„Etwas Revolutionäres ist im Gang!“

Zur Lage der Welt II

Vor ein paar Wochen habe ich hier auf den Bericht des Worldwatch Institute „Zur Lage der Welt“ hingewiesen. Die deutsche Fassung Buch wurde am 22.04.08 von der hbs und Germanwatch in Berlin vorgestellt:

Ein schneller, stark gekürzter Blick auf den Inhalt:

  • Die Grundlagen einer nachhaltigen Wirtschaft schaffen
  • Neue Ziele für den Fortschritt
  • Unsere Produktionsweise überdenken
  • Eine kohlenstoffarme Wirtschaft aufbauen
  • Die Gemeinschaftsgüter als Parallelwirtschaft
  • Wie sich Gemeinschaften für eine nachhaltige Welt engagieren

Habe das Vorwort der deutschen Fassung gelesen, das vielversprechend beginnt:

„Wenn Historiker einst auf das Jahr 2007 blicken, werden sie mit diesem Jahr möglicherweise einen Paradigmenwechsel in der internationalen Politik verbinden“. (Herv. S.H.)

„Etwas Revolutionäres ist im Gang“ fördert noch dazu die Pressemitteilung der hbs das Leserinteresse.
Doch ein Paradigmenwechsel ist in dem von Ralf Fücks (Böllstiftung) und Kristina Steenbock (Germanwatch) verfassten Text nur schwer auszumachen. Vielmehr gerät er zu einem Kurzaufschrieb ökokapitalistischer Programmatik.

Das Klima droht zu kippen, der Klimawandel ist zum Top Sicherheitsthema avanciert. Das ist in der Tat DIE drängendste und gewaltigste „Herausforderung für den Umbau der Industriegesellschaft“.

Paradigmenwechsel meint hier:

…den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise zu vollziehen, die auf Energieeffizienz, erneuerbaren Energien und geschlossenen Stoffkreisläufen basiert.

Dem Stern-Report folgend, ist aus Sicht der Autoren die Rentabilität ökologischen Wirtschaftens das Kernargument, warum diese Transformation gelingen kann ist. Es gibt der Vision vom „grünen Wirtschaftswunder“ Nahrung.
Die Instrumente: Staatliche Ordnungspolitik mit verbindlichen „Zielvorgaben für Unternehmen und Verbraucher“. Eine regulierte Marktwirtschaft.

Bei solchen Aussagen denke ich immer an Mexiko oder an El Salvador, wo ich einige Jahre gelebt habe. Da greift der Staat auch regulierend ein, zugunsten von Carlos Slim beispielsweise, dem zweitreichsten Mann der Welt, der den gesamten Telekommunikationsbereich und den halben Einzelhandel monopolisiert hat. Oder um PEMEX, die staatliche Erdölgesellschaft, in einer Weise zu melken, dass das Geld für den nächsten Wahlkampf reicht. Überparteilich versteht sich.

Aus der (wenig fruchtbaren aber nach wie vor beliebten) Polarisierung Markt versus Staat wird in der Vision von der ökologischen Marktwirtschaft das Amalgam „Staat + Markt“. Das lässt sich überhaupt nur aus den Kernländern sozialer Marktwirtschaft denken.

Die Autoren lösen sich in ihrer Einführung zum Sammelband über „Die Lage der Welt“ leider kaum vom Blick auf die USA oder auf die Segnungen kapitalistischer Sozialstaatlichkeit. In dieser naturressourcenzentrierten Perspektive gibt es keine Ernährungskrise, keine Zerstörung sozialen Zusammenhalts, keine fortschreitende Landnahme immer neuer, immer intimerer Lebensbereiche, keine Durchkommerzialisierung von Bildung, Gesundheit, Kultur und Denken.

In dieser Perspektive gibt es keine Krise des Kapitalismus, sondern eben nur eine Krise der Ökologie, dem der Markt – staatlich eingehegt – beikommen wird; denn, so die AutorInnen, er hat sich als lernfähig erwiesen und bisher noch jede Krise gemeistert.

