Wer Gemeingüter schützt, schützt das Leben!

Jörg hat auf seinem Blog anläßlich der UN Vertragsstaatenkonferenz der CBD einen interessanten Beitrag zum Verhältnis von Natur- und Klimaschutz veröffentlicht. Dieser Zusammenhang war vergangene Woche auch Thema von Hartmut Graßl, einem der prominentesten deutschen Klimaexperten. Graßl hat bereits Anfang der 80er auf den Klimawandel hingewiesen.

Graßl eröffnete am 21.05. in Bonn mit einer Gänsehaut verursachenden Präsentation: Klimaschutz als Gemeingüterschutz eine interdisziplinäre Veranstaltung der Freiburger Kantstiftung in Kooperation mit der hbs: „Gemeingüterschutz zwischen Diversität und Globaler Verantwortung„.

Dort wurde auch das inzwischen von viel Prominenz unterzeichnete Manifest zum Schutz der Gemeinschaftsgüter vorgestellt. (einfach zu handhabende Unterzeichnungsmöglichkeit auf der Webseite der Kantstiftung!)

Klima als Gemeingut zu definieren meint,… sich auf Dinge zu beziehen, die unmittelbar mit dem menschlichen Leben auf dem Globus zusammenhängen, auf Prozesse, die wir alle vorfinden, mit denen wir leben, die wir aber auch beeinflussen: die Energieflußdichte der Sonne, Wolkenbildung und Niederschläge und Oberflächeneigenschaften. Alle klimarelevanten Teile der Atmosphäre, so Graßl, entstammen dem Leben. Sie hängen zusammen mit Pflanzenwachstum, biologischen Kreisläufen und Eingriffen der Menschen.

Klima ist die natürliche Ressource schlechthin. Sie verbindet Luft, Land und Wasser und beeinflußt sie zentral. Und sie verbindet alle Völker. Ergo: Wer das Klima angreift, greift das Leben an.

Teil der Darstellung Graßls waren die Faktoren, die die Energieflußdichte der Sonne bestimmen; die Radiative Forcing Components (hier mit ausführlicher Erläuterung aus den Wikimedia Commons). Gerade die langlebigen Treibhausgase (CO2, N2O, CH4), die bis zu 500 Jahre überdauern, sind ein Problem. Selbst bei sofortigem Emissionsstop, hätten wir mit Langzeitfolgen zu kämpfen. Und gerade bei dieser Gruppe ist der Fehlerbalken (am Ende der bunten Balken im Diagramm) relativ klein. Das ist also weitgehend gesicherte Erkenntnis. In der Summe aller antropogener Einflußfaktoren ist die Erkenntnisunsicherheit zwar größer, aber nicht groß genug, um nicht trotzdem Gänsehaut zu kriegen.

Wie stark Biodiversität und Klima miteinander gekoppelt sind, wird vor allem daran deutlich, dass die Schwundrate der biologischen Vielfalt absolut neu ist. Ebenso neu ist die Geschwindigkeit der Klimaveränderungen. Anders gesagt. Tiere und Pflanzen sind schon immer ausgestorben, schon immer wurde es mal wärmer und mal kälter. Aber nie in so einem Affentempo wie heute. (Graßl verglich das mit den massiven Veränderungen wie sie nach dem Einschlag großer Himmelskörper geschehen.)

Wir kriegen in einem Jahrhundert hin, was die Natur bestenfalls in 10000 Jahren an Veränderung hervorbringt. …Ohne Klimaschutz sind am Ende des 21. Jahrhunderts 20 bis 30% aller bekannten Arten von Tieren and Pflanzen vom Aussterben bedroht. (IPCC Arbeitsgruppe II ‚Vulnerability and Adaptation, 2007)

In Sachen Niederschlagsmengen, die für die Lebensbedingungen entscheidend sind, fasst Graßl unter dem Stichwort „Regionalisierung des Klimawandels“ zusammen:

Wer schon hat, kriegt dazu, wer nicht hat, dem wird genommen. Das bedeutet für viele das Ende der Existenz.

