Die Wissens-Ökologen von morgen

Die Heinrich Böll Sfiftung hat einen Reflektions- und Diskussionsraum für „die Ökos von gestern und die Softwarefreaks von heute“ eröffnet. Das ist natürlich rein chronologisch gemeint. Beide gemeinsam stelle ich mir vielmehr als veränderungsmächtige politische Bewegung der Zukunft vor (dazu unten mehr).

Hier der komplette fast 200-minütige Mitschnitt des Ersten Salongesprächs vom 10. April 2009 (Dank an Markus Beckedahl -selbst Salongast- und an das Team von Newthinking). Hier folgt ein kurzer Gang durch das Gespräch…

Der Informationswissenschaftler Rainer Kuhlen hat -den Titel des posts inspirierend- bereits vor Jahren den Begriff der Wissensökologie ins Spiel gebracht, der auch im Rahmen des Interdisziplinären Salons „Zeit für Allmende“ noch eine Rolle spielen wird. Ob Commons, Gemeingut, Allmende, Wissensökologie oder was auch immer: über einen kommunikationsstarken Begriff für die öffentliche Debatte und für politische Programmatik wird noch nachzudenken sein. (Weder „Gemeinschaftsgüter“ noch „Allmende“ haben bislang eine große Fangemeinde).

Der Politische Salon ist ein Dialogprozess zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft, den Barbara Unmüßig (Vorstand hbs) während der Eröffnung als „ergebnisoffenes Abenteuer“ bezeichnet. Die Idee ist, miteinander auszutesten, „ob die Debatte um Gemeinschaftsgüter als politisches Konzept für die Zukunft taugt“ (Unmüßig).

„Was kennzeichnet die Allmende? Gibt es einen gemeinsamen Kern des Widerstands gegen die Wasserprivitatisierung, gegen die gentechnische Manipulation von Saatgut, gegen die Einzäunung des Wissens oder für den Erhalt der Klimastabilität, eine Idee, die größerer politischer Bündnisfähigkeit führt?“ (Anmoderation S.H.)

Die Einstiegsthese der Salongastgeber ist, dass das Konzept der Allmende diese Integrationskraft besitzt. Sie auszuloten ist Anliegen der Salongespräche. Und dafür braucht es Kontroverse. Die gab es!

Inge Kaul meint angesichts der Frage nach den Gemeinsamkeiten von natürlichen Ressourcen und Software: „Man kann nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.“ Natürliche Ressourcen sind „rivalisierend“, Software und kulturelle Ressourcen hingegen nicht. Diese Unterscheidung ist richtig und essentiel und dennoch macht Ulrich Steinvorth in seinem Einstiegsbeitrag genau das. Er vergleicht. (Siehe dazu den gestrigen post auf diesem blog.)

Aber, fragt Inge Kaul:

„In der Realität können wir Güter relativ leicht hin- und herbewegen – von der öffentlichen in die private Sphäre und umgekehrt…. Wie kommt es dann eigentlich dazu, dass etwas öffentlich oder privat ist?“ Sie liefert die Antwort gleich mit: „Das ist in jedem Fall unsere Entscheidung! Und da kommen wir ganz schnell zu der Frage: Wer trifft politisch die Entscheidung darüber, was öffentlich oder was privat ist?“

Commons diskutieren, so wird hier deutlich, heißt die Machtfrage stellen. Das Thema Macht wurde für weitere Salongespräche auf die Tagesordnung gesetzt.
Der Alternative „öffentlich oder privat“ fehlt jedoch noch ein Drittes: Die kollektiv/gemeinschaftlich definierten Regeln und Grenzen. Commonsdiskurse bewegen sich jenseits der Dichotomie von Markt vs. Staat, von Kooperation vs. Konkurrenz, von rivalisierend vs. nichtrivalisierend, von öffentlich vs privat. Diese Kategorien sind notwendig und erhellend, aber nicht hinreichend.

Bei jeder Überlegung, welche Nutzungsmöglichkeit, von wem für wen zugelassen oder ausgeschlossen wird, stellt sich zuerst die Frage. um welche konkrete Ressource mit welchen konkreten Eigenschaften es geht. Ob um Wasser oder Wissensbestände, ob um Software oder genetische Ressourcen, ob um eine endemische Tierart oder die Stabilität des Klimas.

