Die Macht des „Unser“

Auf meiner Reise in den Libanon kamen wir auch in Kontakt mit der dortigen UN-Truppe UNIFIL. Gemeinsam mit der libanesischen Armee kontrolliert sie den Südlibanon, das Grenzgebiet zu Israel. Unter anderem ist auch eine Kommission damit beschäftigt, den genauen Grenzverlauf zwischen Israel und Libanon, die sogenannte „blaue Linie“, zu demarkieren. Ein sinnvolles Unterfangen, weil vermeintliche Grenzverletzungen immer wieder zu Zwischenfällen führen.

Der Grenzverlauf wird dabei nicht auf Meter genau, nein auf Zentimeter genau festgelegt. Und dies in einem Gebiet, das als steinige Halbwüste zu bezeichnen wäre.

In dieser wie vielen anderen kriegerischen Auseinandersetzungen geht es nicht mehr allein um rationale Interessen. Es geht um das kollektive „Unser“ oder „Euer“, für das schon Tausende, ja Millionen gestorben sind. Wie im blutigen Grenzkrieg zwischen Eritrea und Äthiopien um einen Streifen trockenes Land.

Das Possesivpronomen „Unser“ mobilisiert politische Energien. Im Schlechten, wie bei den oben genannten kriegerischen Konflikten. Aber auch im Guten. Denn der Unterschied zwischen Hardin’s „Tragik der Allmende“ und einem Gemeinschaftsgut ist oft genau dies: Das Wörtchen „Unser“. Denn Hardin bezieht sich nicht auf ein Gemeinschaftsgut, für das sich eine Gemeinschaft verantwortlich fühlt. Sondern auf Niemandsland, auf Dinge die niemandem gehören und für die sich niemand verantwortlich fühlt.

Es ist ein Unterschied, ob ich davon rede, dass RWE’s Kohlekraftwerke „die Umwelt“ belasten, oder davon, dass sie „unsere Atmosphäre“ mit CO2 vollmüllen. Im letzteren Fall begeht RWE ein Delikt an unserem kollektiven Eigentum.

Das Possessivpronomen „Unser“ ist also ein machtvolles Wort. Eines das Kriege auslösen kann. Aber auch eines, das meinen Mit-Besitz an Gemeinschaftsgütern bezeichnet. Das mich zum Mit-Nutznießer, Mit-Anspruchsberechtigten, Mit-Verantwortlichen macht. Es ist die politische Energie, die sich die Commons-Debatte zu Nutze macht. Und in konstruktive, gemeinwohl-dienliche Bahnen lenkt.

Foto: Grenzzaun zwischen Libanon und Israel, von peaceworker46 auf flickr

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