Jedes Commons ist sozial

Cover CommoningHier gibt’s – scheibchenweise – die Langfassung meines Beitrags, der in der letzten Oya zum Thema Commoning erschienen ist. Zunächst aber: Tusch für die Oya und die Verlautbarung meines Lieblingsbeitrags aus dem Heft :-) Das ist nämlich: “Allmende zwischen Kruste und Krümel” über das gemeinschaftliche Brotbacken. Da reibt man sich die Augen, wiegt den Kopf hin und her und murmelt…  “Was es alles gibt.”

Also, mein Beitrag:

Commons fallen nicht vom Himmel

Vier Thesen, vier Folgen. Hier These 1.

Jedes Commons ist sozial.
(oder: Über die Güterkrücke, die wir an den berühmten Nagel hängen sollten)

Manch ein Satz brütet im Gehirn. Mitunter über Jahre. Erst, wenn er sich erschließt, kann der darin geborgene Gedanke zu Ende gedacht werden. Solch einen Satz teilte der Umweltwissenschaftler Wolfgang Sachs mit uns. Das war vor einem Jahrzehnt. Gerade wurde das Abendessen in einem kleinen, mexikanischen Hotel neben den weltberühmten Pyramiden von Teotihuacán serviert. Entnervt vom fruchtlosen Kreisen in eigenen Gedanken baten wir Wolfgang um Rat. Meinem Kollegen und mir war es in endlosen Zwiegesprächen nicht gelungen, den Charakter der sogenannten Commons zu fassen. Worin genau bestand der Unterschied zwischen Gemeingütern (im Englischen »Common Goods«) und dem, was nur der englische Begriff Commons auszudrücken vermag?

„Commons“, so befand der von mir sehr geschätzte ‘deprofessionalisierte Intellektuelle’ Gustavo Esteva aus Oaxaca, Den Rest des Beitrags lesen »

Die Segnungen des Gemeindebiers

oder: Wenn Aristokraten kleinste Regungen des Fußvolks registrieren

Der Aufsatz hat „in der Forschergemeinde viel Echo ausgelöste“, schrieb mir der Frühneuzeithistoriker Daniel Schläppi über diesen Text von 2007. Darin beschreibt er, dass Begriffe wie “Gemeinbesitz” und “kollektive Ressourcen” für die Geschichte früherer Epochen von erheblichem Erkenntniswert sind. Das überrascht nicht. Schläppis zentrale These aber lässt aufhorchen: Die bemerkenswerte Überlebensfähigkeit spezifisch schweizerischer Institutionen bis hin zum Staatsmodell (als Verbund der Eidgenossenschaften), das „Jahrhunderte, Kriege und Revolutionen überdauert“ hat, ließe sich mit dem „korporativen Untergrund der Institutionen sowie der durch die materielle Basis der Gemeinwesen implizierten Beziehungsmodi“ erklären. Etwas schlichter und allgemeiner formuliert: Politische Stabilität entsteht, wo existierende Beziehungsmodi nicht zerschlagen, sondern verstanden und in der staatlichen Organisation „aufgehoben“ werden, wo also, so der Titel von Schläppis Aufsatz, das Staatswesen als kollektives Gut gefasst wird. Für die frühneuzeitliche Verfasstheit der heutigen Schweiz jedenfalls gilt:

„Die institutionelle Konstanz auf Gemeindeebene ist einzigartig.“ (S.195)

… und Korporationsvermögen bilden dessen Kit und Untergrund. Das hat ihnen Autonomie gegeben, in den Worten des Historikers:

„Grundlage gemeindlicher Politik und Bindemittel lokaler Gesellschaften waren Gemeinbesitz und kollektive Ressourcen. “ (S.195)

Dem Volk auf’s Maul geschaut

Der Beitrag beginnt mit einer unterhaltsamen Nachzeichnung der Ereignisse um die Wiederwahl von Beat II Zurlauben in der Stadt Zug (Innerschweiz), Mitte des 17. Jahrhunderts. Zurlaubens Wiederwahl ging – wie die anderer Aristokraten – normalerweise zügig über die Bühne. Das Den Rest des Beitrags lesen »

Zeitenwende: Wir können auch anders

Wir_koennten_auch_anders_Still_04Wie wir alle wissen, geht heute das Alte Denken unter. Zeitenwende. Die Ära die etwa 1622 begann ist zu Ende. Die Welt wird sich daran gewöhnen, dass sich neue Prinzipien durchsetzen. Neue Glaubenssätze. Glaubenssätze verändern zu wollen ist, als wolle man mit einem Nussknacker Diamanten knacken. Irgendwann wird man einsehen müssen, dass die Instrumente des Alten Denkens (die Nussknacker) nicht mehr taugen.

