Derzeit bin ich viel in Europa unterwegs. Entweder im Zug oder am Rechner. Das gehört zum netzwerken. Am aktivsten ist die CommonsBewegung zweifellos in Italien. Da haben sie gerade eine “Verfassungsgebende Versammlung für Gemeingüter” diskutiert. Sic. Das traditionsreiche Teatro Valle in Rom, selbst als Commons reklamiert, war vollbesetzt. Auch die Franzosen sind recht gut aufgestellt. Dort scheint es zudem ein authentisches Interesse zu geben, Wissenschaft und gesellschaftliche Debatte miteinander zu verzahnen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Soeben rede ich auf dieser Konferenz, die Teil des Forschungsprogramms ANR Propice ist, geleitet von dem Ökonomen Benjamin Coriat. Ende November hatten wir eine kurze Begegnung in Paris. Auch ein Commons-Event. Auch rappelvoll. Da erzählte er mir, dass die Internationale Commons-Konferenz, die wir 2010 in Berlin veranstalten hatten, von enormer Inspiration gewesen sei. “Seitdem haben wir zwanzig Papiere produziert.” In Wirklichkeit sind es fast 40. Und jetzt geht es darum, das zu diskutieren, zu reflektieren und zu verbreiten.
Kroatien hat eine interessante Szene (hier hatte ich mal ein Schlaglicht darauf geworfen) und in Deutschland ist Einiges los. Das sagt jedenfalls mein Kalender. Am interessantesten ist für mich, von wem die Einladungen kommen. Die Palette ist bunter geworden in den letzten Jahren. Die FDP war noch nicht dabei, auch die Christsozialen sind commons-träge, aber die Gewerkschaften werden offener, Veranstalter aus der wirtschaftsnahen Szene interessieren sich und selbst der Evangelische Kirchentag hat die Commons entDEKT, weshalb ich demnächst in einer ziemlich großen Kirche reden werde. Hui.
In Polen haben ein paar Hacker eine Embassy of the Commons ins Leben gerufen. Dass es Hacker sind, die jenseits der Computerwelt auf Commons als politisches Konzept setzen, finde ich bemerkenswert. Anderswo sind Hacker eher peripher beteiligt. Da habe ich immer den Eindruck: Wir brauchen sie, aber sie brauchen uns nicht. Petros, einer der polnischen Aktivisten, schreibt:
“The most amazing thing in the relationship of Polish social movements with the idea of The Commons (as defined by late Elinor Ostrom) is that it does not exist. At all. Even those, whose daily practice is in fact commoning, never refer to the concept. In Poland, The Commons, as a positive political project, simply doesn’t get through.”
Und das will er verändern, “for the benefit of Polish society.” Die guten Gründe dafür zählt er auf:
1. Der Commons-Diskurs ist positiv und inklusiv, überwindet eine Rhetorik der Konfrontation und des “gegen” und formuliert, was zu gewinnen ist.
2. Commons werden global gedacht, jenseits “politischer Folklore”. Der Commons-Diskurs ist in der Lage, ein Gegengewicht zum Markt-Staats-Diskurs zu schaffen, das gerade in Osteuropa so dringend gebraucht wird. Initiativen gäbe es überall, europaweit, weltweit. Sie würden oft klein gemacht, aber: “If we put our own initiatives in such a broad context, we are no more ‘unrealistic’.”
Und da es nicht angeht, einfach “fremde Ideen zu adoptieren”…
3. Es gibt auch eine polnische Perspektive auf Commons: “While real-soc (with significant success) struggled to wipe all traces of commons-related traditions in Poland, we still have a lot to contribute to the global commoning meme pool. Polish cooperatist thought (Edward Abramowski being one of it’s coryphes) [...] and – above all – XIX-XX century self-governance movements in Wielkopolsk facing the oppressive Preussian state – this is the wealth of threads we can add to the humanity-wide narrative of Commons.”
Stimmige Begründung und augenöffnend. Oder kannte von Euch jemand Abramowski und die Selbstverwaltungsbewegung in Wielkopolska? (Falls doch; links und Literaturhinweise gern in die Kommentare packen, ich will dem für das nächste Buch nachgehen.)
Das ist doch was: Eine Commons-Botschaft in Polen und Commons Botschaften überall. Es gibt viel zu lernen!