Commons – Substanz unserer Existenz

Der österreichische Standard veröffentlicht heute einen interessanten Beitrag des slowenischen Medienphilosophen Slavoj Žižek: Auf der Suche nach dem Ort der Utopie – Zur Aktualität der 68er Parole: Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche. Dabei nimmt er eine unmittelbar einleuchtende Klassifizierung vor: die commons der äußeren Natur, die commons der inneren Natur und die commons der Kultur. Was Žižek damit meint steht in diesem post, nebst Passagen, die für die Analyse des kapitalismuskritischen Potentials der Commonsdebatte besonders relevant sind:

Wie Luc Boltanski und Eve Chiapello in ihrem Buch The New Spirit of Capitalism gezeigt haben, ist ab den 1970er-Jahren eine neue Form des Kapitalismus aufgetaucht. … Sie entwickelte eine Organisationsform, die auf Netzwerken und der Eigeninitiative der Angestellten basiert. Statt einer hierarchischen, zentralisierten Befehlskette haben wir jetzt… Netzwerke mit einer Vielzahl von Teilnehmern, die ihre Arbeit in Teams und Projekten organisieren und dabei immer die Kundenzufriedenheit und das öffentliche Wohl im Auge haben, an Umweltschutz denken etc.

So hat der Kapitalismus sogar die Rhetorik der radikalen Linken, die Eigenverantwortung für Arbeiter forderte, usurpiert und einen antikapitalistischen (Diskurs) in einen kapitalistischen verwandelt: Sozialismus wurde als konservativ, hierarchisch, bürokratisch verworfen – zugunsten der eigentlichen Revolution des digitalen Kapitalismus.

Erinnern wir uns hier an Lacans Herausforderung an die protestierenden Studenten: „Als Revolutionäre seid ihr nur Hysteriker, die nach einem neuen Herrscher verlangen. Ihr werdet einen bekommen.“ Und wir bekamen ihn – in der Form des postmodernen, „entspannten“ Herrschers, dessen Herrschaft dadurch umso stärker ist, dass sie kaum sichtbar ist. Während viele zweifellos positive Veränderungen diese Umwandlung begleiteten – … -, sollte man doch auf einer harten Frage bestehen: War diese Umwandlung von einem „Geist des Kapitalismus“ zu einem anderen wirklich alles, was die Ereignisse von 68 bewirkt haben, sodass all der trunkene Freiheitsenthusiasmus nichts als ein weiteres Mittel war, eine Form der Herrschaft durch eine andere zu ersetzen?…
Wenn wir mit den Augen von 68 auf unsere heutige Situation blicken, sollten wir das eigentliche Erbe von 68 nicht vergessen. …eine Abkehr vom liberalen, kapitalistischen System, ein lautes Nein zu seiner Totalität.

Die einzige wirkliche Frage heute ist: Unterstützen wir diese Normalisierung des Kapitalismus, oder enthält der gegenwärtige, globale Kapitalismus ausreichend starke Antagonismen, um seine unendliche Reproduktion zu verhindern?

Es gibt zumindest vier solcher Antagonismen: die drohende ökologische Katastrophe, die Unangemessenheit von privatem Eigentum im Falle des sogenannten „intellektuellen Eigentums“, die sozio-ethischen Implikationen der neuen technisch-wissenschaftlichen Entwicklungen (insbesondere die Biogenetik) und, last, but not least, die neuen Formen der Apartheid, neue Mauern und Slums.

Die ersten drei Widerstände betreffen die Domänen, die Michael Hardt und Toni Negri die „Commons“ nennen, die gemeinsame Substanz unserer sozialen Existenz, deren Privatisierung ein gewalttätiger Akt ist, dem nötigenfalls auch mit Gewalt widerstanden werden muss. Einerseits gibt es die Commons der äußeren Natur, die durch Verschmutzung und Ausbeutung (von Rohstoffen bis zu natürlichen Lebensräumen) bedroht werden; die Commons der inneren Natur (das biogenetische Erbe der Menschheit) und schließlich die Commons der Kultur, das unmittelbar sozialisierte „kognitive“ Kapital, besonders Sprache, unsere Kommunikations- und Erziehungsmedien, aber auch die von uns allen geteilte Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs, der Elektrizität, Post etc. Wenn wir Bill Gates erlauben würden, seine Monopolstellung zu behaupten, dann hätten wir die absurde Situation erreicht, dass ein Privatmann buchstäblich die Software-Struktur unseres grundlegenden Kommunikationsnetzes besitzt.