Stattdessen richten “viele Menschen, die anders denken und viele kleine Schritte tun” etwas aus. Im Auftrag der ZDF-Redaktion Das kleine Fernsehspiel haben Holger Lauinger und Daniel Kunle von Schein im Sein diesen Menschen zugehört. Herausgekommen ist der Dokumentarfilm „Wir könnten auch anders“; ein vielstimmiges Mosaik über Lebenswirklichkeiten, Zivilengagement, Selbstorganisation, sozial-ökologische Projekte und Möglichkeiten der Teilhabe.  Ein Plädoyer für eine „Politik des Kleinen“ und für ein neues Narrativ.

Die Heldinnen und Helden des Films tun das was sie tun im Wesentlichen aus eigener Kraft.  Sie beschreiben das ganz authentisch:

“Fördergelder sind wie Freibier”, findet eine Protagonistin. “Sie machen einfach besoffen.”  Und “gescheite Leut’ narratieren gern”, resümiert der Gründer des Lügenmuseums im sächsischen Radebeul. Fast scheint es so, als gäbe es zwischen Narr und Narrativ einen etymologischen Zusammenhang. Es gibt ihn aber nicht. Diejenigen, die am Narrativ der Zukunft, der neuen großen Erzählung spinnen, sind alles andere als Narren. Sie stellen die Welt vom Kopf auf die Füße. Sie alle sind großartige Erzähler, und auch ich durfte – hoch über Jena – in die Kamera sprechen.

Ich kannte die anderen nicht und fand dennoch, dass die Sprache der Commons, mit der der Film sich dem Ende zuneigt, treffend zu fassen vermag, was sie denken, sagen und tun. Die Zeiten wenden.

“Wir könnten auch anders” lief am 17.12.2012 im ZDF und ist noch 3 Tage in der Mediathek zu sehen. Nächster Sendetermin: Heute,  Freitag, den 21.12.2012 um 20.15 Uhr und 23.45 Uhr und Sonntag, 23.12.2012 um 0.10 Uhr in ZDFkultur

Zum Trailer geht’s hier.

Über Land und Anbau selbst bestimmen

“Den Verein Allmende gibt es seit zwanzig Jahren. Die damaligen Besitzer des Lindenhofs übertrugen die Hofstelle sowie 1,5 Hektar Land dem Verein, der 15 Mitglieder zählte. Drei Jahre später starteten diese eine Initiative, mit der das Mitbestimmungsrecht über Land und Anbau weiter gefasst werden sollte: Der Hof gehört allen: Landkauf.eilumst - lindenhof

Für 1.250 Euro kann jeder dem Verein zu Land verhelfen. Im Gegenzug sind die Unterstützer lebenslang am Ertrag beteiligt. Jedes Jahr gibt der Verein Ertragsscheine an die Landkäufer heraus – Wert: … Den Rest des Beitrags lesen »

“Nachbarschaftlich weltumspannendes Kino”

Gemeinschaftsstiftendes und noch dazu unabhängiges Kino? Wie das geht zeigen gerade die Kameradistinnen. Ich dokumentiere hier eine aktuelle Rundmail, die ich lediglich um ein paar Links ergänzt habe:

“In den kommenden Tagen finden überall in Argentinien große Protestveranstaltungen und Demonstrationen gegen den Konzern Monsanto statt. Indigene Radiomacherinnen im Norden Argentiniens haben Monsanto und Co. den Kampf angesagt. Ihre UKW-Stationen koordinieren in der Region Santiago del Estero die Abwehr des Landraubs der großen Agrarkonzerne. Die Radios klären die Menschen über ihre Recht auf. Sie senden, wer unter den Campesinos gerade Hilfe braucht, damit dann alle zusammenkommen können, um Schutz zu geben. Von diesen Ereignissen erzählte unser Dokumentarfilm “Sachamanta”. Auch der Filmemacher Rainer Knepperges (“Die Quereinsteigerinnen”) hat ihn gesehen. In seiner Kritik schrieb er dann:

„Eine junge Frau schüttet mit Schwung einen Eimer Wasser über das staubige Solardach ihrer unabhängigen Radiostation. Aus amerikanischen Western kennt man solche Kinoheldinnen, die irgendwo in der Weite eines kargen Landes leben, und die trotz ihrer Not zu beneiden sind um ihren Mut. Menschen, deren Stärke schon deshalb zu bewundern ist, weil jeder Einzelne von der Angst spricht und sich erinnert an die Schwäche vor dem Zusammenfinden zu einer Gemeinschaft.”

