Am besten ohne Liste anreisen und „die Zeit formen.“ Na ja, Sanft Mobil urlauben will gelernt sein.

Wir gehören also nun zu jenen, die dafür sorgen, dass seit Einführung des Konzepts 1997 die Übernachtungszahlen um 30 % gestiegen sind. Die Auslastung der SAMO Betriebe ist dabei signifikant höher als die der Nicht SAMO Betriebe. Sie verzeichnen knapp 80% mehr Belegung. Die meisten Gastgeber haben sich der Arbeitsgruppe angeschlossen. Ein Jahrzehnt ist darüber vergangen. Doch noch immer hält die Skepsis oder die Sorge um die zusätzlichen Kosten ein Fünftel der Familien/Betriebe davon ab, diesen Schritt zu gehen.

Wir haben bis zu diesem Sonntag Morgen fast das komplette SAMO Programm genossen. Manches auch anders, individueller gestaltet. Wir haben einen sportlichen, kulturvollen und entspannenden Urlaub erlebt. Aber auch das ein oder andere Problem kennengelernt, das mit diesem Prozess verbunden ist.

Vor allem aber habe ich immer mehr Fragen. Brauche noch mehr Orts- und Personenkenntnis, um ihnen nachzugehen. Woher kommt das nötige Geld – für die Solaranlagen, die Reisebusse oder die sündhaft teuren Elektrofahrzeuge? Apropos: Schonmal BIGÁ gefahren? Aus Fördermitteln freilich. Aber das reicht nicht. Vielleicht für die Anschubfinanzierung aber nicht für ein langfristiges Finanzkonzept. Warum zahlen die Gäste nicht wenigstens 5 EURO pro Woche für SAMO? Also 10 Euro für Gäste, die zwei Wochen bleiben? Das frage ich am letzten Tag Peter Rohrmoser, unseren Gastgeber und Chef der SAMO Angebotsgruppe. „Eigentlich wollen wir dahin kommen, dass die Karte für die Gäste gar nichts kostet.“ Aha.

Der „Eintrittspreis für gute Luft“ ist gewissermaßen im Übernachtungspreis enthalten. Die Frage ist -wie immer bei Allmenden- nicht so sehr ob man zahlt, sondern wer, was, wofür zahlt. Und wer über die Zahlungsbedingungen entscheidet. Meiner Ansicht nach erhalten die Werfenwenger nicht nur ihre Allmende, sondern sie schaffen auch eine neue. Und das kostet Geld.

Wer? In Werfenweng zahlen die Mitgliedsbetriebe und damit indirekt die Touris.

Was? Die Mitgliedbetriebe zahlen ihre bessere Auslastung, die Touristen „zahlen“ die Vorteile der SAMO Karte und den Shuttle Service.

Wofür? Dafür, dass Werfenweng im Kern so bleibt wie es ist – nur mit Hightech-, dafür dass die lokale Allmende erhalten bleibt und noch dazu ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet wird. Scheint mir alles in allem ein sehr guter Deal.

100.000 EURO werden jährlich benötigt, um die bisherige Angebotspalette aufrecht zu erhalten. Mehr, um sie auszuweiten und zu verbessern. Der Shuttle, den wir im kompletten Urlaub kostenlos nutzen (runter ins Salzachtal und wieder hoch, zum Zug, zum Minigolf, zur Burg), folgt einem eigenen Finanzkonzept.

Andere Fragen konnte ich nur streifen: Was verändert das Projekt im Dorf? Was geschieht mit den Bindungen – an den Ort, an die Umgebung, und untereinander? Gibt es Trittbrettfahrer? Wie geht die Gruppe mit Konflikten oder mit Neid um? Nicht nur im Ort, vermute ich, sondern auch in Nachbarorten, die die Tourismuskrise nicht überwunden haben, die kein Modellort sind…

Von den ShuttlefahrerInnen und den Mitarbeiterinnen im Tourismusbüro erfuhr ich, dass immer wieder neue Arbeitsgruppen entstehen. Man findet sich zusammen, um Ideen zu entwickeln oder Probleme zu lösen. Das indische Springkraut z.B. hat es bis nach Werfenweng geschafft. Das muss weg. Verregnete Tage sind eine Problem. Welche Zusatzangebote kann man da machen? Nachbarschaftshilfe, das sagen alle, wird hier ganz groß geschrieben. Zwar war das schon immer so, aber die unzähligen Fragen und Probleme, die im SAMO Kontext miteinander geklärt werden müssen, erhalten und beleben sie auch.

Der Ort wächst aus sich heraus. Neue Häuser überall. Von jungen Einheimischen, die hier bleiben. Ich denke an mein schönes Rhöndorf. Das stirbt aus.

Die Werfenwenger haben noch viel vor. Eine von Brandauers Visionen klingt so: „…von Bischofshofen nach Werfenweng mit der Erlebnisbahn, innerorts mit (solarbetriebenen) Elektromobilen, mit dem Pferdetaxi vom Ort in die Wengerau und mit einer Art Minibahn zum Schigebiet in die Zaglau. Und die Autos der Einheimischen würden alle in einer Tiefgarage stehen.“ Und da gibt es noch den Solarpark, der sich im ständigen Ausbau befindet, und…

Wer also wissen will, wie verantwortungsvoller Umgang mit der lokalen natürlichen, kulturellen (kulinarischen) und sozialen Allmende im digitalen und Solarzeitalter aussehen kann, der wird hier fündig.

Ich gehöre zu denen, die selten an einen Ort zurückkehren. Dafür ist die Welt zu bunt und zu spannend. Zu viel will ich andernorts noch entdecken. Aber Werfenweng ist etwas Besonderes. Ich werde das WinterSAMO testen und meinen Fragen nachgehen.

Fotos: 
Westwand des Tennengebirges: Hans Fischer; Lizenz: CC-BY-SA, http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Tennengebirge_westwand.png
BIGÁ: Tourismusverband Werfenweng - Bernhard Bergmann

Zitate: Alle nicht namentlich gekennzeichneten Zitate aus: Fritz Kalteis/Bernhard Bergmann: Werfenweng, Sanft Mobil auf neuen Wegen. Tourismusverband Werfenweng, 2006.

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