Der Gipfel: Commons goes Rio+20

& Stefan Tuschen:

Mit tropischen Klischees hat sie wenig zu tun. Unsere Reise dauert etwa sechs Monate, spielt sich vor allem im Kopf und auf dem Bildschirm ab und ist anregend. Im Juni dieses Jahres wird in Rio de Janeiro die UN Konferenz über nachhaltige Entwicklung stattfinden – und zwar 20 Jahre nachdem sich die Weltgemeinschaft 1992 an gleicher Stelle zur UN Konferenz über Umwelt und Entwicklung traf. Im sprachökonomischen Fachjargon ist deshalb von „Rio+20“ die Rede. Damals, 1992, verabschiedeten sich die UN quasi von den Commons: Das Prinzip des Gemeinsamen Erbes der Menschheit (Common Heritage of Mankind), wurde – trotz Fürsprache unter UN-Diplomaten – nahezu vollends zugunsten staatlicher Souveränität aufgegeben.

Paradebeispiel dafür ist … Den Rest des Beitrags lesen »

Buen Vivir und Commons – zwei Konzepte, eine Richtung

Buen Vivir. Sumak Kwasay. Wer wollte das nicht? Gut Leben! In Lateinamerika wird das Konzept des Buen Vivir derzeit intensiv diskutiert.  Insbesondere in den Andenländern Bolivien und Ecuador. Wie konkret die Idee des Buen Vivir gelebt wird oder gelebt werden kann, ist mir noch nicht wirklich klar. Klar aber ist, dass es weniger darum geht, in der Sonne zu liegen und sich den Bauch zu kratzen.

Die ILA hatte mich gebeten, einen Artikel zum aktuellen Schwerpunkt beizusteuern, denn die Redaktion fand: Da gäbe es “zwei sich ergänzende Konzepte jenseits der Verwertungslogik”. Commons und Buen Vivir. Stimmt. Ich habe also zugesagt, und teile hier das Ergebnis:

Gemeingüter und buen vivir

Zwei sich ergänzende Konzepte jenseits der Verwertungslogik

von Silke Helfrich

Etwas vorwitzig schiebt sich die Pointe des Almadies in Richtung Karibik. Die Spitze auf der afrikanischen Landkarte liegt weit weg vom turbulenten Dakar. Selbst wenn dieser Ort den Charme eines Parkplatzes hätte, er wäre schon wegen der außergewöhnlichen Lage eine Reise wert. Schließlich ist die Pointe des Almadies der westlichste Zipfel Afrikas. Und dennoch ist kaum jemand dort, denn auch dieses Stückchen Erde ist eingezäunt. Rote Ziegelmauern umgeben das Areal des ehemaligen Club Mediterranée, sie versperren den geldlosen Zugang. Gustavo und ich haben gezahlt, wir sitzen innerhalb der Mauern des heute von Senegalesen geführten Hotel des Almadies; gemeinsam mit der vorwiegend brasilianischen Delegation, die hier für das 10. Weltsozialforum (WSF) ihr Lager aufgeschlagen hatte.

Gustavo Soto Santiestéban, vom Zentrum für Wirtschaftliche, Soziale, Kulturelle und Umweltrechte CEADESCA in Cocha­bamba/Bolivien, ist ein bärtig-bissiger Intellektueller, ein Aktivist der sozialen Bewegungen, der der Regierung von Evo Morales kritisch auf die Finger schaut. Soto legt seinen Finger in die Wunde. Megaverkehrsprojekte für Güter statt für Menschen, neue Bergbauprojekte und Staudämme bis weit hinein in die Amazonasregion – verbunden mit zweifelhaften Fortschrittsversprechen, die altbekannte Breschen in die Lebenswelten der Bevölkerung schlagen. Zugleich wurde das buen vivir in die bolivianische Verfassung geschrieben. “Cómo se come eso?”  “Wie isst man das?”, pflegt man in Lateinamerika zu fragen. Wie geht das zusammen? Sollte ein „Gutes Leben“ tatsächlich nur in Verbindung mit und finanziert durch einen “Neuen Extraktivismus” denkbar sein? Den Rest des Beitrags lesen »

