Wir und die commons – grundsätzliche Bruchstücke

Wir schreiben auf diesem blog über alle commons. Über natürliche Ressourcensysteme ebenso wie über kulturelle und soziale. Wir schreiben über Ressourcen, die ererbt und nicht von identifizierbaren Individueen gemacht sind. Sie alle haben eine vitale Funktion für Produktion und Reproduktion. U.a. deswegen sind sie commons, Allmende. Wir alle, überall in der Welt, haben eine besondere Beziehung zu diesen Dingen, weil wir sie brauchen: Sprichwörtlich für Leib und Seele. Commons sind so wichtig für die Produktion von Nahrungsmitteln wie für die von Medizin. So wichtig für das Atmen wie für soziale Netze. Wir brauchen sie für den Austausch mit Anderen, für unsere Fortbewegung, als Speicher von Wissen und Traditionen, als Quelle der Regeneration. Ohne lebensfähige Gemeinressourcen keine lebensfähige Gesellschaft.

Wir wollen uns eigentlich nicht verleiten lassen, auf diesem blog einzelne themenspezifische Entwicklungen aufzugreifen (macht aber doch immer mal wieder Spaß). Wir wollen nicht in die Feinheiten der Biodiversitäts- und nicht in die Feinheiten der Freien Softwaredebatte einsteigen. Das tun viele befreundete blogs und Projekte (siehe auch blogroll). Vielmehr wollen wir bausteinartig zeigen, warum und in welcher Weise all diese Themen – Klima, Wasser, Land, Software, Patente, Creative Commons Projekte u.v.m. zusammen gehören.

Ressourcen als commons, d.h. in ihrer Beziehung zur Gesellschaft zu verstehen, verändert die Sicht auf Altbekanntes. Vor allem die Sicht auf Konflikte, Politische Programme und politische Entscheidungen. Aus dieser Perspektive auf Konflikte zu schauen heißt oft, jenseits der bisweilen unfruchtbaren Polarisierung um Markt versus Staat, Öffentlich versus Privat, Kooperation versus Konkurrenz zu argumentieren. Jenseits von Markt und Staat, wie die Friends of the Commons sagen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Commonstheorie lautet meines Erachtens:

„government ownership, private ownership, and community ownership have all succeeded as well as failed to insure long term sustainable commons management“, so schreiben Ostrom und Laerhoven kürzlich als Resümee der Analyse institutioneller Erfahrungen im natürlichen Ressourcenmanagement. Das ist ein wichtiger Punkt: die reflexartige Reaktion „Staat statt Privat“ hilft oft nicht weiter – vor allem in vielen Ländern des Südens nicht, wo „Rechtsstaat“ ein Fremdwort ist.

Es gibt viele Prozesse, die parallel ablaufen – obwohl natürliche Ressourcen so anders „funktionieren“ als kulturelle oder immaterielle Ressourcen. Auch das wollen wir hier immer wieder thematisieren.

Materielles und Immaterielles ist ineinander eingeschrieben. Pflanzen sind die Trägersubstanz der genetischen Information die sie bergen. Die Dekodierung – in traditionellen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen – ihrer Heilkraft ist geknüpft an diese Pflanze und die in sie eingeschriebene Information. Der kulturelle und soziale Aspekt von Landschaft komponiert sich aus Anfassbarem: aus Wasser, Bergen, Erde, Bäumen aber auch aus Nichtanfassbarem: Dem Himmel über und der Stille um uns. Die Ideen sind fixiert zwischen Buchdeckeln, also auf dem Holz der Bäume, die für sie gefällt wurden. Selbst die These von der nahezu unbegrenzten Reproduzierbarkeit von Ideen und Information im digitalen Zeitalter findet ihre Grenze im Verbrauch von Ressourcen und Energie für Hardware und Übertragungswege. Inhalt ist immer „aufgesteckt“ auf irgend etwas. Keine Idee ohne Substanz, die sie trägt.

Erosion findet überall statt: Verlust von Artenvielfalt, Verlust von Sprachen (1000 von noch existierenden 6000 Sprachen sind Kleinsprachen mit weniger als 1000 Sprechern, Schätzungen zufolge werden bis zu 90% der Sprachen noch in diesem Jahrhundert aussterben). Sprachliche Vielfalt ist aber kulturelle Vielfalt, und jede Sprache ist ein Archiv des Wissens über Nutzungsmöglichkeiten für viele Tier- und Pflanzenarten. Wie sagt gar ein afrikanisches Sprichwort: „Wenn ein alter Mensch stirbt, dann ist es, als ob eine ganze Bibliothek verbrennt.“ Sprache, Gemeinschaft, Kultur, Natur: alles auf’s Engste miteinander verknüpft. Erosion von Gemeinressourcen ist Monokulturalisierung auf der ganzen Linie: Von Sprache, Kultur und dem Umgang mit der Umwelt.

