Allerlei GemeinHeiten

Von Gemeinschaftsgütern reden heißt von GemeinSinn, GemeinWohl und GemeinSchaften reden. Wir denken ja nicht nur über Gemeinschaftsgüter nach, weil sie in der Politischen Ökonomie so stiefmütterlich behandelt wurden. Oder weil uns der Zustand unserer „Umwelt“ am Herzen liegt. Sondern auch, weil sie ein wichtiger Schlüssel sind, um weiteren sozialen Zerfall zu verhindern. Auch hier in Deutschland, nicht nur „da unten im Süden“, wo es um noch viel konkretere und krudere Kämpfe um natürliche Ressourcen geht. Oder positiver ausgedrückt: Es geht darum, Gemeinwohl zu fördern und Gemeinsinn zu aktivieren.

Politikwissenschaftler bescheinigen der Gemeinwohldebatte eine Renaissance. Durchaus vom Individuum her gedacht: Es geht nicht darum, die ganze Moderne mit der Neuauflage einer alten Gemeinschaftsgüterdebatte zu entsorgen. Vielmehr wollen wir Gemeinschaftsgüter und Gemeinschaft nicht an individuellen Bedürfnissen vorbei denken.

Wahrscheinlich nutzen wir in unseren Blogeinträgen deshalb das engl. community viel lieber, weil es nicht so „belastet“ ist wie die deutsche „Gemeinschaft“, die im letzten Jahrhundert von zwei totalitären Regimen – wenngleich in sehr unterschiedlicher Weise – strapaziert wurde. Aber wenn wir community sagen, meinen wir Gemeinschaften. Gemeinschaften unterschiedlichster Ebenen: nicht nur alternative „Kommunen„, durchaus auch die Gemeinschaft der BürgerInnen einer Region oder einer Stadt, eines Stadtteils. Manche commons brauchen sogar global vernetzte Gemeinschaften, die sich nicht mehr konkret verorten lassen. Wie die freie Software.

Gestern fiel mir die Broschüre „Thesen zur Lebensqualität in Gemeinschaften“ in die Hand. Sie fasst kurz und knapp die Ergebnisse einer Studie der Uni Kassel und des Arbeitskreises von Kommunen und Lebensgemeinschaften zusammen. In der Broschüre findet sich diese Grafik zum Vergleich der Lebensqualität zwischen Gemeinschaften und Kleinhaushalten. Sie beruht auf einer kleinen Stichprobe: 4 ausgewählte Kleinfamilien und 3 ausgewählte, sehr unterschiedliche „Kommunen“ haben Aussagen zu folgenden Aspekten getroffen.

orientorenAuf der Skala bedeutet „0“ die Minimalbewertung und „4“ die Maximalbewertung.

Nun sind es natürlich sehr besondere, verglichen mit der Gesamtgesellschaft recht kleine Gemeinschaften, von denen dort die Rede ist. Ich will hier nicht die Diskussion eröffnen, wie übertragbar solche Modelle und Lebensentwürfe sind. Ich finde nur, dieser „Orientorenstern“, bringt auf den Punkt, was auch in der Debatte um Verantwortung für und Recht auf Gemeinschaftsgüter am Ende rauskommen soll: bessere Existenzbedingungen, Koexistenz (mit Anderen und der natürlichen Umgebung), mehr Handlungsfreiheit, mehr Effizienz, Sicherheitsempfinden und mehr Wandlungsfähigkeit – von den Menschen für die Menschen.

Ein Gedanke zu „Allerlei GemeinHeiten

  1. Gemeinschaft als Subjekt

    Der Gemeinschaftsbegriff ist in meinen Augen ein Schlüssel für das erweiterte Verständnis von Politik, die einen paternalistischen Staatsbegriff hinter sich lässt und das Zusammenleben seiner Bürger konkret zu denken beginnt. Konkretes Denken hat ja auch mit Einfühlungsvermögen zu tun. Das dann als nächstes ein Unwohlsein mit unseren Lebensformen konstatiert.

    Es fängt an mit der Architektur der Städte, der Unwirtlichkeit von Plätzen, dem Raubbau an Flächen und Räumen – Gemeinschaftsräumen. Ein Beispiel: Wer vor ein paar Jahren am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin ausgestiegen ist, konnte gemütlich durch einen kleinen Park schlendern, um hinter den „Linden“ die neuen Shopping-Paläste der Friedrichstraße aufzusuchen. Je nach Portemonnaie Galeries Lafayette oder eben nur H & M. Der kleine Park existiert nicht mehr, ein weiteres Stein-Monument wurde errichtet, weil die Stadt Berlin „das Geld brauchte“, das sie durch die Veräußerung des Baugrundstücks einnehmen konnte.

