São Paulo: Kampf der Sichtverschmutzung

Einer der ersten Beiträge auf diesem Blog handelte von der Stille als Gemeinschaftsgut. Stille ist in Mexiko City, wo ich drei Jahre gelebt habe, nur noch gegen Geld zu haben. Auch Erholung für’s Auge gibt es dort kaum.

Überdimensionale Werbeträger vor, hinter, neben und über Dir. Einfach all überall. Als wäre der öffentliche Raum unerschöpflich. Einer passt noch hin, und noch einer, größer als der vorige versteht sich. 9000 Gigawerbeträger und 6000 eng bepflasterte Werbezäune sollen es sein. Von den Millionen kleineren Werbeträgern und der dazu passenden Beschallung mal abgesehen.

Vor circa 3 Jahren gab es im Fernsehen eine Debatte darüber, was dieser Verunstaltung des öffentlichen Raums den Steuerzahler kostet… (auf die Werbeeinahmen wird gern verwiesen, die Kosten hingegen verschweigt man gern). Die überdimensionalen Installationen halten sturmartigen Regengüssen nicht stand, kippen um, auf Autos, Gärten, Gehsteige, gefährden teilweise den Verkehr, da sie nicht vorschriftsmäßig installiert sind.

Die Installation und Reparatur der Werbeträger muß bezahlt werden, die Beleuchtung, Bäume -sprichwörtlich die Luft zum Atmen (fällt)- fallen der Sichtbarkeit der Werbeträger zum Opfer. Das Ganze ist schlicht Sichtverschmutzung, contaminación visual – wie es im Spanischen so schön heißt. Eine alltägliche Kampfansage an die Ästhetik.

Eine andere Stadtregierung, die der größten brasilianischen Metropole, hat das schon begriffen. Ihr wegweisender Entschluß, Werbung aus dem Stadtbild zu entfernen, feiert in drei Tagen Jahrestag seiner Umsetzung. Hier ein Interview mit dem Architekten und Urbanisten Jorge Wilheim vom August 2007. Der Beschluss fiel schon im September 2006 mit dem Stimmergebnis 45 : 1. (siehe auch post und links auf dem blog von Rainer Rilling) Eine aktuelle Bildersammlung findet sich hier. Wilheim fragt zu Recht:

„Warum sollten wir die Werte der Konsumgesellschaft gesetzlich fördern, wo es viel wichtigere ethische und kulturelle Werte gibt?“

São Paulo ist ein Moloch, Kritiker sagen, die Antiwerbekampagne habe die Hässlichkeit der Stadt hinter dem visuellen Chaos überhaupt erst freigelegt. Ja und? Dann wurde es ja Zeit. Richtig spannend ist was jetzt kommt. Wie die Kampagne zur Fassadenverschönerung die Stadt verändern wird? Wie die Bevölkerung die Rückeroberung des öffentlichen Raums – ein common – aufnimmt? Wie die Aktion politisch wirkt? Ob andere Metropolen dem Beispiel folgen?

Die Umweltministerin von Mexiko City, eine junge, engagierte ehemalige Aktivistin der Zivilgesellschaft, Martha Delgado Peralta, hat jüngst in einem Interview erklärt, sich des Problems bewußt zu sein. Sie hat einen offenen Blick für Erfahrungen anderswo -und São Paulo ist durchaus mit Mexiko City vergleichbar. Ich bin zufällig mit ihr befreundet, werd ihr mal schreiben und berichte hier von dem Ergebnis. Schließlich gehört Mexiko City auch zu den Metropolen, die freien WLAN Zugang für die BürgerInnen einrichten wollen. Warum sollte es der Truppe um Regierungschef Marcelo Ebrard dann nicht gelingen, die Stadt von kostspieligen Plakatwänden frei zu halten?

Foto on flickr by tonydemarco

3 Gedanken zu „São Paulo: Kampf der Sichtverschmutzung

  1. Das ist einfach einmal eine großartige Idee – dafür pflastern die Wiener Verkehrsbetriebe gerade alle Straßenbahnen, U-Bahnzüge und sämtlich Zu- und Abgänge mit Werbung zu.

  2. Pingback: Lautsprecher-Propaganda und andere Werbung « Paulines lung tung

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