Die Multiplikation der commons

Wir schreiben an einem Artikel zur politisch-strategischen Relevanz der Commonsdebatte. Ich behaupte in diesem Artikel unter anderem: Commons taugen nicht zum politischen Kampfbegriff, wohl aber für einen neuen, differenzierten Blick auf alte Kämpfe. Doch da schippert dieses Wort vom Commonismus durchs Internet. Das taugt nun zweifellos zum Kampfbegriff.

Nick Dyer-Witheford, Professor an der University of Western Ontario/Kanada, hat im online-Journal turbulence einen Beitrag veröffentlicht, in dem er zunächst feststellt: Über Commons reden heißt darüber reden, was wir wollen und nicht was wir nicht wollen. Das ist zwar banal. Vergewisserung schadet aber nix. Die Commonsdebatte war allerdings – das sieht der Autor offenbar anders- nie defensiv. Das ist einer ihrer großen Vorteile. Ich fasse hier ein paar Argumente des Autors zusammen, vermischt mit Kommentaren von mir:

Die Gemein(schafts)güterdebatte bietet eine Möglichkeit, kollektive Besitzformen zu diskutieren, ohne negative historische Erinnerungen wachzurufen. Das geschieht in drei Bereichen: dem sozialen, dem ökologischen und dem digitalen (den Netzwerken). Im sozialen Bereich strukturiert sich die Debatte rund um zwei aktuelle Dynamiken: verschiedene Projekte solidarischer Ökonomie einerseits (insbesondere in Lateinamerika) und die Grundeinkommens-/Grundsicherungsdebatten andererseits (in den Ländern des Nordens, aber auch in Brasilien und Südafrika). In den digitalen Netzwerken treten mit FOSS und Creative Commons neue Produktions- und Geschäftsmodelle ihren Siegeszug an. Aber auch Bürgerkanäle und Bürgerjournalismus breiten sich aus.

In allen drei Sphären -die eng miteinander verflochten sind- ist die Entstehung neuer commons zu beobachten. Am deutlichsten in der digitalen Welt, wo sich sequentiell-kollektiv Geschaffenes wie aus einem Füllhorn zu ergießen scheint („the cornucopian commons“).

Der Autor plädiert dafür, den „Commonismus“ – als neue soziale Ordnung – in Verschränkung dieser drei Sphären zu begreifen, wobei commons innerhalb der jeweiligen Sphäre aber auch zwischen diesen permanent zirkulieren (so wie die Waren im Kapitalismus) und sich derart gegenseitig verstärken, „upgraden“ sozusagen.

Wie geht das? Die ökologischen commons liefern die natürlichen Grundlagen, auf denen soziale und digitale aufbauen. Soziale commons (deren Kern gerechte Reichtumsverteilung ist) wirken zurück auf den Erhalt natürlicher Ressourcen (u.a. durch Reduzierung der Abhängigkeit vom trickle down Effekt, also der Dynamik, möglichst viel zu produzieren, damit irgendwann etwas unten ankommt). Zugleich sind soziale commons (sozialer Zusammenhalt, Bildung und Gesundheit durch öffentliche Dienstleistungen, öffentliche Infrastruktur…) auch Voraussetzung bzw. Kontext für digitale commons. Diese wiederum wirken auf soziale commons zurück, informieren über den Zustand der sozialen und natürlichen Ressourcen. Und so fort.

Netzwerke sind zudem Kanäle für komplexe sozial-ökologische Planungs- und Organisationsprozesse. Dyer-Witherford bezeichnet sie als

fabric of the association that is the sine qua non of any of the other commons.

Im Artikel stellt er also eine Art Mikromodell der Zirkulation der Commons vor, das meint die soziale Dynamik/Interaktion und einen commonsbasierten Produktionsprozess zugleich. Konkret verweist er darauf, ökologische Schranken, Grundeinkommensdebatten (die er international denkt) und offene Netzwerke in permanenter Interaktion synchron zu denken. Einen Minimalforderungskatalog, der sich durch alle drei Bereiche zieht, müsse man aufmachen, um der Debatte Konkretion und Nachdruck zu verleihen.