Konzentration findet überall statt. So wie nur 4 Firmen (Monsanto, Syngenta, Dupont, Limagrain) 49 % des Saatgutmarktes kontrollieren (siehe: ETC Bericht zum weltweiten Saatgutmarkt), kontrollieren 5 Konzerne 90% (!) der Verwertungsrechte auf dem Musikmarkt. (Bertelsmann Music Group, Universal PolyGram, Sony, Warner Chappell und EMI). Wer unsere Gewohnheiten, unsere Konsumverhalten und unsere Kommunikation kontrolliert, darüber fallen jedem genug Alltagsbeispiele ein.

Auch die sogenannte „Einhegung der Allmende“, die enclosure of the commons, findet überall statt. Der Jurist James Boyle hat den historischen Prozess der Einzäunung der Gemeindewiesen in seinem vielzitierten Aufsatz mit der Privatisierung der Wissensallmende verglichen. Land und Ideen werden eingezäunt. Und zwar in vierfacher Weise. Juristisch: u.a. durch die Ausweitung des Patentrechts auf die codes des Wissens und des Lebens, oder in Rechtssystemen, in denen (Ge-)Recht(igkeit) der Zahlungskräftigkeit nachgeordnet ist. Ökonomisch: durch Konzentration, Kooptierung und Korruption. Politisch: durch internationale Vertragswerke zur Liberalisierung von Handel, Dienstleistung und Investitionen – die dem Schutz der Ressourcensysteme diametral entgegen stehen, und zunehmend Technologisch: Durch die Terminator Technologie, die dem Saatgut das Leben austreibt oder die im sogenannten Digital Restriction („Rights“) Management verankerten Befugnisse, die Technik mit der wir umgehen, so zu programmieren, dass am Ende die Technik mit uns umgeht. (Dazu hoffentlich bald mehr auf diesem blog).

Diese Analogien zu sehen heißt nicht, das eine mit dem Anderen zu vermengen. Und dennoch erwächst aus der Parallelität der Prozesse mehr als nur eine bündnispolitische Bedeutung.

Anders gesagt: Die aktuellen Konflikte um Wasser, den Schutz der Atmosphäre, den Zugang zu Wissen und Kultur sind nicht dasselbe. Aber sie sind untrennbar miteinander verbunden – so wie der Inhalt mit der Substanz, die sie trägt.

foto on flickr by lupusberlin

4 Gedanken zu „Wir und die commons – grundsätzliche Bruchstücke

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  3. Zitat: „anders gesagt: die aktuellen Konflikte….., die sie trägt“
    (verkürzt)letzter Satz, im Absatz…
    Das ist ein Satz, der nicht erklärt werden muss. Ich begrüsse immer wieder Dinge, die auf einen Nenner gebracht werden. Ich finde es auch erstaunlich, dass ich überhaupt noch die Ko an te non z bewahre, überhaupt Erklärungen zu lesen und mich daruf einlasse. Wie erkläre ich das den Dummbatzen, die mich umgeben?? (Nicht diskriminierend, nur treffen). Ich selbst gehöre dazu…Was macht die Feuerwehr wenn es brennt. (Nicht die PC-Feuerwehr)? sie löscht schnell, ähnlich der ??
    tja, Katastrophenhilfe?? Oder New Orleans..? Ich werde nicht das Gefühl los, dass ich noch ein bisschen Mensch, also 2 beiniger Primat bin, der überleben will. Schön, dass ich vielleicht vom Aktionissmus abgehalten werden will, schafft nur nichts weg und schon gar nicht keiner… Es ist eine Frage der Geduld und der Art, wie ich handel..Was ich hier lese ist wunderbar, aber es hilft mir und einigen Leuten nicht..Ich will als Sänger auch nicht unbedingt beim Singen, während des Brötchenschmierens nebenbei die Brust geben weil mein MUTTI-Schafft-Nichts-Weg-Urlaub nicht genehmigt wurde…..
    Ich kann mich erinnern, dass mir vorgeworfen und, dass ist auch drin, dass ich handeln soll und nicht seiern. Und ich bin auch dankbar für alles, nur es hindert mich ne Tür einzutreten, wo gerade ein verhungerndes Kind stirbt…
    Das nenne ich Anti-Rock and Roll. Ich werde von irgendwelchen Leuten als Intellektueller gedealt…Aber ich verliere was, durch diese Vielwort-Belehrerei, die faktisch kein Überleben sichert… 35 Jahre Underground reichen, um ein Gesicht zu verlieren und mich hinzuhalten…
    Vielleicht ist es auch mein Ding.O.K. Aber genau das ist es…
    Vielen Dank.
    Time for a change (Peter Hammill)

  4. Pingback: Commons sind eine soziale Beziehung « CommonsBlog

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