Wenn Wissenschaft Wissen erodiert

oder: Von Commons und der Wissenschaft, Bienen und der Wikipedia

Das 2. Weltforum für Wissenschaft und Demokratie fand Anfang Februar 2011 in Dakar statt. 90 Organisationen und Universitäten waren beteiligt. Die Idee des Forum ist, einen Raum zu schaffen, der einen Dialog zwischen Wissenschaft und sozialen Bewegungen möglich macht. Deshalb findet das Forum auch im unmittelbaren Vorfeld zum Weltsozialforum statt. Die Abschlußerkärung wird sicher bald folgen, aber ein paar Gedanken zum Verhältnis von Commons und Wissenschaft, so wie sie auf dem Forum diskutiert wurden bzw. wie ich sie sehe, möchte ich gern hier festhalten. Dass es so viele Anregungen zum Thema gab, ist Hervé le Crosnier und den Kollegen von VECAM zu verdanken. Sie haben dafür gesorgt, dass die Commons einen Ehrenplatz im Programm einnahmen.

Wo liegt das Problem?

  • Wissenschaft ist zunehmend so organisiert, dass sie für den Wissenschaftsmarkt statt für die Wissensallmende produziert. Den Rest des Beitrags lesen »

Sozialdemokratie und Gemeingüter (La messagerie de l’hotel n’est pas activée)

Zugegeben, zur Zeit sind einige Commons-Aktivisten aus Deutschland schwer zu erreichen, da sie sich irgendwo im Segegal auf dem Weltsozialforum verstecken. Von Mücken geplagt. Zerstochen. Und dennoch in offenbar stimulierender Atmosphäre. Ich bin sehr gespannt auf neue Berichte, die offenbar aufgrund mangelnder Internet-Anbindung im Moment etwas darnieder liegen. Versucht man dieser Tage zum Beispiel Silke im Senegal anzurufen, so vermeldet der Anrufbeantworter des Hotels nur, er sei nicht aktiviert. Warum die SPD deshalb allerdings gleich in ein kratergroßes Sinnloch verfallen muss? Ein Thinktank für neue Kooperationsmöglichkeiten? Manchmal sieht man halt den Wald vor lauter Bäumen nicht. Ich weiss, eine Illusion: ich hab’s dem Sigmar trotzdem gleich geschrieben. Solidarität und Kooperation sollten ja eigentlich auch für die Sozialdemokratie ein attraktives Thema sein. Den Thinktank gibt es schon: Die Commons Bewegung! Ran an die Buletten, Genossen! :-) Das ist wie bei der Basler Fasnacht dieses Jahr: Den Rest des Beitrags lesen »

Gebrauch? Ja! Missbrauch? Nein!

Ich weiss nicht, wie lange dieses Interview auf den taz-Seiten abrufbar sein wird. Gerd Dilger sprach mit mir in Porto Alegre anläßlich des 10. Weltsozialforums. Das gibt mir endlich Gelegenheit, noch ein paar Bilder von Porto Alegre zu posten.

taz: Frau Helfrich, die Gemeingüterdebatte verlässt den akademischen Bereich. Bei der Weltbürgerbewegung ist sie angekommen, aber noch nicht so recht im Mainstream. Woran liegt das?

Silke Helfrich: Man wechselt die Weltsicht nicht wie ein Hemd. Die alte Weltsicht dominiert nach wie vor. Es ist anstrengend, sich gegen sie zu wehren – und einfacher, Wachstum und Bruttoinlandsprodukt zu beobachten, als dafür zu sorgen, dass es uns auch ohne Wachstum gut geht. Es ist einfacher, neue Antworten auf alte Fragen zu formulieren als neue Fragen zu stellen.

Zum Beispiel …?… (weiterlesen in der taz)

Mit Carlos Candeotti (Peru. Er spricht gerade über die Kriminalisierung der Anti-Bergbaubewegung.), neben mir Pat Mooney (Kanada), Camila Moreno (Brasilien) und Vita Randazzo (Honduras).

In heißen Debatten. (Es waren so um die 32 Grad.)

