Zeit ist ein Commons

„Der Mensch hat keine Zeit, wenn er sich nicht Zeit nimmt, Zeit zu haben.“

Das fand ich heute in meiner mailbox (Quelle unbekannt). Ich erinnerte mich an die Zeitbank, die mit ihrem ZeitBank NetzWerk Menschen zusammen bringt; und zwar nach der einfachen Formel: ‚Ich schenke Dir eine Stunde, Du schenkst mir (oder einem Dritten im Netz) eine Stunde‘.

Die „Bank“ konzentriert sich vor allem auf… soziale Dienstleistungen, die – sofern keine Gegenleistung erbracht werden kann- mit 7,50 Euro entlohnt werden. Die Idee ist, Zeit zu einer inflations- und abgabenfreien Z(w)eitwährung macht.

Dafür wurden die Initiatoren 2006 mit dem ersten Preis der Bürgerstiftung Zukunftsfähiges München ausgezeichnet.

Eine prima Initiative zur Belebung der Allmende, wie ich finde. Und zwar aus zwei Gründen:

1. Wenn es richtig ist, dass intakte natürliche, kulturelle und soziale Ressourcen -vitale commons- vor allem dort erhalten oder erweitert werden, wo Menschen eine Beziehung zu ihrer natürlichen und sozialen Umgebung haben und wo die Beziehungen der Menschen untereinander intakt sind, dann ist alles, was dem solidarischen Miteinander und dem Eingebundensein der Einzelnen dient, gut für die Allmende.

2. Eine der folgenreichsten Überzeugungen der Moderne ist, seit John Locke, die Kopplung der Idee der Freiheit an die des Privateigentums im Sinne der absoluten Verfügungsgewalt über Sachen. (Die Lockschen Bedingungen, die diese Verfügungsgewalt einschränken, geraten da schnell ins Hintertreffen.) Die Berechtigung, etwas privat anzueignen, ergibt sich in klassisch liberaler Tradition aus der Arbeit. Arbeit schafft Eigentum. Wer etwas bearbeitet, fördert, umformt, „ist so frei“, es sich aneignen zu dürfen.

Das ist ein Problem, denn  warum sollte das rohe Öl, nur weil es gefördert würde; das Wasser, nur weil es der Quelle entnommen wurde oder die von anderen weitergegebenen Wissensschätze, die der eigenen Kreativität und Produktivität den Boden bereiteten, gleich mit in Geiselhaft genommen werden?

Würde es nicht reichen, wenn man die Arbeit selbst -so gerecht wie möglich- und die getätigten Investitionen bezahlt? Nicht aber die Ressourcen selbst? Den Wert dieser müssten jene, die sie bearbeiten, eigentlich der Gemeinschaft zurück zahlen, damit Allmende Allmende bleiben. Das wären sprudelnde Einnahmen für die stets klammen öffentlichen Kassen.

Doch zurück zur Frage, wie Arbeit gerecht entlohnt werden kann. Die Zeitbank sagt; das beste Maß ist die aufgewendete Zeit. Jede Stunde -gleich ob Begleit- und Besuchsdienste, Reparatur- und Haushaltshilfen, Unterstützung schulpflichtiger Kinder- ist gleich viel wert.

Das Schöne daran: mir ist die von einem Handwerker geleistete Stunde zum Aufbau meiner Möbel viel mehr wert, als die von mir gegebene Nachhilfestunde in Spanisch oder Französisch. Letzteres mache ich mit links. Ersteres bringt mich tendenziell zur Verzweiflung. Und gratis dazu gibt’s die Chance, nette Menschen kennen zu lernen. Weil „Zeit“ füreinander das Miteinander stärkt, hoffe ich, dass das Beispiel Schule macht.

PS: Hat nicht jemand Zeit, die Internetpräsenz der Zeitbank etwas aufzupeppen?

Foto: by bogenfreund on flickr

6 Gedanken zu „Zeit ist ein Commons

  1. Das Konzept ist schon ein bisschen älter und fand vor 5-10 Jahren so viel Aufmerksamkeit, dass erwogen wurde, auf diese „Parallelwährung“ auch Steuern erheben zu müssen. Formell wohl irgendwie richtig, aber keine gute Wahlwerbung…

    Ob das dann unter „Nachbarschaftshilfe“, „Service-Tausch“ oder eben „Zeitbank“ läuft, ist egal.

    zeitbank.de stellt sich allerdings mit einem erschreckend unprofessionellen Internetauftritt dar, dass ich so meine Zweifel habe.

