Die wundersame Vermehrung des Commons-Buchs

Agape_feast_04 PDWir reden manchmal salopp davon, dass sich Ideen, Wissen und Werke besser verbreiten, wenn wir das Teilen so einfach machen wie möglich. Wir wollen, dass sich die Idee der Commons verbreitet; nicht weil sie so gut ist, sondern weil  nur durch eine breite Diskussion, Aneignung und kritische Würdigung ihre Ungereimtheiten, Herausforderungen, Grenzen und ihr Entfaltungspotentail abgeklopft werden können: auf dem Weg zu einer “Wissensordnung der Commons”, wie meine Kollegin Brigitte Kratzwald unter Rückgriff auf Foucault jüngst formulierte.

Deshalb und weil zudem alle 90 Autorinnen und Autoren ihre Ideen mit uns geteilt haben, sollte das Teilen der in diesem Buch versammelten Beiträge einfach werden: Mit einer Creative-Commons Lizenz (CC-BY-SA, hier geht’s zur Englischen Fassung) Das ist – auch für Autorinnen und Herausgeber – ein spannendes Experiment. Für den Verlag ohnehin. Es ist Neuland.

Was allein in den knapp 10 Monaten nach Veröffentlichung entstand, übertrifft meine Erwartungen. Den Rest des Beitrags lesen »

“Krautfunding” für eine Postkollapsfähige Allmendetechnik

Postkollapsfähige Allmendetechnik. Klingt das nicht irgendwie katastrophisch-charmant? Zumindest aber besser als Commons Based Peer Production?

Bei der Oya wird nicht nur geschrieben, sondern auch gemacht. Es gibt dort einen Allmendeacker, ganz ohne Zaun drumrum und sehr ertragreich. Und es gibt ein erstes Projekt für eine post-kollapsfähige Allmende-Technik, das die umtriebigen Oyas und Oyos mit Studierenden um Ralf Otterpohl (TU Hamburg) angeschoben haben. Es geht darum, den “Prototyp eines revolutionären gärtnerischen Geräts zu entwickeln”, so Oya-O-Ton: Den Bodenfuttertopf. Das ist durchaus im Wortsinne zu verstehen!

Das diesem “Topf” zugrunde liegende Prinzip hat der Permakultur-Pionier Herwig Pommeresche entwickelt. Er hatte in Norwegen kargen Boden in hochfruchtbare Erde verwandelt indem er das, was normalerweise (langsam und energieintensiv) kompostiert zunächst kleinhäckselte und dann als Jauche ansetzte, so dass sich darin Milliarden lebendiger Bakterien bilden – das Lieblingsessen der Pflanzen. Ein idealer Dünger, finden die Oyas und empfehlen das Gebräu

“gerade für städtische Gemeinschaftsgärten, die oft Schwierigkeiten haben, ausreichend ökologischen Kompost zu bekommen.”

Wie aber kann man postfossil häckseln, also möglichst ohne Strom? Pommeresche hatte einen Küchenmixer benutzt. Den Rest des Beitrags lesen »

Pflanzenzüchtung hacken. Von Masipag lernen

AGRECOL hatte zum Workshop auf den Dottenfelder Hof geladen. Bauern und Züchter, Menschen aus Entwicklungsorganisationen oder agrarpolitischen Vereinen gingen gemeinsam der Frage nach, ob man ein Copyleft für Kulturpflanzen und Nutztiere gemeinsam entwickeln kann. Yeah! Ich erinnere mich gut an Gespräche, in denen diese Idee aufkeimte. Das ist mindestens 3 Jahre her und nun gewinnt der Prozess an Fahrt, nicht nur in Deutschland. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

Ein für mich sehr inspirierender Vortrag kam von Lorenz Bachmann, der über Masipag, eine philippinische Bauernorganisation, berichtete und uns das „Farmer-Led Participatory Plant Breeding“ vorstellte. Masipag bedeutet Magsasaka at Siyentipiko Para sa Kaunlaran. :-) Das heißt soviel wie: Landwirte und Wissenschaftler für Entwicklung.

Die Organisation besteht seit 1986 und hat sich intensiv mit den Folgen der so genannten Grünen Revolution auseinandergesetzt: Verlust an Kulturpflanzenvielfalt, höhere Kosten durch zunehmenden Pestizideinsatz, saure Böden und vieles mehr. Das bedeutet auch: mehr Abhängigkeit durch Schulden für ohnehin schon arme Bauern. Von genetischem Imperialismus ist die Rede. 