Der Herr links neben mir behauptet nicht das Gegenteil! Vermutlich übersetzt er gerade “Nutzung? Ja!”, als ich schon “Missbrauch Nein!” sage. Das WSF gilt ja immer als unorganisiert. Nun war dies ein internationales Strategieseminar mit WSF-Anteilen und da ging selbstredend auch einiges daneben. Aber die Übersetzungen in mehrere Sprachen + Gebährdensprache hat super geklappt. Dolmetscher daneben und 4 Riesen Leinwände dahinter. (Zwei seht ihr hier. Die anderen waren für die rechte Hälfte des Saals bestimmt.) Was soll da schon schief gehen?

Fotos: Gerhard Dilger

Weltsozialforum: Manifest zur Wiedergewinnung der Gemeingüter

Ich hatte kurz nach dem Weltsozialforum in Belém bereits von der Initiative berichtet. Und werde auch weiterhin ab und an zum Stand der Dinge bloggen. Demnächst geht das Manifest in fünf Sprachen online, dann beginnt die Werbung von  Erstunterzeichnern…

Hier die deutsche Fassung:

Manifest zur Wiedergewinnung der Gemeingüter

Die Privatisierung und warenförmige Zurichtung der Dinge, die das Leben der Menschen und den Erhalt des Planeten ermöglichen, ist machtvoller denn je. Den Rest des Beitrags lesen »

Veröffentlicht in Commons. Schlagwörter: , , , . 8 Kommentare »

Weltsozialforum fordert Wiederaneignung der Gemeingüter

Durchgehalten hab’ ich nicht. Nach der 17. Deklaration – weitere 10 sollten folgen – raffte ich mein Regencape vom verschlammten Boden: das Weltsozialforum 2009 strebte seinem Ende entgegen, ich dem Ausgang des Mega-Veranstaltungsgeländes (UFRA).

Gerade war mir klar geworden, dass das Thema Gemeingüter (auf Portugiesisch bens comuns) einen enormen Energie- und Legitimationsschub erhalten hat. … Den Rest des Beitrags lesen »

Freies Pflanzgut – Bohnen für alle!

Das Beste am Weltsozialforum sind die Leute, die man zwischen den Veranstaltungen trifft.

Ich kam gestern aus meiner Buchvorstellung und begegnete Wolfgang Hees. Der kennt sich nicht nur in Brasilien ziemlich gut aus, sondern auch in der Entwicklungspolitik und in der Landwirtschaft. Ich erzähle von den Commons und ziehe das Buch aus der Tasche. Allmende gibt es bekanntlich in Süddeutschland noch. Hees kommt aus Süddeutschland – die Diskussion ist ihm vertraut und ein aktuelles Beispiel hat er auch:

Unsere Bohne“, sagt Wolfgang Hees. Gemeint ist Böhnkes Speckbohne. … Den Rest des Beitrags lesen »

Pupunha und Açaí – Biodiversität zum Frühstück

Bei mir gab’s heute zum Frühstück pupunha. Die Frucht der Pfirsichpalme. Ich kann jetzt gut verstehen, warum die Paraenses sie lieben. Man muss pupunhas lange kochen, dann am Stielansatz “köpfen” und vom spitzen Ende her abziehen. Der Kern ist relativ groß, Fruchtfleisch eher wenig. Trotzdem schmeckt man sofort, wie nahrhaft das Ganze ist – stärkehaltig. Pupunhas werden zum Kaffee genossen, pur oder in Honig getaucht. Hmmm…

Dem folgte açaí auf dem Speiseplan, die Frucht der Kohlpalme. … Den Rest des Beitrags lesen »

Wie Geister Gemeingüter schützen

Kennen Sie den? Das ist ein Curupira, ein kleiner brasilianischer Waldgeist. Ich fliege ja morgen in die Amazonasregion. In Belém, der Hauptstadt des Bundesstaates Pará, findet das Weltsozialforum statt. Mit ein paar Ko-autoren werde ich dort mein Buch vorstellen. Gute Gelegenheit um nachzusehen, ob der Curupira im Amazonas wirklich einer der wichtigsten Hüter der Gemeingüter ist.

Die Sache ist nämlich die: Geister sind effizienter als Regeln. Überall gibt es alle möglichen Vorschriften für die Bewirtschaftung von Gemeinressourcen. Sie sind formell (in Gesetzestexten fixiert) oder informell (mündlich weitergegeben). Den Rest des Beitrags lesen »

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