Kulturrevolution auf Brasilianisch

Von Gilberto Gil hörte ich zum ersten Mal 1991; die größte Entdeckung meiner ersten Nachwendereise in den Süden war die brasilianische Musik. Edson Cordeiro, Milton Nascimento, Maria Bethania … Gilberto Gil. Sanfte Rückkehr nach Deutschland mit genialer Musik im Ohr. Heute ist Gil brasilianischer Kulturminister; und „minister of cool“ (Foto) punktet als Politiker ebenso wie als Musiker. Gil hat die Freie Software zur Chefsache erkoren. Wie es dazu kam und was es mit dem „brasilianischen Sonderweg“ auf sich hat, ist u.a. in diesem Artikel von Armin Medosch nachzulesen. Zitat:

„Einzigartig ist … nicht, dass sich die Regierung für FLOSS engagiert, das tun inzwischen auch andere Regierungen, sondern, dass FLOSS als Kultur und nicht nur als Technik aufgefasst wird.“

Was das heißt verdeutlichen am ehesten… die so genannten „pontos de cultura“. Das Auswärtige Amt übersetzt den Begriff mit „kulturelle Pole“. In den Medien findet sich auch die Übersetzung „Kulturhotspots“ (na ja). Kleine Kulturinitiativen, insbesondere aus den favelas, unterzeichnen einen Kooperationsvertrag mit Gils Ministerium, erhalten Geld, Fortbildung und Vernetzungsangebote.

Die Fördersumme scheint nicht mal bescheiden: 185 Tsd Reais (das sind derzeit 67 Tsd Euro) in 5 Tranchen über zweieinhalb Jahre je nach Projektfortschritt. 20 Tsd Reais Mindestanschubfinanzierung, u.a für den Erwerb von Computern, Brennern, Schnittplätzen.

Einer der Punkte, die das Programm so einzigartig machen: Alle „pontos de cultura“ arbeiten mit Freier Software. Das Konzept dafür wurde mit politisch aktiven Hackerkollektiven entwickelt. Die ethischen Prinzipien der Freien Software Bewegung finden so ihre Orte der Praxis im ganzen Land. Freie Software darf genutzt, verändert, weitergegeben werden… aber sie muß immer frei bleiben. Sie ist der Schlüssel zum Zu- und Umgang mit Information. Die auch frei bleiben muss.

Über 650 solcher Kulturzentren -als Teil des Programma Cultura Viva (Lebende Kultur)- soll es schon geben. Ihre Aufgabe:

„articular e impulsionar as ações que já existem nas comunidades“

…also Initiativen und Aktivitäten, die in den comunidades bereits existieren, unterstützen und miteinander verbinden. (Quelle: Ministerio da Cultura, Brasil)

Es geht um zwei Dinge: Dezentralisierung und Demokratisierung des Kulturmanagements aus der comunidad für die comunidad. Die Zugangsbarrieren für kreatives Miteinander sollen so nach unten gebeamt werden. Das stellt soziale Bindung her, stärkt die Gemeinschaften.

Die Verknüpfung mit Softwarelösungen, die eben diese Idee in sich tragen, nämlich Software(-quellcodes) und Informationen für alle offen halten und so der kollektiven Weiterentwicklung (von software und community) zur zu Verfügung stellen, mutet im Grunde nur folgerichtig an. Und doch scheint es eine kleine Kulturrevolution.

Zumindest auf dem Papier, denn ob und wie die „pontos de cultura“ mittel- und langfristig funktionieren, darüber wird noch viel in Erfahrung zu bringen sein. Ministeriale Pläne sind schließlich das Eine, brasilianische Realität das Andere. Kommentare und Aktualisierungen dazu sind sehr willkommen.

Foto: Gil e o agogo by capitu on flickr.  

3 Gedanken zu „Kulturrevolution auf Brasilianisch

  1. „Freie Software darf genutzt, verändert, weitergegeben werden… aber sie muß immer frei bleiben.“

    Der letzte Teil ist nicht richtig, das gilt nur für Freie Software, die unter einer Copyleft-Lizenz steht, wie z.B. die GPL. Es gibt aber auch Lizenzen, die zwar alle Freiheiten gewähren aber auch eine kommerzialisierung nicht ausschliessen. Ein prominenter Fall, wo das passiert ist, ist das proprietäre Mac OS-X, dass auf dem freien BSD-Unix basiert.

  2. Du hebst auf den Unterschied zwischen Freier Software und Doppelt Freier Software ab?
    Meines Wissens verbietet die GPL Kommerzialisierung nicht. Also verstehe ich den Punkt nicht ganz. Bin aber nicht lizenzsattlfest.
    Nach der Definition der Free Software Foundation impliziert die 4. Freiheit, die Freie Software ausmacht doch immer Zugang zum Quellcode, eben damit Freie Software Sinn macht: Für die freie kreative Weiternutzung der Software – unabhängig davon wer was kommerzialisiert.

    * The freedom to improve the program, and release your improvements to the public, so that the whole community benefits (freedom 3). Access to the source code is a precondition for this.
    vgl: http://www.fsf.org/licensing/essays/free-sw.html

  3. Nein. Ich hebe auf den Unterschied zwischen Freier Software und Copyleft ab. Letzteres ist eine Teilmenge von ersterem. „Kommerzialisierung“ war allerdings tatsächlich falsch geschieben. Ich meinte Proprietarisierung. Zugang zum Quellcode beiten beide Varianten. Aber nur Copyleft gewährleistet im Fall von „abgeleiteten Werken“ das verbleiben als Freie Software. Das ist der selbe Mechanismus wie „Share-Alike“ bei Creative Commons.

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