Die Radiomacherinnen von Sachamanta haben dem bundesdeutschen Publikum etwas zu sagen gehabt und sie haben es auch gesagt:

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Creating Commons: „Offene Werkstätten sind wie Schneeflocken“

„Immer anders.“ Das sagt Tom Hansing von der Stiftungsgemeinschaft AnStiftung & Ertomis am letzten Tag der DIY-Tagung. Hansing ist ein Kümmerer. Er kümmert sich um den Verbund offener Werkstätten. Offene Werkstätten wiederum sind Freiräume zum Selbermachen. Menschen brauchen solche Räume,

„Räume, die undefiniert sind. Sie brauchen Raum und Unterstützung, um dort was zu entwickeln. Aber es ist total schwierig für freie Räume – also für Leere – Geld oder Unterstützung zu beantragen.“

Das berichtete Frauke Hehl von der Berliner Workstation Ideenwerkstatt, die mit ihrem Beitrag den letzten Tagungstag eröffnet hat. Wenn sie spricht klingt das immer ein wenig, als gäbe es überall Commons, zumindest an allen Ecken und Enden Berlins. Selbst „Jobcenter“ könne man kreativ und subversiv selbermachen, findet sie – während die Präsentation das BA-Logo hackt. Es macht Mut, Frauke Hehl zuzuhören!

Doch zurück zu den offenen Werkstätten. Da geht es nicht um Kaffeesatzleserei, sondern um Handfestes. Tolles aus Kaffeesatz zum Beispiel. Ungewöhnliche Fahrradständer oder so eine Art Restebank im Fahrradschlauchlook. Alles anfängergeeignet (wer weitere Ideen verfolgen will, abonniert am besten das Ding des Monats).

Egal ob Steinwerkstatt, Siebdruckwerkstatt oder Selbsthilfewerkstatt – offene Werkstätten sind Orte für gemeinsames handwerken, reparieren, upcyclen oder fabben, Orte, an denen geteilt wird, was fürs Selbermachen nötig ist: Den Rest des Beitrags lesen »

Leila macht Leihen leichter

Kaufen war gestern, heute ist Leila.“ Mit diesem Motto eröffnen Nikolai Wolfert und Silke Kolwitz ihren Tagungsvortrag über den Leihladen im Berliner Prenzlberg. Auch von einem bekannten Werbeslogan haben sie sich inspirieren lassen. Eins – zwei – drei – leih.

Als Hintergrund zitiert Nikolai Franz Alt, der daran erinnerte dass

„die Sonne keine Rechnungen schickt, sondern Energie schenkt.“ Ergo*: „Uns wurde die Welt geschenkt und wir sollten sie weiterschenken.“

Zudem haben die Leilas den Konsum als „Klimakiller Nummer Eins“ identifiziert. Darüber kann man sich bekanntlich streiten. Schließlich ist die Konsumgesellschaft nicht vom Himmel gefallen, sondern nur die Gestalt bzw. der Ausdruck des eigentlichen Problems.

Aber egal, die Praxis von Leila überzeugt und verdient insbesondere in unseren Städten viele Kopiererinnen und Kopierer. (Liebe Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker: Bitte stellen Sie Räume für Leihläden zur Verfügung, sobald dieser Wunsch an Sie herangetragen wird. Danke!)

In Leila soll erfahrbar werden, dass alle gewinnen, wenn wir teilen. Leihen statt kaufen spart Geld, entlastet von Staubfängern, führt zu intensiverer Ressourcennutzung und verbindet, erklärt Nikolai. Teilen bedeutet … Den Rest des Beitrags lesen »

Zwischen mir und der Tomate gibt es keinen virtuellen Raum

[Von der DIY Tagung in Tutzing].

NN steht im Programm. Zwei Gründerinnen von O’pflanzt is in München stellen zunächst die Prinzipien ihres Gartens und erklären somit, warum sie sich mit dem NN ganz wohlfühlen (obwohl sie Vanessa und Caro heißen).

Die Prinzipien von O’pflanzt is sind unter anderen:

Basisdemokratie, Konsensprinzip, ständige Anpassung der Regeln und: so austauschbar sein wie möglich.