So zentral die „ökologische Modernisierung des Kapitalismus“ flankiert von „Corporate Social Responsibility“ wachsamen NGO oder multistakeholder Netzwerken ist; so topaktuell wie der von Fücks/Steenbock konstatierte

„Innovationswettlauf für mehr Ressourceneffizienz und umweltverträgliche Produkte“ + Institutionalisierung des Umweltschutzes“

daher kommt: Einen Paradigmenwechsel kann ich hier nicht ausmachen. Das neue Paradigma „im Schoß des Alten“ heißt hier nach wie vor: Wettbewerb, Wachstum, Staat+Markt. Da ist mehr alter Schoß als zukunftsweisende Vision.

Es greift zu kurz, unter anderem weil das Konzept der Grünen Marktwirtschaft den Wandel zur Wissensgesellschaft unterschätzt, wie Dietmar Lingemann und Lisa Paus in diesem taz Artikel Weg von der Ressourcenfrage kurz und bündig darlegen. (Sehr lesenswert!) Zitat:

Angesichts dieses globalen Wandels ist das Projekt „Grüne Marktwirtschaft“ viel zu eng gefasst. Es ist zwar verständlich, dass die Grünen die Ressourcenfrage in den Mittelpunkt stellen wollen, … Aber sie würden sich von den zukunftsweisenden Debatten abkoppeln, wenn sie sich nur auf die „neuen Knappheiten“ bei den Rohstoffen konzentrieren. Die Ressourcen sind bei der gesamten Wertschöpfung relativ unwichtig. Nur 1 Prozent beträgt der durchschnittliche Materialwert in einem Auto, Handy oder Fernseher. Wichtig ist aber, die Dynamik der restlichen 99 Prozent zu verstehen.“

Auch hier bin ich skeptisch, nicht was die Grundaussage, aber was die 99 Prozent angeht. Denn auch das gilt nur in einem bestimmten Teil der Welt.

Die Konzentration auf die Ressourcenfrage mit marktwirtschaftlichen Instrumenten greift zudem zu kurz, weil sie den Zusammenhang zwischen dem Erhalt von Sozialstruktur, Kultur und natürlichen Ressourcen weitgehend ausblendet.

Die Diagnose bestimmt aber im Wesentlichen das Rezept. Wenn die Diagnose hinkt, kann auch die verordnete Medizin nur Symptome lindern. So ist an der im Text favorisierten Idee, „What gets measured gets done“ etwas dran. Aber eben nur solange wir uns in konsequent marktwirtschaftlichem Denken bewegen. Solange wir davon ausgehen, dass alles bepreisbar ist. Die neuen Allmendbewegungen (wie die alten Ehrenamtsstrukturen) beweisen aber hinlänglich und im großen Maßstab, dass mehr gemacht wird, als „gemessen“ und gezahlt werden kann.

Ein neues Paradigma wäre für mich: Kooperation statt Wettbewerb, „Wirtschaften für das Leben“ statt „Wirtschaften für das Wachstum“, Commonsbasiertes Wirtschaften als konsequente Refinanzierung und Regenerierung aller Allmende, nicht nur Erhalt der natürlichen Ressourcen. Und zwar durch Stärkung der dafür zentralen Akteure: Vitalen communities – jenseits von Markt und Staat.

Schade, dass im Vorwort zu einem internationalen Report, der die Commons als Paradigma auf die Tagungsordnung setzt, nicht über bereits bekannte Programmatik zum Ökokapitalismus hinaus gedacht wird.

Übrigens: Das englische Original ist in bester Commonstradition nun online (wann schließen sich die deutschen Herausgeber an?). Hier der Link. des gesamten Werkes und der Artikel von Erik Assadourian: Engaging Communities for a Sustainable World und John Rowe: „The Parallel Economy of the Commons“

Ein Gedanke zu „„Etwas Revolutionäres ist im Gang!“

  1. Pingback: Stellt die Bodenfrage « CommonsBlog

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