Die Erweiterung der commons ist eng verknüpft mit der Intensivierung sozialer Beziehungen (noch ein großer Vorteil der Commonsdebatte, die genau dies in den Blick nimmt); es geht also nicht um Abwehrstrategien -gegen ökologischen Raubbau oder die stete Beschneidung kollektiver Räume- sondern um:

„die aggressive und expansive Vermehrung, Selbstverstärkung und Diversifizierung der commons“

vor dem Hintergrund heterogener Kollektivbegriffe, die die Logik des Teilens gemein haben.
Es geht „statt um politische Kontrolle des Staates durch die Gesellschaft um die demokratische Kontrolle der Wirtschaft durch die Gesellschaft“. Wobei die Gesellschaft ihre alternativen Projekte wesentlich einfacher wird verwirklichen können, wenn sie Schutz oder Initialzündung durch den Staat erfährt.

Also, schlussfolgert Dyer-Witherford, müsse man sich idealerweise die Zirkulation der Commons wie einen Doppelkreislauf vorstellen. Eine Bahn verbindet soziale-ökologische-digitale commons. Die andere verläuft vertikal und verbindet unterschiedliche Entscheidungsebenen. Dh. autonome Entscheidungsstrukturen, Netzwerke, Kooperativen, soziale Gruppen aller Art – mit lokalen oder nationalen Regierungen bzw. mit internationalen Institutionen, denen die treuhänderische Verwaltung globaler Gemeinressourcen obliegt. Er verweist, richtigerweise, vor allem im Zusammenhang mit globalen Gemeinschaftsgütern auf die Notwendigkeit des Staates (oder noch zu schaffender multilateraler Institutionen), denn:

"Commons projects are projects of planning: the regulation of carbon emissions (or other ecological pollutants), the distribution of a basic income ... or the establishment of networked infrastructures are all extremely difficult on any large scale without the exercise of governmental power."

Eine „commonistische“ Regierung wäre also eine Regierung, die diese Initiativen, Projekte und Netzwerke – samt ihrer Autonomie- nach Kräften unterstützt. Wider die Bürokratie und den Despotismus. Nicht zu verwechseln mit anderen -ismus Erfahrungen.

Plan B wäre, wie angedeutet, zumindest eine abgespeckte Version: Ökologische Schranken für die Produktion, die weltweit durchzusetzen sind, file sharing als gängige Praxis und Stärkung lokaler Gemeinschaften als vornehmste Aufgabe des Staates – wenn auch „eingeordnet in kapitalistisches Wirtschaften“. Das Klimaabkommen marschiert zögerlich in diese Richtung. Die Durchsetzung von Freier bzw. Open Source Software im öffentlichen Leben desgleichen.

Dann wird sich bald die Frage stellen: Wer erdrückt wen? Commonsbasiertes Wirtschaften und Leben kapitalistische Produktionsformen oder umgekehrt? Hier vertraut der Autor (so wie ich) darauf, dass es zum Charakter der Commons gehört, sich auszubreiten. So wie die Wikipedia die klassischen Enzyklopädien verdrängt. So wie sich kleinräumiges Management natürlicher Ressourcen in engen sozialen Netzen als ein Segen für die Biodiversität erwiesen hat. So wie Freie Software Microsoft Konkurrenz zu machen im Stande ist, denn, ein letztes Zitat:

Commonism scales. That is, it can and must be fought for at micro and macro, molecular and molar, levels; in initiatives of individual practice, community projects and very large scale movements. If the concept is at all meaningful, it is only because millions of people are already in myriad ways working to defend and create commons of different sorts. ... A commodity is a good produced for sale, a common is a good produced, or conserved, to be shared. ‘commonism’ is a multiplication of commons.

  Foto on flickr by allegra
 

4 Gedanken zu „Die Multiplikation der commons

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