Wir beginnen langsam, die zerstörerischen Potenziale zu begreifen, die entfesselt werden, wenn wir der kapitalistischen Logik erlauben, Amok zu laufen. …
Die Idee der Commons … erlaubt, die fortschreitende „Einschließung“ der Commons als Prozess der Proletarisierung derer zu sehen, die dabei von ihrer eigenen Lebenssubstanz ausgeschlossen werden. Im Kontrast zum klassischen Bild der Proletarier, die „nichts als ihre Ketten zu verlieren haben“, sind wir daher alle in Gefahr, alles zu verlieren: Wir sind alle davon bedroht, zu leeren Cartesianischen Subjekten reduziert zu werden, allen substanziellen Inhalts beraubt, auf genmanipulierter Basis (vgl. diesen Beitrag über aktuelle Forschungsergebnissen zum „genetischen Design von Embryonen“ S.H.) zur in einer lebensfeindlichen Umwelt dahinvegetierend. Diese Bedrohung unseres gesamten Daseins macht uns gewissermaßen alle zu potenziellen Proletariern. (Herv. von mir)

Žižek meint: auf den antagonistischen Widerspruch zwischen Entfaltung der Commons und dem Kapitalismus inhärenter „Einhegung der commons“ hinzuweisen, sei gewissermaßen die Wiederbelebung und Erweiterung der kommunistischen Idee (worüber sich trefflich streiten liese); zwischen Commonism und Communism liegen Welten. Das einzige, was wir angesichts dieser Situation tun könnten, sei präventiv zu handeln, „notfalls mit Gewalt“. Mit der Prävention bin ich einverstanden, die Gewalt würde ich durch „Macht und Autorität“ ersetzten. Die braucht es in Einzelfälllen, wie der Krisensituation des voranschreitenden Klimawandels, um schnell und effizient die Kappung der Emissionen durchzusetzen.

Ansonsten aber ist mir das zu defensiv formuliert, wenngleich sich die Frage stellt, wie weit der Präventionsbegriff gefasst ist. Richard Stallmans vor einem Viertel Jahrhundert geborene Idee der Entwicklung von Freier Software war schließlich auch Prävention, um Gates eben nicht zum alleinigen Besitzer der Software-Struktur unseres Kommunikationsnetzes werden zu lassen. Aber sie war zugleich Motor der Entwicklung alternativer Produktionsmechanismen, die heute mehr als nur die Softwareproduktion betreffen. Und die nicht aus der Defensive agieren, sondern anderen Funktionsprinzipien folgen.

Es gibt auch für die „Commons der äußeren und inneren Natur“ Abertausende Beispiele, die zeigen, dass nachhaltiger, weitgehend autonomer und dezentraler, auf Versorgungssicherheit und Teilhabe fokussierter Umgang mit den Commons möglich ist. Nicht nur als Prävention. Sondern als gelebte Praxis.

Commons als Konzept bergen das Schützenswerte (natürliche Ressourcen, Beziehungsnetze, kulturelle Vielfalt) unter neuen Bedingungen der Entwicklung von Kommunikationsinfrastruktur und der oft unheiligen Allianz von Bio- und Informationstechnologien.

Foto on flickr by andimiah

4 Gedanken zu „Commons – Substanz unserer Existenz

  1. Pingback: Slavoj Žižek über Commons — keimform.de

  2. Pingback: Omnia sunt communia « CommonsBlog

  3. „Abertausende Beispiele, die zeigen, dass nachhaltiger, weitgehend autonomer und dezentraler, auf Versorgungssicherheit und Teilhabe fokussierter Umgang mit den Commons möglich ist. Nicht nur als Prävention. Sondern als gelebte Praxis.“

    Hm, angesichts der Herausforderungen sollte diese Praxis schnellstmöglichst umfassend genug zu sein, um den Flüchtenden dieser Welt Auswege zu bieten (vor allem bei uns, damit wir die Praxis der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen beenden können).

    „Abertausende…“ scheinen da nicht zu reichen… was fehlt denn noch?

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