Vom Preis der Freiheit

Irgendwann muß ich mal meine GNU/Linux-Suse-Ubuntu (Leidens-) Geschichte erzählen. Warum nicht heute? Lassen Sie mich mit einem Geständnis beginnen: Ich bin Überzeugungstäterin. Ich nutze Freie Software aus rein politischen Gründen. Kann nicht ein einziges technisches Problem lösen. Fragen Sie meinen wunderbaren „Linuxdoktor“, Jens Kubieziel vom Qbis Blog. Also alles eine Frage der Überzeugung. Schließlich geht es um… … unsere Rechte und Freiheiten als NutzerInnen. Um die Notwendigkeit, den Quelltext offen zu halten. Um die Idee, in communities bessere Lösungen für alle zu schaffen. Die Verteidigung der Freiheit fordert Opfer.

Ich kann schonmal vorweg nehmen, dass ich der Meinung bin, inzwischen genug Opfer gebracht zu haben. Das liegt freilich nicht an der Freien Software, sondern an der Welt drumrum.

Hier die Geschichte: frisch angekommen in einer thüringischen Kleinstadt und noch ohne Telefonanschluss habe ich es gewagt, einen laptop zu kaufen. Dann nahm ich mir die Freiheit, auf dem guten Stück ausschließlich Linux installieren zu lassen. Ich war stolz auf mich. Jawohl! Dummerweise hatte mich der Computerhändler nicht sachgerecht beraten. Ich suchte mir also den Laptop, der mir am besten gefiel und bezahlbar war. Mir war nicht klar, dass hardware so auszusuchen ist, dass auch die von mir gewünschte Software darauf läuft. Den Hardwareherstellern, so scheint’s, sind die Bedürfnisse von Bill Gates wichtiger als die der Kunden. Für Computerfreaks ist das eine Binsenweisheit: für technisch unbedarfte politische Überzeugungstäter nicht.

Als nach knapp 3 Monaten (mitten in Deutschland!) der Telefonanschluß kam, nahm das Drama seinen Lauf. Ich packe die Anleitung zur Installation der DSL Software aus. Auf dieser stand mehr oder weniger folgender Text: „Alles gaaanz simpel. Die Software installiert sich praktisch von allein. CD auspacken, CD einlegen, Click auf einen button, Fertig.“ Tja, auf Windows. Bei mir ging gar nix. Der Service des Telefonanbieters war völlig überfordert mit einer Kundin, die genervt darauf bestand, mit DSL-Installationshinweisen für ein freies Betriebssystem versorgt zu werden. Ich forderte Gleichbehandlung mit Windowskunden. Unverschämtheit. Das Personal befand, ebenfalls genervt, wer Linux hat, soll sehen wie er klarkommt. Ich kam aber nicht klar.
Ich muß einen mitleiderregenden Eindruck gemacht haben. Nach Tagen versucht ein Mitarbeiter besagter Firma, mir in seiner Mittagspause -gegen ein kleines Honorar- wenigstens eine Kabelverbindung aufzubauen.

Ich hatte mich von der Idee verabschieden müssen, mit dem eingekauften DSL Paket und der dazugehörenden Hardware über eine Funkverbindung online zu gehen. Der Telefonanschluß ist im Flur. Nun sitze ich also da -bzw. in meiner Miniküche daneben- statt am Schreibtisch.

Wochen vergehen. Kriegt man nicht doch noch WLAN zum laufen? Die Idee von Jens war, es über einen USB-Stick zu versuchen. Wunderbar. Ich weigerte mich, das Ding zu kaufen. Es würde garantiert das falsche sein. Selbst Jens mußte dreimal in den Laden laufen, um einen Stick zu finden, der sich mit dem vorinstallierten WLAN Programm auf meinem Lap nicht in die Quere kommt und der auf Linux installierbar ist. Dann wechseln wir noch zu Ubuntu.
Nach weiteren Wochen steht nun die WLAN Verbindung – jedenfalls im Linuxkrankenhaus. Hier zu Hause müssen wir alles erst wieder umprogrammieren. Jens wird mich schon retten. Wieder mal.

Ich revanchiere mich, mit einigem Engagement und habe Richard Stallman nach Jena eingeladen. Bin sicher, dass ich dann vergesse, wieviel Nerven (und Investitionen) ich in dem Prozess gelassen habe und wieder eifrig für meine Überzeugungen fechte.

Heute arbeite ich auf Ubuntu. Jeden Morgen, wenn ich den Rechner anschalte, freue ich mich über dieses afrikanische Wort (aus dem Zulu und Xhosa): Es bedeutet so etwas wie Menschlichkeit, Nächstenliebe, Gemeinsinn. Also genau das, worüber wir hier auf dem Blog die ganze Zeit schreiben.

foto on flickr by Andrew Mason 

10 Gedanken zu „Vom Preis der Freiheit

  1. Respekt für soviel Konsequenz! Selber bin ich eigentlich auch 100% für Freie Software aus technischen und politischen Gründen (das ist ja das schöne, dass sich das ergänzt). Leider bin ich zur Zeit durch meinen Arbeitgeber gezwungen Windows zu verwenden😦 Aber ein gutes hat sowas: Nachdem ich jetzt merke wie schlecht Vista wirklich ist, bin ich mir sicher, dass Ubuntu so gut alle mal ist auch was Benutzerfreundlichkeit angeht. Das was Ubuntu an Forstschritt für Linux auf dem Laptop gebracht hat, bringt Vista an Rückschritt für Windows. Die schiessen sich grade selber ab🙂

    btw: Es gibt ja inzwischen auch von den großen Anbietern Laptops mit vorinstalliertem Linux.

