The Tragedy of the Market: Die Einhegung des Selbstverständlichen

Eingang zur Bahnhofstoilette in Fulda (2012)

Die Tragödie des Marktes (The tragedy of the market)! Welch großartiger Begriff … . Ich habe diese skurile Fotografie vom “Zugang” zu einer ÖFFENTLICHEN Toilette zur Illustration gewählt, da dieses Bild für mich peinlich zum Ausdruck bringt, was unser derzeitiges Wirtschaftssystem charakterisiert.

Der Zugang zum Urinal befriedigt ein fundamentales menschliches Bedürfnis, das für jeden Menschen auf diesem Planeten ungefähr das gleiche Volumen und höchste Priorität besitzt. Einen Menschen vom Zutritt auszuschließen, ganz gleich ob aufgrund seines Alters, Geschlechts, seiner Hautfarbe oder Religion, erscheint uns eigentlich zutiefst unmoralisch. Wenn dieser Ausschluß aber aufgrund mangelnder Zahlungsfähigkeit (oder Willigkeit) geschieht, dann findet dies oft eine erstaunliche Akzeptanz.

Eine Selbstverständlichkeit wird hier verbarrikadiert wie die Goldvorräte von Fort Knox und dadurch zum ökonomischen Handelsgut qualifiziert. Man sieht im wahrsten Sinnes des Wortes eine “Enclosure”, eine Einhegung, bei der Bedürftige von der Nutzung einer Ressource (nämlich einer legalen Ungestörtheit unter hygienisch angebrachten Umständen) ausgeschlossen werden, um aus dem so geschaffenen Produkt “Zutritt” ein Geschäftsmodell generieren zu können.

Die Begründung für diese Einhegung lautet immer und überall monoton so: Nur durch Privatisierung und kommerzielle Nutzung kann eine kostenneutrale Aufrechterhaltung der Qualität dieser Einrichtung (die saubere Toilette) gewährleistet werden.

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Hände weg vom Acker,Mann!

Ich habe das letzte Wochenende mit folgender Frage verbracht: “Was is(s)t eine satte Welt?” und soeben einen Essay zur Finanzialisierung der Agrarmärkte (und aller anderen wesentlichen Dinge des Lebens) editiert. Hochsensibilisiert habe ich daher diese Aktion unterschrieben, der im Wortlaut wenig hinzuzufügen ist:

Offener Brief von Foodwatch an den Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann: Den Rest des Beitrags lesen »

Easy Business: Die Privatisierung der Wissenschaft

Screenshot von der Website der Zeitschrift "Nature"

Screenshot von der Website der Zeitschrift "Nature"

Man stelle sich vor, wir würden die Privatwirtschaft wie folgt organisieren: Ein Automobilhersteller beschäftigt den Konstrukteur Otto B. für ein Bruttojahresgehalt von  50.000 Euro. Das Unternehmen stellt dem Mitarbeiter ein Büro zur Verfügung, mit Schreibtisch, Telefon, Computer und 100 MBit/sec Internetzugang. Büromaterialien inklusive. Hinzu kommt ein Forschungslabor mit einigen Angestellten, Sachmittel und das vergünstigte Mittagessen in der Betriebskantine. Otto B. kommt außerdem in den Genuss einer betriebseigenen Altersvorsorge. Seine mehrjährige Ausbildung wurde vom Unternehmen finanziert, das während der Ausbildung auch für eine günstige Unterkunft sorgte.

Nach zwei Jahren hat der junge Ingenieur ein neues Auto entwickelt.

“Lassen Sie mich mal sehen, was sie da gebaut haben”, sagt der Chef.

“Da müssen Sie sich an Herrn Müller wenden”, antwortet der Mitarbeiter. “Dem habe ich alle Rechte abgetreten”. Den Rest des Beitrags lesen »

Commons und ein neuer Multilateralismus

Neue Überzeugungen für eine neue multilaterale Praxis

“Die Wiederbelebung der unter Druck geratenen Gemeingüter wird als Quelle partizipativer Governance und nicht-geldvermittelter Wertschöpfung entscheidend sein, damit öffentliche und private Akteure wieder Wege aus der gegenwärtigen globalen Wirtschafts-, Energie- und Umweltkrise finden.”

In diesem KOSMOS-Artikel beschreibt James Quilligan (s)eine Vision. Quilligan ist internationaler Commonsaktivist, ehemaliger Berater Olof Palmes, Julius Nyereres, Willi Brandts und anderer; derzeit mit Kolleginnen und Kollegen damit beschäftigt, den Commons in UN-Kreisen Gehör zu verschaffen.

Unter Commons (Gemeingütern) versteht Quilligan “nicht privateigentumsfähige Ressourcensysteme, die voll zugänglich bleiben müssen und oft in lokalen Traditionen verwaltet werden”. Aus dem Paradigma der Commons, so die zentrale These, müsse sich ein neuer Multilateralismus entwickeln. Denn, so formuliert David Bollier die Blickrichtung:

“Wenn sich die Idee der Commons nicht auf auf allen Ebenen verwurzelt, ist zu fragen, welche Konsequenzen das für unser Verständnis vom Staat, multilateralen Institutionen und Politikentwürfen hat?”

In der Tat trägt die Commonsdebatte eine Redefinition des Staates und des Multilateralismus im Schlepptau. Den Rest des Beitrags lesen »

“Das Internet taugt für Pornos, Schuhe und Bücher, aber nicht für die Wissenschaft.” Warum?