Modernes Saatgut (Hybridsaatgut oder genmanipuliertes Saatgut) ist für viele Bauern heute unerschwinglich. Wenn sie kaufen wollen, benötigen sie meist einen Kredit. Wenn sie dann kaufen, drücken Schulden, denn Zinssätze zwischen 25-50% (!) sind in den Tropen weit verbreitet. Sogenannte moderne Kultursorten sind meist für gute Böden optimiert, auf weniger guten Böden bringen sie oft keine Vorteile, erklärt Bachmann.

Hier setzt Masipag an mit seiner Arbeit für Selbstermächtigung, Vielfalt und Nachhaltigkeit. Lorenz Bachmanns Zusammenfassung dieser Arbeit klingt nach der Erdung von Elinor Ostroms Designprinzipien für erfolgreiches gemeinschaftliches Ressourcenmanagement. Den Rest des Beitrags lesen »

Bei ACTA geht’s um soviel mehr als das Internet

Heute findet im Europäischen Parlament die Plenarabstimmung über ACTA statt.  Es gibt Anlass zu Optimismus, denn bereits Ende Juni hatte die Vorlage eine entscheidende parlamentarische Hürde gerissen. Kurz vor der  endgültigen Abstimmung in Straßburg haben nun 56 europäische und internationale Organisationen eine Pressemitteilung veröffentlicht [via]:

Schluss mit ACTA! Die EU muss unsere Gemeingüter schützen! Oder auf Englisch Down with ACTA! The EU must protect our Commons.

Darin heißt es gleich zu Beginn:

“ACTA gefährdet Grund- und Freiheitsrechte im Internet, Netzneutralität und Innovation. Der Zugang zu und das Teilen von freien und offenen Technologien und Kulturgütern sowie lebenswichtigen Medikamenten und Saatgut sind bedroht.”

… und dennoch haben NUR Internetorganisationen diese Erklärung unterzeichnet (diese Digitalen sich echt gut vernetzt :-) ). Wie kommt es eigentlich, dass sich die Umweltorganisationen noch immer nur unzureichend  mit ACTA befassen? Wo sind die Ärzte ohne Grenzen? Oder die Buko-Pharmakampagne? Warum wird immer so sektorbezogen mobilisiert? Die Umwelt- und Entwicklungsorganisationen kümmern sich um Rio+20 und die Internetorganisationen um ACTA. Vergeben wir uns da nicht ein großes Potential?

Ich glaube, es liegt letztlich daran, dass ein entscheidender Vorteil des Commons-Begriffs noch gar nicht klar geworden ist. Es macht nämlich keinen Sinn zu unterscheiden zwischen materiellen und immateriellen Commons – Wasser hier und Wissen dort – weil immer beide zusammengehören. Stoffliche Commons können nicht erhalten werden, wenn … Den Rest des Beitrags lesen »

Frisch gedruckt: Unter Piraten

Christoph Bieber und Claus Leggewie (Hg.) haben mich eingeladen, zum neuen Piratenbuch beizutragen. Daraufhin habe ich Daniel Constein eingeladen mitzudenken und mitzuschreiben. Das hat ziemlich viel Spaß gemacht. Und jetzt ist es da. Das Buch: Unter Piraten. Erkundungen in einer neuen politischen Arena.

Unser Beitrag trägt den Titel: Commons & Piraten. Eine Programmatische Schatzsuche. Er ist selbstredend frei lizenziert (das ganze Buch leider nicht). Inhaltsverzeichnis und Leseprobe gibt es hier.

Zur Einleitung:

Mit dem Erfolg bei den Abgeordnetenhauswahlen in Berlin ist die Piratenpartei in Politik und Öffentlichkeit angekommen. Sind die Piraten nur ein Übergangsphänomen, das von der Schlafmützigkeit des Establishments profitiert, oder gibt es ein Potenzial für nachhaltige Verschiebungen im politischen Koordinatensystem? Bildet ein »digitaler Wertekanon« im Spannungsfeld von Offenheit, Dezentralität und Beteiligung die Basis für eine neue politische Arena? Oder sind Themen wie Urheberrecht, Datenschutz und Netzneutralität lediglich Modeerscheinungen? Werden mit Stilmitteln wie »radikale Transparenz« und »liquid democracy« neue Zugänge für Kooperation und Beteiligung in politischen Organisationen entwickelt?

