„Wozu neu entdecken, was wir schon wissen?“

Im Dezember 2008 betitelt Jens Lubbadeh im Spiegel online eine lesenswerte story aus der chemischen Forschung flapsig mit: Wissenschafts-Posse

Ein japanischer Chemiker glaubte, ein geniales neues Ringmolekül hergestellt zu haben. Das jedoch kam Manfred Christl, einem emeritierten Professor aus Würzburg, so bekannt vor, dass er nachblätterte – und feststellte: Die Entdeckung wurde vor 102 Jahren (!) schon mal gemacht. Schlimmer noch… Christl teilt seinen Kollegen per mail nicht nur mit, dass ihre vermeintliche Neuentdeckung im Wortsinn altbekannt war sondern auch, dass sie die Reaktion falsch interpretiert hatten. Peinliche Angelegenheit. Nachlesen lohnt sich (auch ohne Chemiekenntnisse).

Wissenschaftler sind nicht vor Fehlinterpretationen gefeit. Das werden sie auch in einer commonsbasierten Wirtschafts- und Wissenschaftswelt nicht sein. Aber was hier interessiert, ist der erste Punkt. Wozu neu entdecken, was wir schon wissen? Und wie vermeiden, dass dafür Unmengen von Zeit, Kraft und (öffentliche) Mittel investiert werden?

Der ursprüngliche Entdecker des Ringmoleküls, der deutsche Chemiker Zinkl, war kein Unbekannter. Auch die Fachzeitschrift, in der er seinerzeit publizierte, war alles andere als eine vernachlässigbare Größe. Wieso wird  sowas „einfach übersehen“? Christl beschreibt das Problem so: „Junge Forscher verlassen den Computer gar nicht mehr.“ Sie suchen ihre Infos im Netz, nicht in den Bibliotheken. Dazu kommen Zeitmangel und Überlastung der Gutachter. Doch trifft er damit den Nagel auf den Kopf?

Ist es nicht vielmehr die (in begrenzt verfügbarer Zeit) zunehmende Unauffindbarkeit der relevanten Information? Egal ob in analoger oder digitaler Form? Das jedenfalls meinen die Initiatoren des Wissenschaftscommonsprojekts, hinter dem so renommierte Namen stehen wie Lawrence Lessig und James Boyle. Heute wird „Science Commons“ von John Wilbanks geleitet.

Kürzlich titelt das Wissenschaftsmagazin Popsci.com Will John Wilbanks launch the Next Scientific Revolution? Tatsächlich erwarten Macher und Investoren (Privatwirtschaft) schnellere Erkenntnisfortschritte durch den barrierefreien Austausch von Forschungsergebnissen. Science Commons verfolgt eine ähnlich Strategie wie Creative Commons. Das Projet ist eine „Tochter“ von Creative Commons. Besserer Informationszugang soll durch den Abbau technischer und juristischer Hürden erreicht werden. Dh. Entwicklung geeigneter Software einerseits und Entwicklung wissenschaftsbezogener Lizenzierungsverfahren andererseits.

Science Commons will die Wissenschaft – durch open access zu Forschungsergebnissen- schneller machen. Über das sog. Neurocommonsprojekt wird beispielsweise eine Art „Amazon für Life Sciences“ aufgebaut: Ein Klick zur relevanten Informationen auf dem Bildschirm, und noch dazu offener Zugang zu den Daten und sogar zu den entsprechenden histologischen Materialien.

Das muß das Herz eines Wissenschaftlers, der die Hälfte seiner Zeit mit Datensuche zubringt, höher schlagen lassen. Keine zeitraubenden Suchprozesse, keine komplizierten Anfrageverfahren, keine Lizenzierungsprobleme u.s.w.

Das Problem ist also nicht, dass die Wissenschaftler im Netz, statt in den Bibliotheken suchen. Das Problem ist das fehlende Handwerkszeug zum schnellen Auffinden relevanter Information im Netz. Anders gesagt: Google taugt für die Wissenschaft nicht. Wilbanks formuliert es so:

„At Science Commons, we want to enable scientists to use the Web to get precise answers to complex research questions — not 388,000+ search results that contain the word pyridinium.“

Denn wozu neu entdecken, was wir schon wissen? Das verschlingt nur Zeit und (oft öffentliche) Ressourcen.

Das Science Commons Projekt möchte ich mir aber nochmal näher anschauen, denn eine Frage, die ich bisher nicht beantwortet fand ist die:  Wer wird letztlich mit wessen Geld, in welchem Forschungsbereich (und in welchem nicht), für welchen Zweck und wessen konkreten Vorteil die Möglichkeiten der „Wissenschaftsbeschleunigung“ nutzen?

Foto: John Wilbanks by Fred Benenson: This photograph is licensed to the public under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 license by Fred Benenson

5 Gedanken zu „„Wozu neu entdecken, was wir schon wissen?“

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