Besser Privateigentum als Open access?

Das International Journal of the Commons veröffentlicht regelmäßig aktuelle Forschungsergebnisse zu den Gemeinschaftsgütern. Marco Janssen von der Arizona State University hat mit einem kleinen interdisziplinären Team (u.a. mit Elinor Ostrom) ein interessantes Experiment durchgeführt. Es unterscheidet sich von klassischen Versuchsanordnungen zu Allmend-Dilemmata:

Die Nutzung einer rivalen, erneuerbaren Ressource (wie z.B. Fischvorkommen) wird unter Simulation räumlich-zeitlicher Veränderungsprozesse erforscht.

Normalerweise treffen die TeilnehmerInnen an solchen Studien 20 – 30 Mal hintereinander gleiche oder ähnliche Entscheidungen. Nur die Bedingungen werden vor jeder Entscheidung leicht verändert. Um die Veränderungen der Verfügbarkeit von Ressourcen in Raum und Zeit simulieren zu können, wurde viel Zeit in die Entwicklung der entsprechenden Software investiert.

Die Reaktion eines Allmendsystems (engl. Common-pool-ressource, CPR) kann nun von den TeilnehmerInnen direkt beobachtet werden. In ihren Entscheidungen können/müssen die Teilnehmer dann darauf reagieren.

„The participants have to decide where to harvest, how rapidly to harvest, and are constrained by the spatial nature of their virtual world.“

Die Hypothesen der Studie:

1. Wenn TeilnehmerInnen die Chance gegeben wird, eigene Ressourcen (ein Drittel ihres Einkommens der ersten „Ernte“) in die Veränderung der Regeln zum Umgang mit der geteilten Ressource zu investieren, dann wird etwa die Hälfte der TeilnehmerInnen die Chance nutzen. Wer sie nutzt, wird mit der Ressource besser umgehen und die Regeln respektieren. Die Veränderung lautet: von Open Access (5 -und damit alle- Gruppenmitglieder haben Zugang zur gesamten Fläche und dürfen abernten) zu Privateigentum (nur einer hat zu einem Fünftel der der Gruppe zur Verfügung stehenden Fläche Zugang und ist dort allein „ernteberechtigt“ ).

2. Wer in diese Regelveränderung investiert, wird seine Ressourcen im „privaten Eigentum“ besser verwalten und ist weniger erpicht darauf, von anderen zu stehlen. (Sanktionsmechanismen existieren. Die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden liegt bei 10%. Je öfter erwischt, desto höher die Strafe.)

3. Die Leistung der Gruppe wird sich nach einer Regeländerung verbessern.

4. Erwartet wird, dass die Performance von Gruppen, die sich freiwillig für eine Regeländerung entschieden haben besser ist als die von Gruppen, denen neue Regeln von Dritten auferlegt wurden.

5. Verändertes Verhalten im Umgang mit endlichen Ressourcen ist direktes Ergebnis einer Regelveränderung, nicht aber Ausdruck eines Lerneffektes des Umgangs mit dieser Ressource.

Während Hypothesen 1-3 durch das Experiment bestätigt werden, ist dies für 4 und 5 nicht der Fall. Letzteres ist relativ überraschend.

Zu Hypothese 1: es waren sogar mehr als 50 %, die sich im Labor für „private property“ entschieden haben:

„most participants mentioned the desirability of controlling their own property and trying to achieve better results for themselves. Only 20 percent of the participants who invested in the rule change mentioned that it would lead to better results for the whole group. For those who did not invest in the rule change, 50 percent did not see a benefit for the private property rule, and 30 percent hoped that a sufficient number of others would invest in the rule change.“

Zu Hypothese 4:

„We did not find a significant difference in appropriation levels between imposed and chosen institutional settings. This contradicts some earlier findings…, who found settings with chosen rules experience higher levels of cooperative behaviour than when rules were imposed. Experience with private property did lead to improved group performance... This… is the result of the more cooperative behaviour of those participants who invested in teh property rule…“

Bisher waren viele Commonsforscher davon ausgegangen, dass das Prinzip der Freiwilligkeit, bzw. der Selbstbestimmung der Regeln für bessere Ergebnisse im Umgang mit natürlichen Ressourcen sorgt. Das muss -so die Ergebnisse dieser Studie- nicht zwangsläufig so sein.
Ich erkläre mir das so: Einsicht reicht – egal woher die Regeln kommen, ob aus der Gruppe oder „von oben“: Wenn sie nachvollzogen und „angeeignet“ werden können, ist das genug.