Diesen und weiteren Fragen widmet sich der Band und nimmt damit eine erste Bestandsaufnahme und kulturelle Deutung eines neuen politischen Phänomens vor.

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248 Seiten, kart., 19,80 €; ISBN: 978-3-8376-2071-9.

Mehr Infos sowie eine Bestellmöglichkeit gibt es hier bei transcript. Und unser Artikel kommt morgen auf dem Commonsblog.

Schluss mit B.A.U.: Eine andere Zukunft ist möglich

Der Gipfel der Völker beginnt dieser Tage in Rio de Janeiro – kurz vor dem UN Gipfel, der nur noch „RIOPLUSZWANZICH“ genannt wird.

Als „Arbeitsgruppe Commons“ einer thematisch breit gefächerten Debatte darüber, was in Rio+20 auf der Tagesordnung steht und welche Alternativen zu einer Grünen Ökonomie es gibt, die Gefahr läuft, business as usual (b.a.u.) zu betreiben, haben wir eine produktive Zeit gehabt. Wir haben Textbausteine produziert und mit jenen anderer Arbeitsgruppen verwoben, den Diskussionsstand einer Kommentarrunde ausgesetzt und das Ergebnis in einen gemeinsamen Text eingespeist, der nun rechtzeitig zum Gipfel der Völker vorliegt:

Er heißt: Eine andere Zukunft ist möglich (Engl. pdf), und wird am 17.06. in Rio der Öffentlichkeit vorgestellt. Er reflektiert die gemeinsame Suche von sozialen Bewegungen und NGOs, von kritischen Wissenschaftlern und Aktivisten für ein gerechtere und zukunftsfähige Welt.

Der Commons-Text (hier bereits auf Englisch veröffentlicht), der online und in zwei life-Begegnungen entstand und an dem Menschen aus Bolivien, Frankreich, Argentinien, Indien, Deutschland, Brasilien und Kanada mitgestrickt haben, wird auch „ausgekoppelt“ die Runde machen. Er liegt nun, dank Lennstars Vorarbeit, auch in deutscher Fassung vor.  Es ist ein Text, der den Diskussionstand mit Menschen aus sozialen Bewegungen und Nichrregierungsorganisationen aus aller Welt reflektiert und vor allem eines deutlich machen soll: Commons: das ist mehr als Ressourcenmanagement. Ich hoffe, das ist uns bei aller Vielstimmigkeit und bunter Interessenlage und in aller Kürze gelungen.

Et voilà:

Commons

Kapitalismus ist mehr als eine Produktionsweise. Die kapitalistische Logik strahlt aus auf die gesamte Gesellschaft. Sie prägt Institutionen, bestimmt die Machtverhältnisse und geht durch uns selbst hindurch. Sie kolonialisiert unser Denken und besetzt unser Land. Progressiven Bewegungen geht es darum, Den Rest des Beitrags lesen »

CHANGE?????

Ein schlauer Kopf hat mal gesagt,

“Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass ihre Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut geworden ist.” -

Dazu passend flog heute dieser Schalk in meine mailbox.

Q: How many academics does it take to change a light bulb?
A: CHANGE?????

Morgen gibt’s mehr Ernsthaftes zu Commons und Wandel!

foto light bulb by timothyswinson: CC BY NC
Veröffentlicht in Wissen. Schlagwörter: . 2 Kommentare »

Wenn alle Gedichte verscherbelt sind…

Zitat des Tages, aufgelesen bei Burkhardt Schröder:

“Darf man geistiges Eigentum verbreiten, auch wenn man nicht die Rechte daran hat? Je nach Perspektive fällt die Antwort sehr unterschiedlich aus. Vermutllich würden die Hopi heute weissagen:

‘Erst wenn das letzte Gedicht verscherbelt, das letzte Foto bei Getty Images, das letzte Buch in Verlagsbesitz und die letzten Filmrechte vergeben sind, werdet ihr merken, dass man Gedanken Anderer nicht verkaufen kann.’”

Was sind Gemeingüter? Ein Dreiseiter für alle

Die Sparkassen unterhalten seit 1975 einen SchulService, um einen »Beitrag zur ökonomischen Grundbildung in den Schulen« zu leisten. Der selbstformulierte Anspruch ist, »stets aktuell« zu sein!