Wenn ich gefragt werde, woher diese neue Dynamik der Gemeingüterdebatte stammt, erzähle ich immer von James Boyle und von diesem Text. Hier beschreibt Boyle, dass die „Einhegung der Gemeingüter“ auch Wissen und Kultur erfasst hat. Er nennt es „die zweite Einhegung der Gemeingüter“ (the second enclosure of the commons) Für mich war die Lektüre dieses Textes wichtig. Eine „Initialzündung“.

James Boyle hat ein neues Buch geschrieben und er spricht darüber. Unterhaltsam, anschaulich und mit zwei interessanten Publikumsfragen! Wem das Zuhören zu anstrengend ist, hier eine Mitschrift in deutscher Sprache (alle Hervorhebungen von mir).

  • seit 50 Jahren erleben wir eine ungesunde Ausweitung der Intellektuellen Eigentumsrechte (IPR) – dabei hat es nie einen Beleg dafür gegeben, dass IPR irgend einen positiven wirtschaftlichen Effekt hätten

  • bis vor Kurzem hatte die WIPO (UN-Organisation für Intellektuelle Eigentumsrechte) keinen einzigen Ökonomen mit der Frage befasst, was aus ihrer Arbeit in der Praxis eigentlich wird

  • Die Public Domain (die Sphäre der Gemeinfreiheit) und ihr vitaler Wert für Kreativität werden systematisch unterschätzt.

Das ist eine schlechte Bilanz. Wenn doch mal jemand sagt: „Ich kann es beweisen“, dann ist das eine bemerkenswerte Ausnahme…. Den Rest des Beitrags lesen »

Wem gehört der Griebnitzsee?

Ich kenne das aus El Salvador. Die Menschen haben fast keinen Zugang mehr zum Coatepeque, dem schönsten Binnensee des Landes. Fast alle Ufergrundstücke sind bebaut. Bootsanlegestelle, dann Grundstück, dann Haus, Hotel oder Gaststätte, dann eine hohe Mauer. So hoch und solide sind die Mauern in Deutschland noch nicht, aber wir sind auf dem besten Weg dahin. Acht Eigner der in Ufernähe gelegenen Villen wollen sich den ungestörten  Zugang zum Griebnitzsee sichern. Ein freies Begehen des seit Jahren umkämpften Uferwegs ist derzeit nicht mehr möglich. Im Villengarten lebt sich’s ruhiger, wenn die Allgemeinheit nicht am See rumstapft. Wo kämen wir da auch hin? Ich finde schon lange, dass in Deutschland eine gewisse Lateinamerikanisierung der Verhältnisse stattfindet. Hier ein Beitrag aus der taz:

“Die Villenbesitzer sind wütend, das sieht man an ihren Absperrmethoden, … Den Rest des Beitrags lesen »

Financial Times: Nein zur Einhegung der kulturellen Allmende

“Do not enclose the cultural commons”. Ich dachte, so titeln nur Commonsblogger :-) , aber es ist die Financial Times.

Das Blatt bezieht sich auf die Folgen einer Entscheidung, die heute im Europäischen Parlament getroffen wird. Es geht um den Vorschlag, das Urheberrecht für Musikaufnahmen von 50 auf 95 Jahre auszuweiten. (siehe unten)

Obwohl der zuständige Kommissar, Charlie McCreevy, behauptet, diese Ausweitung würde ältere Performer in der “sensibelsten Phase ihres Lebens”(!) schützen und junge Künstler fördern, bleibt die FT klar: “Weder das eine noch das andere wird passieren.” Sie nennt es einen “disgraceful proposal”, einen schändlichen Vorschlag, … Den Rest des Beitrags lesen »

Enclosure ist mehr als Privatisierung

Die neue ILA ist da! Kauf bzw. Abo für alle Lateinamerikainteressierten wärmstens zu empfehlen. Der Schwerpunkt dieser Nummer: Gemeingüter. Mit zahlreichen Beiträgen zur Debatte aus Lateinamerika. Am erhellensten zum Verständnis der Commons finde ich das Interview mit Gustavo Esteva.

Ich bin mit einem einführenden Beitrag, einer kurzen Reflektion über städtische Räume als Commons und mit einem Artikel über die die Einhegung der Gemeingüter (enclosure) beteiligt.

“Diebstahl an unserem Kollektivbesitz” ist das Ganze überschrieben. Hier ein paar Auszüge:

“Enclosure bezeichnet in der Sozialgeschichte vor allem die Auflösung der Allmenderechte (commons) in Mittelengland…. Vorher gemeinschaftlich genutztes Land wurde eingezäunt. Dafür brauchte es zwei Dinge: Macht und eine schlichte Technologie – Hammer, Pfähle und Draht…. Den Rest des Beitrags lesen »

Wie wir uns aus dem Kapitalismus herauswirtschaften

Kommt sie? Kommt sie nicht? Und wenn ja, wie kommt sie? Die Peer-Economy; die andere, auf Commons (Gemeingütern) basierende Wirtschaftsweise. Wir haben uns darüber ein paar Gedanken gemacht, die nun – arg gerafft – in der neuesten Contraste Ausgabe veröffentlicht sind. Contraste ist die “einzige überregionale Monatszeitung für Selbstorganisation”. … Den Rest des Beitrags lesen »

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