Dabei gibt es viele Klassifizierungsmöglichkeiten, nicht nur ökonomische: Während des Salongesprächs wurden u.a. benannt:

  • Sind Güter rivalisierend oder nicht rivalisierend?
  • Sind sie exklusiv oder nicht exklusiv?
  • Wo kommen sie vor? Lokal – regional – global oder in Kombination verschiedener Ebenen?
  • Unterscheidung nach Größe und Charakter der Gemeinschaft, die zu dem Gut in Beziehung steht: Gibt es eine solche, ist sie lokal verankert, ist es eine Nation, eine nicht ortsgebundene globale Gemeinschaft, wie die der Freien Software, oder die gesamte Menschheit?)

Wenn wir diese (und andere) Fragen kombiniert beantworten -und nur dann – entsteht ein differenziertes Bild von Gütern, das zumindest Orientierung gibt, um die richtigen Managementinstrumente und entsprechende Formen der Institutionalisierung zu identifizieren. Darum wird es in späteren Salongesprächen gehen.

Klar wurde allerdings schon jetzt, dass die Instrumente so divers sein müssen wie die Allmende. Sie sind zudem hochgradig abhängig von der jeweiligen historischen, sozio-ökonomischen und politischen Situation. Was in Deutschland geht (z.B. einige Umweltgüter dem (Rechts-) Staat anzuvertrauen), wirkt in Mexiko blauäugig.
Das Verbindende ist hier das gemeinsame Ringen um eine politische Entscheidung, die dreierlei garantieren: Zugangsgerechtigkeit, allmenderhaltende oder -fördernde Nutzungen und Gerechtigkeit in der Verteilung der Dinge, die -aus den Allmenden schöpfend – hergestellt wurden.

Exklusivität im Zugang, darauf hat Rainer Kuhlen hingewiesen, ist dabei die eigentlich umkämpfte Ebene. Wenn man sich Zugangs(un-)rechte anschaut, dann werden zentrale Unterschiede im Umgang mit Ressourcen schnell offensichtlich. Freier Zugang zu natürlichen Ressourcen ist ein Problem. Freier Zugang zu Wissensallmenden nicht. Das Kriterium des „rivalisierenden Guts“ hingegen verführt schnell zu der Aussage: „Wissen kann man nicht verbrauchen, weil es nicht endlich ist. Also ist das Problem der Wissensallmende nicht so groß wie das der natürlichen Ressourcen.“

Wissen kann aber durch künstliche Zäune und Zugangsbarrieren rivalisierend gemacht werden. Es wird künstlich verknappt. Mit aktuellen Beispielen, wie diese künstliche Verknappung stattfindet, haben Kuhlen und andere Salongäste schon ganze Bücher und Webauftritte gefüllt. Die Restriktionen im Zugang zu Wissen und Kultur können sogar so groß sein, dass auch die Wissensallmende (genau wie die natürlichen Ressourcen) erodieren und verschwinden.

Anders gesagt: auch künstlich hergestellte Rivalität bei unendlich verfügbar scheinenden Gütern kann das Aus der Allmende bedeuten. Nicht nur „reale Endlichkeit“! So wird aus dem Unterschied bei genauer Betrachtung ein weiterer Berührungspunkt.

Prinzipiell aber gilt. Wenn immaterielle Ressourcen (Sprache, Wissen, Informationen) für alle zugänglich und nutzbar bleiben, verbrauchen sie sich nicht. Sie werden eher mehr. Aber der Zugang zu natürlichen Ressourcen muß beschränkt werden, um deren Erhalt zu sichern. Das kann man durch extrem ausschließende Zugangsrechte lösen, oder man kann Zugangsrechte an bestimmte Nutzungen binden: An Nutzungsformen die gewährleisten, dass Ressourcen nicht ver-, sondern nur gebraucht werden. Damit sind wir beim nächsten Punkt, auf den besonders der Theologe Ulrich Duchrow hingewiesen hat:

Dem der Differenzierungen des Eigentumsbegriffs. Duchrow erinnert an den Begriff des Nutzungseigentums. Ressourcen zum Leben und Produzieren, nicht zum ver- und missbrauchen. Letzteres ist dem Privateigentümer aber i.d.R. gestattet.
Bertram Keller, Rechtsphilosoph, unterstreicht in ähnlicher Absicht:

„Keines dieser Allmende lässt sich wirklich gut mit dem klassischen Eigentumsbegriff in den Griff bekommen“ – dh. es gibt keine Zuordenbarkeit einer Sache zu EINER bestimmten Person“.