All das mobilisiert auch die Naturschützer für das Klimathema. Kooperation braucht es statt der Sorge, dass ein Thema dem anderen die Show stiehlt.

Doch Graßls Befund: Die CBD, die UN Verhandlungen zur Biodiversität, hinken den Internationalen Klimaverhandlungen unter dem Dach der Vereinten Nationen hinterher.

Hier (im CBD Kontext) wird Biodiversität mit relativ wenig Bezug zur Bedrohung derselben durch Klimawandel diskutiert. Aber Klimawandel und das Thema Artenvielfalt muss man miteinander verbinden… Naturschutz durch Einzäunen funktioniert unter Bedingungen des Klimawandels nicht. Was bringt es, eine Art in einem Naturpark schützen zu wollen, die in 15 Jahren in diesem Gebiet bei veränderten Temperaturen oder Niederschlägen gar nicht mehr leben kann?

Einleuchtend!

Das Rezept: die radikale Abkehr von fossilen Brennstoffen (in diesem Zusammenhang wurde die Frage andiskutiert, ob man statt Nutzungsentgelten nicht lieber auf Nutzungsverzichtsentgelte setzen müsse. In die Richtung geht beispielsweise der Vorschlag der ecuadorianischen Regierung, auf die Ölförderung im Yasuni Nationalpark (Yasuni ITT Treuhandfond-Modell) zu verzichten.) Bis die mexikanische Regierung auf so eine Idee kommt, ist wahrscheinlich halb Yucatán abgesoffen. Also: Wie kriegt man es hin, dass auf Ölförderung verzichtet wird? Noch einmal Graßl:

Wir könnten – obwohl Peakoil bereits erreicht ist und es 2008 zum ersten Mal einen stagnierenden Ölausstoß gegeben hat- nach dem Vorhandensein der fossilen Brennstoffe noch immer die Verdreifachung der CO2 Konzentration erreichen.

Biomasse wird es nicht bringen, da die Energieflußdichte zu hoch ist und wir zum Importen gezwungen wären, was anderswo Boden, Biodiversität, Wasser und Lebensräume zerstört. Die einzige Energiequelle, die genug Watt pro Quadratmeter liefert ist die Sonne und in einigen Lagen der Wind.

Was in der Reflektion auf Graßls Vortrag klar wurde: Es geht in der Debatte um Natürliche Gemeinschaftsgüter vor allem um Dreierlei:

  • Sprengen der Themengrenzen und Interdisziplinarität
  • Gerechtigkeit (Emissionsgerechtigkeit, Zugangsgerechtigkeit, Nutzungsgerechtigkeit)
  • Kosten- und Lastenteilung

Das gilt weitgehend auch für die Diskussion der „neuen commons“, was die Unterschiede zwischen natürlichen Gemeingütern und Wissensallmende nicht verwischt.

Wer natürliche Gemeingüter gefährdet, gefährdet das Leben. Wer die Wissensallmende gefährdet, gefährdet die Freiheit, die Kreativität, die Kultur. Aber der Erhalt und die Erweiterung der Wissensallmende, dient letztlich genau der Entwicklung diverser Anpassungsstrategien, für den Erhalt natürlicher Gemeinschaftsgüter, für den Erhalt des Lebens selbst.

PS: Neben Hartmut Graßl saßen auch der Parlamentarische Staatssekretär im BMU Michael Müller, der Agrarexperte Alois Heissenhuber sowie die beiden Alternativen Nobelpreisträger Vandana Shiva und Pat Mooney auf dem Podium. Shiva hat eine flammende Commonsrede gehalten – die ich hoffentlich bald auf diesem blog komplett dokumentieren kann. Mooney hat interessante Fakten gebracht, welche „enclosure“ (Einhegungs-) Prozesse derzeit, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, laufen und wie damit umzugehen ist. Doch dazu später mehr.

3 Gedanken zu „Wer Gemeingüter schützt, schützt das Leben!

  1. Pingback: Omnia sunt communia « CommonsBlog

  2. Pingback: Vandana Shiva + INKOTA Lesetipp « CommonsBlog

  3. Pingback: Pat Mooney: Breitbandprivatisierung « CommonsBlog

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s