Auffallend ist, wie weit alle Gruppen (jeweils 5 Personen teilen sich eine erneuerbare Ressource), vom optimalen Kooperationsergebnis entfernt sind.

If genuine coordination and collaboration were occurring, participants would be able to harvest more in a round due to slower harvesting rates. In this situation, however, each participant experiences the temptation to get a higher share by increasing the speed of their own harvesting rate.“

Die TeilnehmerInnen könnten bei optimaler Zusammenarbeit in drei Runden jeweils 550, 1660 und 560 Einheiten einfahren. Aber im Test läuft alles anders. Wer besonders schnell „erntet“, hat besonders schnell abgeerntet. Ich nenne das den Piñata Effekt. Alle stürzen sich auf das, was (noch) da ist. Es bleibt weniger „stehen“. Die Regenerationsrate sinkt. Die Ressource ist schneller verbraucht. Das Einkommen ist am Ende denkbar gering.

Wer im Experiment in einem Drittel der zur Verfügung stehenden Zeit „geerntet“ hatte, hat nur ein Viertel des möglichen Einkommens erzielt.

Übernutzung, so wird in der Studie auch deutlich, ist kein Problem mangelnder Information. Das kennen wir alle vom Klimathema. Wir wissen um die Ursachen und sind dennoch hypermobil.

Insgesamt also eine zur Kontroverse anregende Forschungsarbeit!

Für mich jedenfalls ergeben sich etliche Fragen:

Eine davon wäre: Wieviel Gruppe im Sinne von Menschen, die das gleiche Ziel verfolgen (und sei es als Zweckgemeinschaft) gibt es in solchen Laborkonstruktionen überhaupt? Die Auswahl von StudentInnen für das Experiment und deren Zusammenfassung in Fünfergruppen hat wenig mit dem zu tun, was im Allmendmanagement community genannt wird. Soziale Bindung unter den Gruppenmitglieder scheint kaum zu existieren.

Eine zweite: Was wird in der Studie unter „private property“ – Privateigentum – verstanden?

Mir scheint, es geht hier um Zugang und Bewirtschaftung einer wohl definierten Gruppe (statt open access) versus private Bewirtschaftung (nicht zu verwechseln mit Privateigentum im Sinne des absoluten Eigentums über eine Sache).

Eigentumsrechte sind immer Rechtebündel. Die Nutzungs- und Zugangsrechte also immer nur Teil der Eigentumsrechte. Klar wird, dass durch die Regeln des Experiments Nutzungs- und Zugangsrechte individuell vergeben werden. Unklar aber bleibt, wie es sich mit dem Veräußerungsrecht (m.E. Kern der Definition von Privateigentum) verhält.

Es gibt durchaus Allmendsysteme, bei denen das Veräußerungsrecht an die Gruppe gebunden bleibt, die Nutzung jedoch „privatisiert“ wird. Mir scheint also, das Experiment könnte auch eines sein, welches die Sinnhaftigkeit von Gemeineigentum mit privatem (temporärem) Nutzungsrecht belegt. Wie in einer Gartenanlage oder in der landwirtschaftlichen Nebenproduktion, die ich in der DDR kennen gelernt habe. Der Boden gehörte der LPG. Er wurde teilweise verpachtet und privat von den Bauern genutzt. Meine Grosseltern und Eltern haben sich gehörig gekümmert, und individuell optimal auf Land in Gemeineigentum gewirtschaftet. Dumm nur, dass sie mich schon als Kind in die Bewirtschaftung einspannten. Wäre wirklich nicht nötig gewesen….

foto on flickr by the wandering angel

Ein Gedanke zu „Besser Privateigentum als Open access?

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