Das Problem: Nach diesem klassischen Eigentumsverständnis, so erläutert Duchrow rekurrierend auf die römische Rechtsgeschichte, hat sich die Idee des „dominium“ als absolutes Herrschaftseigentum, in den europäischen Verfassungen verfangen. Dieses Eigentumsverständnis muss hinterfragt werden.
Einwand: Es gäbe doch die Sozialpflichtigkeit des Eigentums (freilich nicht überall, aber zumindest in Deutschland).
Doch erst nachträglich, als Ergebnis sozialer Kämpfe, wurde mit Paragraph 14.2 GG dem Gemeinwohlproblem im Kontext des Eigentumsrechts Rechnung getragen. Die Grünen machen nun die Forderung auf: „Wissen verpflichtet“, ergänzt Malte Spitz, Parteiratsmitglied von Bd.90/Grüne. Eine Forderung, die sich auch die Ökobewegung zu eigen machen sollte.

Doch soviel Einigkeit war nicht: Im Salongespräch wurden mehrfach Zweifel geäußert, ob man „da nicht alles in einen Topf werfe“. Petra Buhr vom Netzwerk Freies Wissen indes glaubt, dass dieses Zusammenbringen der Allmendbewegungen politisch fruchtbar wirkt. Mit Bezug auf den Vergleich der Wissensallmende mit dem Prozeß der Landnahme sagt sie:

„Das ist wichtig, damit der Vorgang klar wird. Damit klar wird, was um uns herum, was mit dem Wissen passiert. Der Vergleich mit der Landnahme ist gut, weil er deutlich macht, wie der Prozess der Privatisierung historisch fortschreitet …von einem Gut zum anderen.“

Immer mehr Kulturgüter werden der Privatisierung unterworfen, ein Ende zeichnet sich nicht ab.

Fragen zum Begriff und unserem Verständnis von Gemeinschaft, nach dem „wir“, das sich um eine Ressource kümmert (oder kümmern sollte), werden beim nächsten Salon intensiver aufgegriffen. Klar wurde jedoch: die Gemeinschaften sind so divers wie die Ressourcen, von denen die Rede ist.

Wie kann man Interessensgruppen überhaupt ausmachen? Können wir bei den unterschiedlichen Ressourcenkonflikten all jene benennen, die mit diesen enclosures (den Patentierungen, Privatisierungen, Einhegungen, technologischen Schranken) nicht leben können?

Der Blick auf die Vielfalt der Allmende verbindet sich immer mit dem Blick auf die Heterogeneität der Interessensgruppen. Doch, so Rainer Kuhlen, das Interessante ist, dass

„durchaus heterogene Interessensgruppen, am Ende ein gemeinsames Interesse haben. Der Jäger hat auf einmal das gleiche Interesse wie der Spaziergänger, und dieser hat das gleiche Interesse wie die Holz- und Möbelindustrie, nämlich den Wald zu erhalten, aber aus völlig unterschiedlichen Motivationen heraus.“

John Weitzmann von Creative Commons hingegen, erläutert am Beispiel von Creative Commons und Freier Software Bewegung diese unterschiedlichen Handlungsmotivationen. Er kommt zu dem Schluss, dass es „die Allmendebewegung“ so nicht gibt, Doch diese vielfach betonten unterschiedlichen Motivation scheinen nicht das Problem, solange es Konvergenz auf der Zielebene gibt.

Solange die gemeinsame Richtung stimmt und am Ende der Schutz, Erhalt und die Erweiterung der Allmende steht. Das durchzusetzen gelingt am besten gemeinsam.

foto by lapidim on flickr

6 Gedanken zu „Die Wissens-Ökologen von morgen

  1. Pingback: 2. Politischer Salon “Zeit für Allmende” « CommonsBlog

  2. Pingback: Junimail vom Commonsblog : www.who-owns-the-world.org

  3. Hallo!

    Ich habe auch großes Interesse an dem Mitschnitt, den ich unter dem angegebenen Link nicht finden kann. Irgendeine Möglichkeit?

    Grüße Tina

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s