Am Anfang war ein Film und eine Gedankenskizze (Foto), erzählt Vanessa:

„Ich hatte einen Film gesehen habe über Projekte in Berlin und Leipzig und dachte WOW, … Den Rest des Beitrags lesen »

Commons and Transition: It’s about the whole thing

Rob Hopkins, alias der Unermüdliche (vermutlich ist er allen Blogleser_innen hier bekannt) hat nicht nur ein Interview mit mir gemacht, sondern es auch noch transkribiert und ganz nebenbei die englische Ausgabe des Commonsbuches mit vorgestellt.  Thank you, Rob!

Hopkins ist immer etwas schneller als die anderen. Ein Kümmerer der Transition Town Bewegung, wie diese ihn sich besser nicht wünschen könnte.  Für mich war es wichtig, endlich eine Gelegenheit zu finden, mit Rob Hopkins über die Beziehung zwischen Commons- und Transition Town Bewegung zu sprechen. Dazu gibt’s auch  ein paar Gedanken ganz am Schluss des Interviews. Den Text habe ich ganz leicht bearbeitet – schließlich war das ein Überfall in der Mittagspause ;-) .

An interview with Silke Helfrich: “We have to reformulate the role of the state as enabler of the commons” [via]

The other interview I did at the Degrowth conference in Venice recently was with Silke Helfrich, one of the editors (along with David Bollier) of the excellent recently-published book The Wealth of the Commons:  A World Beyond Market and State‘, a collection of 73 articles by activists, academics and project leaders (I wrote one on resilience) on the theme of the commons.  I recommend it.  Silke gave a fascinating presentation at Degrowth 2012, so one day, after lunch, I caught up with her and asked to her to tell me more.

So Silke, you’re one of the editors of ‘The Wealth of the Commons: a world beyond market and state’, and you’ve been talking here at the Degrowth 2012 conference about the commons and why for you the commons is such an important aspect of Degrowth and where we go forward from there. Could you give, for people who don’t know what you mean by that term, the commons, a basic sense of how would you explain it to somebody in a lift? Den Rest des Beitrags lesen »

Wie sich Commons entfalten können

Die folgende Übertragung der Ostromschen Designprinzipien für erfolgreiches Commons-Management ist Ergebnis intensiver Diskussionen auf der ersten Commons-Sommerschule, die im Juni 2012 in Bechstedt/Thüringen stattgefunden hat. Sie soll die Grundgedanken, die in den Prinzipien gefasst sind, für alle leichter nachvollziehbar machen. Dabei gehen wir davon aus, dass sich Commons überall entfalten können. Die englische Fassung gibt es hier. Wir betrachten beide Versionen als relativ stabil, Änderungsvorschläge sind gleichwohl jederzeit willkommen!

Acht Orientierungspunkte für das Commoning

Elinor Ostrom und andere haben Designprinzipien für die gemeinschaftliche Nutzung von Ressourcen formuliert. Sie sind die Essenz unzähliger Feldstudien. Sie wurden aus einer wissenschaftlichen Perspektive verfasst und bleiben für die Commons-Bewegung von großer Bedeutung.

Unsere Perspektive ist die der aktiven Commoners, der Menschen, die Commons machen. Uns geht es weniger um Institutionen, sondern um Räume der Gemeinschaftlichkeit und Kooperation, die wir uns schaffen. An den Ressourcen interessiert uns weniger ihre Beschaffenheit, sondern wie wir sie erhalten und nutzen können. Wir beziehen uns folglich sowohl auf materielle wie nicht-materielle Ressourcen, auf traditionelle wie neue Commons.

Ostroms Designprinzipien sind für uns ein Muster für die Entwicklung der folgenden Orientierungspunkte. Wir hoffen, dass sie Anregungen für Commoners sind, die eigene Praxis zu reflektieren.

Commons existieren nicht in einer heilen Welt, sondern in einer commons-unfreundlichen Umgebung. Es ist daher wichtig, dass Commoners sich bewusst sind, welchen Schatz sie in den Händen halten, um ihn bewahren und entfalten zu können.

1. Als Commoner ist mir klar, um welche Ressourcen ich mich kümmere und mit wem ich das tue. Commons-Ressourcen sind das,  was wir gemeinsam herstellen, was der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt wurde oder was wir als Gaben der Natur erhalten.

2. Wir nutzen die Commons-Ressourcen, die wir schöpfen, pflegen und erhalten. Wir verwenden die Mittel (Zeit, Raum, Technik und Menge der Ressource), die jeweils verfügbar sind. Als Commoner habe ich das Gefühl, Den Rest des Beitrags lesen »

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