Von Jägern und Gejagten

„Wenn wir 2 Millionen Jahre der Menschheitsgeschichte den 24 Stunden eines Tages gleichsetzen, verbleiben nur 5 Minuten und 47 Sekunden für eine andere Hauptwirtschaftsform als die Jagd.“ [WINDL 1978] Ein interessanter Blick auf die Geschichte, finden Sie nicht?

Die Einschränkung der Jagdfreiheiten gehörte zu den ersten gravierenden Einschnitten des Zugangs zu den Gemeinschaftsgütern. Das Wildbret gehörte allen. Es war zum Jagen und Verspeisen da. Die bäuerliche Jagd war die Norm. Selbst als die Wilderei, die parallel zur Beschränkung der Jagdfreiheiten zunahm, im Mittelalter mit drakonischen Strafen belegt wurde (Geldbußen, Blendung, Zuchthaus, Galeerenarbeit und Schlimmeres) hielten die Menschen den Jagdfrevel für tolerierbar. Wilderer galten weniger als Verbrecher denn als Helden. Robin Hood ist das wohl legendärste Beispiel des wildernden Sozialrebellen.

Die Juristen vieler Generationen haben sich allerlei einfallen lassen, um das Recht auf Jagd exklusiv, also aus-schließend, zu gestalten oder es an Privateigentum/ Grundbesitz zu binden. In anderen Worten: Wildbestände wurden entweder als Niemandsland oder als Privatbesitz definiert, selten in der Jagdgeschichte als etwas, das allen zusteht und von allen für alle verwaltet werden sollte.

Zunächst erhielten die europäischen Königshäuser ab 800 n.Chr eine jagdliche Sonderstellung. Königliche Bannforste (später Wildbann) wurden durch den sogenannten Bannspruch vom Recht des freien Tierfangs ausgenommen. Bei Verstößen drohten hohe Strafen. In den zwischen den Bannforsten gelegenen „Allmenden“ konnten die Bauern weiterhin frei jagen.

Zwischen 1500 und 1848 wurde das landesweite Jagdrecht Jagdregal genannt. Es definierte die Jagd als Hoheitsrecht des Landesherrn. Eine Regelung, die mit der Idee zusammen hängt, dass der Landesherr zugleich auch Landeseigentümer ist. Und da liegt das Wildbret im Pfeffer. Das Land gehört dem Fürsten, also gehört der Hirsch dem Fürst. So die hirschbezogene Privatisierungslogik.

Später war die römische Rechtstradition verantwortlich für die Anwendung der Lehre von den „herrenlosen Sachen“ auf Jagdtiere. Nur wenige Befugte erhielten Jagdrecht und zwar ausschließlich durch Verleihung des Landesherrn. Die Idee von der „hohen Jagd“ hat diese Privilegierung noch verschärft. Sie wurde als Regal erklärt und in der Regel dem Lehnsherrn oder den Adligen vorbehalten. Was früher der Ernährung und der Bekämpfung von Wildschäden diente, verkam zum Zeitvertreib des Adels.

Mit der bürgerlichen Revolution von 1848 wurden in Deutschland die Jagdregale aufgehoben, mit ihnen die geltenden Jagdgesetze (Schonzeiten). Viele Bauern nutzten diesen fast gesetzlosen Zustand aus. Wildbestand war wieder herrenlos und wurde tatsächlich in kürzester Zeit stark dezimiert. „Tragödie der Allmende“, würde Hardin sagen, und hätte sich wieder geirrt. Denn es es war die Tragödie „des Niemandslandes“, der herrenlosen Güter.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Jagdrecht an den Privatbesitz von Grund und Boden gebunden. Jeder Grundeigentümer (ab einer gewissen Größe aufwärts) konnte fortan selbst über die Bejagung seiner Flächen bestimmen.

Die Idee, dass der Wildbestand nicht „herrenlos“ und auch nicht „Privatbesitz“, sondern Kollektivbesitz einer Gemeinschaft sein könnte, hat sich nur selten in der Jagdgeschichte reflektiert. In der DDR wurde im Zuge der Bodenreform 1945 die Bindung des Jagdrechts an das Eigentum von Grund und Boden aufgehoben. Ab Mitte der 50er oblag die Jagd so genannten Jagdgemeinschaften und mit ihnen bestimmten Regeln und ethischen Prinzipien. Im Prinzip keine schlechte Lösung, doch die Parallelentwicklung der Jagd für einige Privilegierte auf Staatskosten hat auch hier erheblichen Flurschaden angerichtet.

Foto: from baboon on flickr.

 

 

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