    Wenn ein solcher Park an zentraler Stelle verschwindet (siehe: http://www.bennoshuette.de/ausgabe_06/artikel_6_Hauptstadt.htm) ist er unwiederbringlich verloren – wir wollen uns ja nicht gerade einen Weltkrieg wünschen, um wieder Platz zu schaffen. Wo liegt das Problem? Vordergründig betrachtet: die Städte sind klamm. Ein Ergebnis der Schuldenpolitik, der Bankenmacht, des Zinssystems – da könnte man sicher weit ausholen. Ergebnis ist jedenfalls die Preisgabe öffentlichen Raums zugunsten der Privatwirtschaft.

    Wir können dem beikommen durch eine Wirtschaftspolitik, die den Städten finanziellen Spielraum zurückgibt. Wegweiser für eine solche Politik ist aber die kulturelle Orientierung an Gemeinschaft und Gemeinschaftsgütern. Wir beginnen zu begreifen dass wir vor einer Art Kulturkampf stehen: der alte Staats- und Politikbetrieb gibt den Platz frei, um ihn streiten sich auf Privatisierung drängende Neoliberale mit den sozialökologischen Anwälten des „Gemeineigentums“.

    Erst wenn letztere erstarken, wird es auch zunehmend Rückwärtsbewegungen geben – Enteignung von Privatbesitz zugunsten der Allgemeinheit, vor allem da, wo die individuelle Aneignung eine Gemeinheit war und ist.

    Es ist gut, für diese Kämpfe schon einmal Begriffe zu besetzen. Ein solcher Begriff ist „Gemeinschaft“. Das umfasst doch vieles von dem, was wir eigentlich alle suchen und oft vermissen: gute und gelebte Nachbarschaft, Freundschaft und Zusammenhalt in einem schönen Wohnumfeld, Oasen der Begegnung in schwierigen Situationen, kultureller und sozialer Austausch ganz in der Nähe (ohne erst in ein Kino oder Theater zu stiefeln), Kinderbetreuung und gemeinsame Feste.

    Im übrigen ist dieser Begriff ja – ganz unabhängig von manchen geschichtlichen Desastern – immer noch gut in Gebrauch: Hausgemeinschaft, Dorfgemeinschaft, Gütergemeinschaft, Lebensgemeinschaft, Wohngemeinschaft – ein durchaus aktueller Begriff. Ich jedenfalls kann mit dieser „Community“ nichts anfangen, das wird auch für die meisten Leute hier ein Fremdwort bleiben. Wenn wir uns nicht einmal trauen, eine eigene klare Sprache zu sprechen, werden wir es auch nicht schaffen, diese Gemeinschaftsgüter zurückzuerobern, die wir alle haben wollen.

    Zum Beispiel Grund und Boden – der in China z. B. in den meisten Fällen ja nur gepachtet werden kann (man überlegt gerade, das zu ändern, soweit ich weiß). Hier einmal gründlich nachzudenken, würde mindestens ebensoviel bringen wie die Sanierung der öffentlichen Finanzen. Vielleicht sollten wir als erstes beginnen, in unseren Städten und Gemeinden Allmende-Flächen wieder genau zu benennen, diese zu kartieren und für unverkäuflich zu erklären. Grund und Boden können wir nur leihen – Privatbesitz hat enge Grenzen.

    Setzen wir diese Überlegungen fort, werden wir nicht umhin können, den „Privatbesitz“ von Unternehmen unter die Lupe zu nehmen. Umfasst Besitz nicht eigentlich nur Dinge…? Ist der Verkauf von Betrieben (samt Personal) nicht ein Unding? Mit Jeremy Rifkin können wir über den „inklusiven“ Eigentumsbegriff nachdenken, der einschließt, statt auszuschließen.

    Mir ist aufgefallen, dass der Orientorenstern auf der rechten Seite Handlungsfreiheit und Effizienz betont, neudeutsch könnte man auch Flexibilität hinzunehmen. Begrifflichkeiten, die von den Wirtschaftsliberalen gern besetzt werden – obgleich oft große Monopolisten übrig bleiben, die unseren Strom und unsere Software verwalten. Dass Privatisierung auch Handlungsfreiheit einschränkt und in ihrer Effizienz (für wen?) zumindest fraglich ist, ist besser verständlich, wenn wir uns über die positiven Begriffe klarer werden: Was gehört zum Leben, wie wir es wollen, denn eigentlich unabdingbar dazu?

    Ich vermute, dass es nötig ist, sich von einem kleinen, zynischen Zensor zu befreien, der von innen gegen die Stirn pocht und sagt: Nachbarschaft, Hausgemeinschaft, grünes Wohnumfeld – das sind naive Idyllen, das ist Romantizismus, so etwas kann es doch heute nicht mehr geben! Hör doch auf so gefühlsduselig zu sein…

    Aber die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist kein Rückschritt, da ja kein Mensch daran denkt, seine Individualität zurückzuschrauben. Erst als starke Individuen reden wir offen über unsere Bedürfnisse. Erst wenn diese Gemeinschaften entstehen oder erstarken, werden sie auch Allmende-Ansprüche stellen können – Gemeinschaftsgüter brauchen Gemeinschaft(en) als Subjekt!

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