Monatlich erscheinen daher Foliensätze samt Begleitmaterial für Lehrer_innen. Im Dezember 2011 lautete das
Thema »Was sind Gemeingüter?« In dem übersichtlich gestalteten Zweiseiter steckt viel Arbeit drin. Herausgekommen ist eine ansprechend geschriebene Kurzreise von der Güterklassifikation der klassischen Ökonomie, über Elinor Ostrom bis zur Wissensallmende und dem Urheberrecht. Alle Achtung!

Ganz aktuell ist das Material allerdings nicht. Insbesondere dem Begleitmaterial (PDF) ist anzumerken, dass die Commons vor allem durch die verstaubte Brille des homo oeconomicus betrachtet werden.

Dabei wird gerade dieses Menschenbild momentan quer durch die Wissenschaftsdisziplinen einer fundierten Kritik unterzogen. Der reine homo oeconomicus wird zum Abtreten aufgefordert.
Deshalb haben wir uns kurzerhand entschlossen, die wunderbare Vorlage aufzugreifen und das Begleitmaterial für Lehrerinnen und Lehrer auf aktuellen Stand zu bringen.

Et voilà, lieber Sparkassen-SchulService, liebe Lehrer_innen und alle, die es interessiert: Hier gibt es das Material als pdf zum runterladen und im freien Format ODT zum Weiterbearbeiten.

Es ist unter den Bedingungen der Creative-Commons-Lizenz »Namensnennung und Weitergabe unter gleichen Bedingungen« zur Benutzung und Bearbeitung freigegeben — wie es sich für die Wissensallmende gehört.

Apropos: freigeben. Das Material des Sparkassen-Schulservice steht als kostenloser Download bereit. Das ist schonmal gut, aber nicht gut genug. Großartig wäre es, wenn zukünftig alle vom Sparkassen-Schulservice produzierten
Materialien unter einer freien Lizenz und mit zugänglichen Quellen verbreitet würden, anstatt wie bisher die Weitergabe und Veränderung auszuschließen. Das wäre ein echter Beitrag zur Wissensallmende und
würde dem selbstformulierten Bildungsauftrag entsprechen.

Viel Spaß mit dem Gemeingüter-SchulService :-)

Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat

Ein aufmerksamer Leser des Commonsblog hat sie schneller gefunden als ich: die offizielle Ankündigung :-) . Jetzt vollständig mit Cover, Text und Untertitel. Ich freu’ mich wie ein Töpfer.

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Die »Occupy«-Bewegung trägt ein Unbehagen auf die Straße – weltweit. Sie stellt Profitmaximierung an den Pranger und der Politik einen Misstrauensantrag. Die ernüchternde Diagnose: Markt und Staat haben versagt. Menschen verlieren die Kontrolle über das eigene Leben. Weltweit steigen die Preise für Wasser, Böden und Lebensmittel, während der Markt sie verknappt und an die Börse spült – flankiert von staatlichen Freihandelsverträgen.
Güter, die allen gehören, wie Meere oder Wälder, werden rücksichtslos auf den Markt getragen. Auch Wissen und Ideen, unsere wichtigsten produktiven Ressourcen, sind in Fülle vorhanden. Doch sie werden behandelt wie knappe Güter.
Aus Leben und Vielfalt für alle wird so Reichtum für wenige. Deshalb verwundert es nicht, dass die Commons, die Idee der Gemeingüter, eine Renaissance erleben – nicht zuletzt seit dem Wirtschaftsnobelpreis 2009 für Elinor Ostrom.
Die Commons sind wichtiger denn je: Sie beruhen nicht auf der Idee der Knappheit, sondern sie schöpfen aus der Fülle. Commons sind produktiv. Sie produzieren nicht in erster Linie für den Markt, sondern für die Menschen – und sie lösen konkrete Probleme. Wenn die Menschen die Freiheit haben, sich selbst zu organisieren und zu kooperieren, kann die gemeinsame Nutzung von Gütern sozialen Zusammenhalt und Verantwortlichkeit fördern und unsere Lebensgrundlagen schützen.
Dieser Band mit Beiträgen von 90 internationalen Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft, Politik und zivilgesellschaftlicher Praxis stellt ein modernes Konzept der Commons vor, das klassische Grundannahmen der Wirtschafts- und Gütertheorie radikal in Frage stellt und Wegweiser für eine neue Politik liefert.

jetzt vormerken

Silke Helfrich, Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.)

Commons

Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat

April 2012, ca. 400 S., kart., ca. 24,80 € , ISBN 978-3-8376-2036-8

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