Ende mit Wachstum. Es geht um die Substanz

Im Tagesspiegel kommentiert Michael Müller, ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter und Sachverständiger der Enquete- Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität die Sache mit dem Wachstum. Daneben gibt es eine pointierte Illustration von Reiner Schwalme. Ich stelle fest, die SPD entdeckt zunehmend die Gemeingüter.

Müller macht einen bemerkenswerten Aufschlag, indem er die “Funktionslogik der Moderne” in Frage stellt und die technokratischen Sachzwänge nicht als ökonomisches, sondern als kulturelles Problem beschreibt. Völlig zu Recht. Deshalb:

“Es geht nicht nur um die Form der Demokratie, nicht nur um die unzureichende Beteiligung der Bürger und eine Bastapolitik, sondern auch um die Substanz. Uns plagt nämlich nicht nur ein Altersrheuma, wir leiden auch an den Geburtsschmerzen im Übergang zu einer neuen Ordnung.”

Dann droht er mit dem Gespenst einer “neuen Barbarei” (Horkheimer), der er sechs konkrete Gestaltungsvorschläge – wenngleich noch keine neue Funktionslogik – gegenüber stellt.

  • Effizienzrevolution und Umstieg in die Solar- und Kreislaufwirtschaft. Dabei werden die Grünen an Folgendes erinnert:

“Es wäre … eine Illusion, den Naturverbrauch allein durch ein grünes Wachstum stoppen zu können. An neuen Formen einer genügsamen Lebens- und Wirtschaftsqualität jenseits materieller Maßstäbe kommen wir nicht vorbei.”

  • ein weltweit Regime für die Nutzung der Brenn- und Rohstoffe und der Nahrungsgrundlagen, als gemeinsame Erbe der Menschheit

“deshalb müssen Eigentumsrechte eine Nachhaltigkeitsverpflichtung bekommen.”

  • gerechte Verteilung von Einkommen und Chancen und Gesetz für einen nachhaltigen Wettbewerb
  • angemessene Bereitstellung öffentlicher Güter durch den Staat. Und: “

“Die Gemeingüter dürfen nicht länger privatisiert und ausgezehrt werden. Stattdessen müssen die Steuerbasis verbreitert, hohe Einkommen und Vermögen stärker besteuert und fragwürdige Subventionen beendet werden.”

  • Arbeitszeitverkürzung und Arbeitszeitgestaltung
  • EU als Nachhaltigkeitsunion und Europa als Motor des sozialökologischen Umbaus

Nun, Gemeingüter kann man nicht nur durch Umverteilung schützen, sondern dadurch, dass man den Menschen die Möglichkeitkeit gibt (oder lässt), sie zu produzieren und zu pflegen. Und auch was “nachhaltiger Wettbewerb” ist, erschließt sich nicht, wenn man dem Nachhaltigkeitsbegriff nachspürt. Aber ansonsten scheint es mir die richtige Richtung. Jetzt heißt es: Weiterdenken.

7 Gedanken zu “Ende mit Wachstum. Es geht um die Substanz

  1. Hallo, ich freue mich, hier angekommen zu sein. danke fb. das muss man ja auch mal sagen.

    In unseren Transition-Initiativen sind wir schon lange beim Postwachstum angekommen. Auf Regierungsdeutsch heißt das Negativwachstum. Keine Ahnung, warum man uns alle für dumm verkaufen will.

    Es gehört dem Globalisierungwahn ein Ende gesetzt. Und die Gemeingüter bedürfen eines besonderen Schutzes. Wenn die Regierenden das nicht so sehen, nehmen wir das selbst in die Hand. Die Erde gehört allen und niemandem. Das ewige Gerede vom freien Markt wird dazu führen, dass die Mehrheit den Punkt nicht mitbekommt, wenn es definitiv zu spät ist, etwas zu ändern.

    Ich hoffe, Sie werde ich auf dem Bloggerkongress in Köln im Februar treffen. Ihre Beiträge sind jedenfalls mehr als lesenswert. http://www.derkongressbloggt.de/

    Vielen Dank

    • Auf der Infoseite zum “Kongress” steht:

      “Wir müssen den Weg für nachhaltiges ökologisches Wachstum mit langfristigen Investitionen und sozialer Sicherheit für eine planbare Zukunft betreten.”

      Wundert mich, dass “ad sinistram” etc. so etwas unterschreiben, da ihre Kritik tiefer ansetzt. Was die Wachstumsfrage angeht, hat Harald Welzer da schon weiter gedacht…

      • Wachstum ist auf Dauer krankhaft. Allerding kann man auf dem Weg zum Nullwachstum kleinere Schritte machen, damit man irgendwann alle erreichen kann. Ich denke auch, dass es 5 nach 12 ist. Wenn man mit der These auftaucht, fallen viele in Resignation oder Alles-egal-Aktivismus. Und das gilt es zu verhindern.
        Ich würde einen Kongress blödsinnig finden, der Wachstum progagiert. Einen gewissenhaftern Umgang mit Wachstum kann ich als Übergangsstation unterschreiben. Da darf nur nicht Schluss sein.

  2. @ vordenkerseiten: Oh, danke für die Blumen. :-) Auf dem Bloggerkongress kann ich leider nicht sein, weil ich da auf dem Weltsozialforum in Dakar über Commons diskutiere. Hoffentlich auf dem nächsten, denn das scheint mir ein interessantes Konzept zu sein.

  3. Hallo Bettina,
    der Link funktioniert nicht – ich bin aber auch keine facebookerin, wäre also schön, wenn Du die Botschaft einfach hier in die Kommentare kopierst.
    Liebe Grüße
    Silke

    • Hier der Kommentar aus o.g. Beitrag:
      “Vielen Dank für den Hinweis. Leider ist uns dieser Blog bisher nicht bekannt gewesen. Das offizielle Programm ist für dieses Jahr in Köln zu. Wir haben keine freien Kapazitäten mehr. Aber wir hoffen dass dieser Kongress der Blogger eine Fortsetzung findet.
      Um sie bekannter zu machen könnte sie doch einen Beitrag im “Blog Karneval” auf unserer Homepage posten.Lade sie doch dazu ein, auch gerne als Gast nach Köln zu kommen.

      Uns wurde schon vorgeworfen, dass keine Frauen dabei sind. Allerdings hatten wir das Problem in der Planungszeit, dass es kaum Frauen gab, bzw. uns bekannt waren, die als politische Blogger wahr genommen werden. Mit Deiner Nachricht haben wir drei kennen gelernt, die zu unserem Kongress Konzept passen würden.
      Also, falls es weiter geht, dann auch mit “tollen Frauen”.

      Mir persönlich ist die Fixierung auf M/F unwichtig. Darüber sollten wir eigentlich hinwegsein.
      Ich werde die Veranstaltung besuchen. Wenn es beim nächsten Mal größer wird, hat Wachstum ja auch mal was positives.

      Und FB ist nicht so schlecht wie mittlerweile sein Ruf.
      Liebe Grüße
      Bettina

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