Hausrecht statt Bürgerrecht

station brandingLetzten Samstag fand ich einen guten Artikel zum Ausverkauf öffentlicher Räume im Feuilleton der Süddeutschen: „Deutschland privat“. Ich las ihn im Zug, zwischen den Bahnhöfen. Just als ich mich wie so oft darüber ärgerte, dass Bahnhöfe keine Ort zum Verreisen mehr sind, sondern zum Shoppen und Konsumieren oder eben Orte, die mich verleiten, möglichst schnell die Flucht zu ergreifen. Anlaß der Veröffentlichung war die Eröffnung der BMW Welt in München Ende Oktober. Mit der hatte Autor Adrian Kreye folgendes Problem:

„… jeder öffentliche Raum, der von der Privatwirtschaft gestaltet wird, ist zunächst einmal eine Bankrotterklärung der Kommune. Das beginnt mit den Identifikationsschwächen einer Markenwelt. Hier soll sich nicht eine Gemeinschaft im öffentlichen Raum wiederfinden, vielmehr soll öffentlicher Raum eine Marke erlebbar machen und damit die Markenwerte in die Köpfe der Gemeinschaft projizieren.“ Und weiter, zum für mich zentralen Punkt: „Der grundsätzliche Unterschied besteht immer darin, dass in den öffentlichen Räumen der Gemeinden die Bürgerrechte gelten, in einem öffentlichen Raum der Privatwirtschaft aber das Hausrecht. Von dem wurde in der BMW Welt noch vor der Eröffnung Gebrauch gemacht…“, schreibt Kreye und erzählt von der persönlichen Überprüfung der Journalisten, die über die Eröffnung berichten wollen, in den Datenbanken von Polizei, BND und Verfassungsschutz.

Ich habe einige Jahre in einer Stadt gelebt, in der es so etwas wie „öffentlichen Raum der Kommune“ kaum noch gibt. San Salvador, die Hauptstadt des kleinsten Landes Mittelamerikas, El Salvador. Kinder finden jenseits ihres privaten Grundstücks oder der unmittelbaren Umgebung im barrio (je besser die soziale Lage umso stacheldrahtbewehrter und begrenzter erscheint die unmittelbare Umgebung) keinen Ort, um miteinander zu spielen. Die Jugendlichen treffen sich an Tankstellen oder in Shopping malls, Auch Erwachsene meiden spätestens nach 18 Uhr Straßen und Plätze. Der Zustand des öffentlichen Raumes korreliert mit dem Zustand der Gemeinschaft. Er/Sie ist zerrissen oder nicht existent. Die BürgerInnen wurden entweder zu KonsumentInnen degradiert oder, mangels Kaufkraft, ignoriert.

Bürgerrecht statt Hausrecht könnte eine der zentralen Forderungen einer gemeinwohlorientierten Debatte lauten.

foto on flickr by me_maya

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