Wem gehört Yoga?

Mir jedenfalls nicht. Aber vielleicht den InderInnen als Kulturnation. Jenen, die in den vergangenen 6000 Jahren die schier unendliche kombinatorische Vielfalt körperlicher und geistiger Übungen entwickelt, erprobt und am Leben gehalten haben. Doch Anfang Juni bringt Spiegel online diesen Artikel: Yoga wird patentiert.

Flickr Foto by Jon and MicheleNicht völlig plausibel das Ganze, denn man weiß am Ende nicht, was genau nun patentiert (offenbar Accessoires, also irgend etwas Anfassbares) und was genau urheber- oder markenrechtlich geschützt wurde? Das sind, juristisch gesehen, enorme Unterschiede, deren yoga-bezogene Implikationen zu erläutern, ich gern anderen überlasse.

Wenn es aber so ist, dass bestimmte Yogasequenzen in den USA urheberrechtlich geschützt wurden, dann sind die Inder zu recht empört. So hat „…das US-Copyrightamt Bikram Choudhury, …, die Rechte auf „Hot Yoga“ zugesprochen. Das sieht eine ganz bestimmte Abfolge von 26 Übungen in einem auf exakt 40,5 Grad Celsius geheizten Raum bei 50 Prozent Luftfeuchtigkeit vor – eine Erfindung von Choudhury, wie er selbst sagt.“ In der Begründung wird die Abfolge der Noten in der Musik mit der Abfolge der Yogaübungen verglichen. Man wolle also keine Rechte auf Noten, sprich auf Yoga an sich, sondern nur auf eine bestimmte Melodie, also auf eine Übungsreihe. Da soll also das Urheberrecht für schöpferische Werke, die um geschützt zu werden zumindest nach deutschen Urheberrecht einer bestimmten „Schöpfungshöhe“ entsprechen müssen, auf eine der unendlichen Möglichkeiten der Kombination von Yogaposen angewandt werden. Dass bei 40,5 Grad Celsius und 50 % Luftfeuchtigkeit die spezifische Kombination von Übungen der Schöpferkraft genug sei, haben der indischen Philosophie offenbar unkundige US-Juristen abgesegnet.

Für den gesunden Menschenverstand ist die Sache weniger kompliziert. Es ist in etwa so, als wolle jemand zwar nicht das Laufen an sich, aber den 100 Meter Lauf patentieren, nicht das Schreiben an sich (die Kulturtechnik), sondern die Anrede in Briefen. Die Inder, auch die im Gesundheitsministerium, haben sich den gesunden Menschenverstand indes bewahrt. „Uns ärgert es, dass jetzt immer mehr Menschen auf die Idee kommen, Yoga patentieren zu wollen“, sagt ein Beamter. „Solche Leute missachten, dass es sich um eine mehrere tausend Jahre alte Philosophie handelt…“ Schon 2002 hat die indische Regierung begonnen, eine Digitale Bibliothek Traditionellen Wissens aufzubauen, in der 4,500 Heilpflanzen, Ayurvedische Rezepte und Tausende von Yoga Haltungen gesammelt werden. Sie will der Rechteaneignungswut zuvor kommen. Hoffentlich bringt sie mit der Auflistung der kulturellen Gemeinschaftsgüter der InderInnen nicht noch mehr Geschäftemacher auf dumme Ideen.

Foto: by Jon and Michele on flickr

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