Kunst und Kultur auf der Allmendewiese

„Kunst kommt von können“, heißt es im Volksmund. Das ist auch etymologisch richtig. Kunst ist eine urdeutsche substantivierte Abstraktion von „dem was man beherrscht“. Bedeutungen des lateinischen ars (autonome, schöne Künste) verbanden sich später damit. Das Wort bedeutet uns heute Wissen, Erkenntnis, Einsicht, Fertigkeit, Handwerk, Bildende Kunst (Malerei, Grafik, Musik, Bildhauerei, Tanz usw). Der Kulturbegriff umfasst Glaubenssätze, Sitten, Sprache, Bräuche, Kunst und anderes mehr.

Sind Kunst und Kultur als Common/Gemeinschaftsgut zu verstehen? Wie lässt sich künstlerisches Schaffen und kulturelle Aktivität als Allmend organisieren? Wie läßt sich absichern, dass Kunst und Kultur die Menschen ansprechen, bewegen, einbinden, zusammenführen?

Ich konsultiere das Internet – das barrierefreie Tor der KünstlerInnen zur Öffentlichkeit. Die mit dem Netz verbundenen Vertriebsmöglichkeiten für Musik, Film oder Fotographie sind für die Rechteverwerter und Produzenten ein Problem. Für das Gros der KünstlerInnen, für jene, die von den Dienstleistungen der „Gatekeeper“, wie Courtney Love sagt, ohnehin nie profitierten, sind sie ein Segen (Volker Grassmuck). Sie gehörten nie zu den Auserwählten, denen knapper Sendeplatz oder knappe Stellfläche in den Geschäften zuteil wurde.

Wettbewerbsvorteile von Unterhaltungskonzernen und Rechteverwertern werden bald der Vergangenheit angehören. Im Internet treffe ich auf die Zukunft: KünstlerInnen und Kulturschaffende, die ihre Projekte und Produkte als „Allmende“ bezeichnen. Erscheint mir logisch: Schließlisch heben sie die kulturellen Schätze, das kulturelle Erbe ihres Fachgebietes oder ihrer Region.

Zeitschrift AllmendeDie Literaturzeitschrift „Allmende“ zum Beispiel, herausgegeben von der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe. Oder das kleine Unternehmen Allmende-Film, das Filme für TV, private und öffentliche Institutionen produziert und nicht zufällig Themen wie Grundeinkommen, Umwelt und Energie im Repertoire hat. Die Macher fragen auf ihrer Website: „Welche Güter sind in unserer vom Markt dominierten Gesellschaft noch voraussetzungslos allen zugänglich? Luft, Wasser, Wälder? Sind vom privaten Zugriff bedroht – aber warum nicht den Spieß umdrehen und in die Offensive gehen? Wir sagen: Allmende-Güter, auf die jeder Anspruch hat, sind Bildung und Kultur. Kein Markt funktioniert ohne diese Voraussetzungen.“ Ich bin nun nicht der Meinung, dass jede/r voraussetzungslosen Zugang zu Allmenden haben sollte. Es kommt vielmehr darauf an, von welchem Gemeinschaftsgut wir reden, welchen konkreten Ort, welchen Zweck die jeweilige Ressource hat. Aber bezogen auf Kunst, Bildung und Kultur teile ich die Idee.

Bei diesem Schnelldurchlauf dürfen die Querdenker von ATTAC, die ebenso wie die Grüne Jugend für die Einführung einer Kulturflatrate (William Fisher/ Volker Grassmuck) plädieren, nicht fehlen. Die Kulturflatrate war ursprünglich als Pauschalabgabe auf Breitband-Internetanschlüsse gedacht, um Urheberrechtsvergütungen für digitale Kopien abzugelten und mit den Einnahmen gerechtere Vergütungssysteme für alle KünstlerInnen zu finanzieren. Kann man die Idee der Kulturflatrate nicht ausweiten? Kann man nicht jenseits der großen Fernkopiereinrichtung Internet, die nicht-privilegierten KünstlerInnen endlich ungehinderten Zugang zum Publikum bietet, für einen fairen Interessensausgleich zwischen Produzenten, KünsterInnen und KonsumentInnen sorgen. Irgendeine Organisationsform, die selbst DurchschnittskulturkonsumentInnen grandios erscheinen muß? Das Fairsharing-Netzwerk äußert sich skeptisch.

Es konzentriert sich deshalb auf die Kampagne zur Freigabe des nichtkommerziellen Tauschs digitaler Musik und Filme – im Gegenzug plädiert es für die Kulturflatrate. „Über eine Flatrate für andere Medien bestehen unterschiedliche Meinungen. … Insbesondere die Frage, wie eine Vergütung von Fotos und Texten verteilt werden kann, erscheint vielen ungeklärt.“

Beim Gang durch die „Fränkische Strasse der Skulpturen“ der Gemeinde Litzendorf, in der Nähe von Bamberg (übrigens ein wundervoller Beitrag zum kommunalen Gemeinschaftsbesitz) und beim Nachdenken über das „Organisationsprinzip Allmende“ für Kunst und Kultur schiebt sich das Kriterium des öffentlichen Zugangs/der öffentlichen Bestimmung in den Vordergrund. Warum nicht die Steuer auf den Erwerb von Kulturgütern (z.B. Kauf von Gemälden) dann erlassen, wenn das privat erworbene Kunstwerk in der ein oder anderen Form der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird? Warum nicht alle erhobenen Steuern auf Kunst- und Kulturprodukte direkt der Kunst- und Kulturförderung zuführen? Hinreichend Rechtfertigung scheint mir, daß die sogenannten brotlosen Künste Grundnahrungsmittel der Gesellschaft sind. Im Grunde geht es allen Projekten und Kampagnen darum, das „Eigene“, das Wir Gefühl, zu beleben. Es geht um Identität. Soziale Kohäsion. Kunst und Kultur als Allmend zu organisieren und bewahren heißt Zukunft organisieren.

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