  2. Hallo Benni, wie wenig ich von Technik verstehe, merkst Du schon daran, dass ich das mit dem Blogroll nicht hinbekommen habe. War noch nicht wieder im Ubuntukrankenhaus.🙂
    Ja, die Sache mit den Institutionen. Meine ehem. Kollegen in einer eigentlich progressiven pol. Stiftung können noch nicht mal Open Office Dokumente öffnen. Sie dürfen (!) Open Office nicht installieren. Ich verstehe ja, warum in einem Betrieb nicht jeder seine eigene Software installieren kann. Aber warum die Institution nicht dafür sorgt, dass auf ihren Windowsrechnern wenigstens freie Textdokumente gelesen werden können, ist mir ein Rätsel. Die Dynamik ist ähnlich wie in meiner Geschichte mit dem Telefonanbieter: WER freie Formate nutzt, hat das Problem. NICHT WER VERBIETET, sie zu nutzen. Wer Freie Formate nutzt, muß dafür sorgen, dass die, die mit unfreien arbeiten müssen, sie öffnen können. So kann man die Welt jedenfalls nicht demokratisieren.

  3. @Silke: Du meinst wahrscheinlich nicht „Blogroll“ sondern „Feed“, so oder so macht das Deinen Punkt klar😉 Bei beidem wird Dir Dein Ubuntukrankenhaus aber leider nicht helfen, denn:

    Das mit dem Feed geht hier nicht so weit ich das sehe, weil man hier keine Plugins installieren kann, das erlaubt WordPress nur, wenn man es selber auf einem eigenen Server betreibt. Hab ich auch grad erst gelernt, weil ich hier jetzt auch zwei Blogs hab.

    Damit sind wir auch schon ganz zwanglos wieder beim Thema: Auch beim Selber Blogs betreiben bzw. betreiben lassen gibt es das Problem mit dem „Preis der Freiheit“.

  4. Hut ab vor soviel Konsequenz. Open Software hat zwar meine vollste moralische Unterstützung, verwenden tu ich aber aus langjähriger Tradition heraus Apple/Mac Produkte und Software. Na ja, Firefox kann ich zur Ehrenretttung noch erwähnen. Noch nicht einmal mit WordPress bin ich (und mein Provider/oder vor allem mein Provider) klargekommen.

  5. Respekt! Ich mag den offenen Gedanken sehr, speziell bei Formaten und Standards. Leider legen meine Auftraggeber mit dem Zwang zu MS Office zu oft meinen Leidensweg fest. Wenn ich es kann, dann ist es Open Source Only bzw. ich mag auch gern kleine engagierte Software, die für 30 EUR zu bekommen ist und genau das tut, was sie soll. So kommt mir z.B. Photoshop nicht mal ansatzweise in die Nähe meines Rechners.

    Dell und Lenovo bieten immer öfters Linux-Ready Notebooks. Oft mit Ubuntu im Gepäck. Bei Hardware gibt es den Open Source Zug leider nicht bzw. nur im Promilebereich, aber ist ja auch klar, dafür braucht man riesige Anlagen und Werte…

    Es ist eigentlich komisch, dass mit Software die Revolution beginnt. Eigentlich dachte ich eher, dass es Bücher sein werden, die die Menschen frei machen. Liegt wohl daran, dass Software kostenfrei kopierbar ist, alles andere auf der Welt nicht bzw. für das Kopieren von Büchern wieder Software gebraucht wird.

  6. Pingback: newskraft.de

  7. Das hat gar nichts mit „geldwertem Nutzen“ zu tun, sondern eher mit der Frage, was einerseits mit Wissen /Algorithmen /Codes passiert und andererseits mit unseren Rechten als BürgerInnen. Wenn Informationen “ eingezäunt werden“, der Quellcode unter Verschluß kommt heißt das, dass die Software nicht zum größtmöglichen gesellschaftlichen Nutzen fortentwickelt werden kann; und dass nur einige wenige (Gates & Co) diese Fortentwicklung ihren Interessen entsprechend kontrollieren. Für NutzerInnen impliziert proprietäre Software eine erhebliche Einschränkung unserer Rechte und Freiheiten. Das geht soweit, dass viele mit Software assoziierten Dinge der Kompatibilität halber so gekauft werden (müssen)… die entsprechende hardware, die entsprechenden DVD Formate, die entsprechende Telekommunikationsstruktur … alles in proprietären Formaten. Am Ende sieht diese Monopolisierungsstrategie noch so aus, als hätten sich die Verbraucher alle freiwillig für proprietäre Software entschieden. Oft empfinden sie aber, gar keine andere Wahl zu haben. Ich lass mir aber ungern vorschreiben, was ich wie zu nutzen habe.

  8. Hallo Silke,

    erst mal herzlich willkommen zurück!
    Wenn Du nochmal konkrete Probleme zu WLAN und Telefonie hast, dann melde Dich gerne bei uns. Wir machen genau das: Open Source Software für die Telekommunikation.

    @toro: Es ist ja nicht so, dass man mit Open Source kein Geld verdienen kann, wer guten Service bietet, kann davon gut leben. Aber wer einmal eine Idee hatte sollte sich dann nicht auf dem Rücken seiner Kunden ein Leben lang ausruhen können.

    Gruß
    Matthias

  9. Pingback: Umberto Eco: Volle Kraft zurück! « CommonsBlog

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