  2. Diese ganzen Tauschringe usw. kranken doch an einem grundlegenden Problem: Nicht die Art der Produktion steht im Mittelpunkt, sondern wie man sich am (wenn auch reformierten) Markt plaziert.

    Gerade aus Commonsperspektive müsste das doch uninteressant sein, schliesslich ist der Witz an den Commons doch gerade (wie ich von Dir gelernt habe), dass das „Wie, Womit und Was“ der Produktion wieder im Mittelpunkt stehen sollte.

    Das muss jetzt nicht heissen, das man das nicht machen kann aber als besonders wegweisend empfinde ich diese ganzen Ansätze nicht.

  3. Jein, Benni, kann den Einwand nachvollziehen aber mein Punkt war nicht zu sagen: Das WER (also die Eigentumsfrage zu stellen) sei nicht wichtig, sondern: Die Eigentumsfrage zu stellen und so commonsverträglich wie möglich zu beantworten (i.S.v. Besitz statt absolutes Herrschaftseigentum) ist notwendig, aber nicht hinreichend! Es kommt ZUDEM darauf an, wie mensch mit den Dingen umgeht, also wie, womit und was er produziert.

    Bei Ansätzen wie dem der Zeitbank finde ich das WIE bemerkenswert. Nicht weil sie neu oder „wegweisend“ sind, sondern weil sie nichts kaputt machen; im Gegenteil: sie tragen zum Erhalt von Gemeinsinn bei.

    @dunkeltron:
    natürlich ist das Konzept ein bisschen älter und kommt weltweit in allen möglichen Varianten vor. Interessant finde ich z.B. auch die Ithaca Hours, die gegen Arbeitsstunden eingetauscht werden. Auch hier ist jede Form der Arbeit gleich viel wert. Oder die Sektorialwährung fureai kippu im japanischen Gesundheitswesen als Einheit für eine Stunde Pflegearbeit. Die geleisteten Stunden können weitergegeben oder angespart werden um selber im Alter Pflegeansprüche zu erwerben. Wer diese „Währung“ dem Geld vorzieht, setzt -wohl eher intuitiv- auf das, was bei Gemeinschaftsgütern zentral ist: Die Bindungen der Menschen zueinander nicht auszuschalten.
    Diese Ansätze mobilisieren die Menschen UND die Gemeinschaften, und das rückt die gesellschaftliche Entwicklung ein Stück näher in die Richtung, die wir brauchen.
    Woher sie kommen, wodurch sie inspiriert sind, wer konkret sie in die Welt setzt… das ist interessant zu wissen, aber aus meiner Perspektive nicht der entscheidende Punkt.

  4. Inwiefern genau machen Zeitkonten weniger kaputt als Geldkonten?

    Ich bin auch aus dem was ich aus der Praxis von Tauschringen mitgekriegt habe, alles andere als überzeugt.

  5. Deswegen:
    „Wer diese “Währung” dem Geld vorzieht, setzt -wohl eher intuitiv- auf das, was bei Gemeinschaftsgütern zentral ist: Die Bindungen der Menschen zueinander nicht auszuschalten.“

    Es gibt dann eben noch etwas ganz Banales: Kontakt zueinander. Neben der Nichthierarchisierung von Leistung, dadurch dass jede Arbeitsstunde gleich viel wert ist, obwohl sie subjektiv sehr unterschiedlich bewertet wird.
    Zeit als einzig gerechtes Maß anzusehen geht natürlich nicht immer. Christian Siefkes geht deshalb im Peer Economy Konzept auch zu recht viel differenzierter mit diesem Punkt um. Aber im Bereich Pflege und Dienstleistungen „von Mensch zu Mensch“ – so wie das im vorgestellten Projekt der Fall ist- scheint mir der Ansatz stimmig. Da ist es mir allemal lieber, es tritt mir jemand gegenüber, der sich für dieses Modell entscheidet, als eine Automat, der mit Münzen oder eine Bürokratie, die mit Berechtigungsscheinen funktioniert.

    So divers wie die commons sind eben auch die möglichen Lösungen. Das ist beileibe kein Plädoyer, die gesamte Wirtschaft so zu organisieren.

  6. Pingback: Junimail vom Commonsblog : www.who-owns-the-world.org

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